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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarum wir kaufen, was wir nicht brauchen24.10.2016

Phishing for FoolsWarum wir kaufen, was wir nicht brauchen

Unter "Phishing" versteht man im Allgemeinen das illegale Abgreifen von privaten Daten durch fingierte Mails. Für die US-Autoren George A. Akerlof und Rober J. Shiller steht es jedoch für alle Versuche von Unternehmen, Verbraucher über den Tisch zu ziehen. Allerdings: Ihre Thesen sind weder neu noch überraschend.

Von Sandra Pfister

Zwei Männer tragen am 21.01.2013 in der Innenstadt von München (Bayern) mehrere Einkaufstüten. (dpa / Andreas Gebert)
Zwei Männer mit Einkaufstüten in der Münchner Innenstadt (dpa / Andreas Gebert)
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Um es gleich vorweg zu sagen: Wer nicht BWL oder VWL studiert hat, wird erst mal gar nicht verstehen, was an der These der Autoren so sensationell sein soll. Menschen verhalten sich nicht immer vernünftig, sie sind erstaunlich häufig emotional, irrational, eitel oder unsicher. Und deshalb sind sie, sind wir alle, verführbar.

Das klingt banal. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen; wir werden Mitglied in einem Fitnessstudio, obwohl wir wissen, dass wir kaum hingehen, wir überziehen unsere Konten, obwohl uns klar ist, dass dafür deftige Dispo-Zinsen fällig werden. Oder wir ernähren uns falsch:

"Die starke Anziehungskraft, die industriell verarbeitete, pseudo-gesunde Lebensmittel auf unser primitives Geschmacksempfinden ausüben, ist so umfassend belegt, dass wir hier nicht weiter darauf eingehen müssen. Aber sie ist ein Beleg für unsere Theorie, dass überall nach 'Dummen' gephischt wird."

Phishing im neuen Gewand

"Phishing" ist eines der Lieblingswörter der Autoren. Sie gebrauchen es nicht als Beschreibung dafür, dass Menschen mittels gefälschter Mails oder Kurznachrichten sensible Kontodaten entlockt werden sollen. "Phishing" steht bei ihnen für alle Versuche von Unternehmen, Verbraucher über den Tisch zu ziehen.

Akerlof und Shiller zitieren zahlreiche Beispiele – vom Finanzbereich bis hin zu Pharma- und Lebensmittelkonzernen. Eine Strategie sei zum Beispiel das "reputation mining" – ein Unternehmen, beispielsweise eine Bank, nutzt ihren redlichen Ruf aus, um faule Früchtchen zu verkaufen, zum Beispiel "subprime loans", Schrottpapiere, die Auslöser der vergangenen Finanzkrise.

"Wenn ich in dem Ruf stehe, schöne, reife Avocados zu verkaufen, bietet sich mir die Chance, Ihnen eine minderwertige Avocado zu dem Preis zu verkaufen, den Sie für eine gute, reife Frucht akzeptieren würden. Ich habe meine Reputation ausgeschöpft. ( ... ) Und ich habe Sie als 'Dummkopf' gephisht."

Zwischen Lüge und Wahrheit

Unternehmen manipulieren uns; sie lügen nicht direkt, sagen aber auch oft nicht die Wahrheit. Das ist – nun ja – nicht gerade schockierend für halbwegs informierte Mitteleuropäer. Werbung funktioniert, sonst gäbe es sie nicht – so what?

Schockierend sei, so beschreiben es Akerlof und Shiller, dass diese Banalität aber immer noch nicht in den Wirtschaftswissenschaften angekommen sei. Wirtschaftswissenschaftler gingen immer noch davon aus, dass wir alle perfekt rational handelten und uns vor Entscheidungen minutiös informierten – und wenn alle das tun, komme am Ende ein perfekter freier Markt raus, bei dem alle das kriegen, was für sie am besten ist.

"Würde die gegenwärtige Wirtschaftstheorie als Musik geschrieben, so wäre sie C-Dur. Sie ist ein Loblied auf den Markt. Der Zweck dieses Buches ist es, auch die wirtschaftlichen Misstöne zutage zu fördern.

Das Wissen um die Vorzüge des freien Marktes sollte uns nicht blind für seine Mängel machen. Uns schwebt eine Wirtschaftstheorie in Moll vor, die mehr Symphonie aus der neuen Welt als Halleluja-Chor ist."

Diese Wirtschaftstheorie in Moll würde endlich berücksichtigen, was Psychologen seit Jahren wissen:

"(...) dass die Menschen häufig Entscheidungen fällen, die nicht in ihrem Sinn sind."

Akerlof und Shiller behaupten selbstbewusst, mit diesem Ansatz die Ökonomie zu revolutionieren. Ihre Kernthese: Es sei die Regel und nicht die Ausnahme in der freien Marktwirtschaft, dass Unternehmen unsere Verführbarkeit ausnutzen. Und dann, sagen Akerlof und Shiller, seien die, die ehrlich spielen, irgendwann die Dummen. Denn es setze sich nicht mehr automatisch das beste Produkt durch, sondern das, zu dem die beste, wenn auch nur halbwahre, Geschichte erzählt wird.

"Ein Züchter köstlicher Avocados ist in einem solchen Gleichgewicht nicht wettbewerbsfähig. Er müsste seine perfekten Avocados zum selben Preis verkaufen wie die überbewerteten minderwertigen. (...) Der Ökonom Carl Shapiro beschrieb ein solches Gleichgewicht im Jahr 1982 und gelangte zu dem Schluss, dass dieses Marktgleichgewicht auf einem freien Markt zur Ausbreitung relativ minderwertiger Produkte führt."

Das systematische Versagen des Marktes

Der Markt versagt systematisch, weil die bisherige ökonomische Theorie die Naivität der Menschen und ihre Anfälligkeit für Täuschungsmanöver einfach ignoriert habe. Damit haben die Autoren sicher recht.

Aber sie tun so, als hätten in der Zwischenzeit nicht längst Dutzende von Verhaltensökonomen die reine Lehre untergraben. Man könnte auch sagen: Akerlof und Shiller tragen eigentlich nur alles zusammen, was diese Verhaltensökonomen längst in Einzelstudien herausgefunden haben.

Die politische Mission der Autoren

Dass sie dennoch so darauf beharren, aus lauter kleinen Forschungen endlich eine große neue Erkenntnis gewonnen zu haben, hat möglicherweise zweierlei Ursachen: Zum einen sind sie Amerikaner, und zum zweiten haben sie eine politische Mission.

Während die Europäer und insbesondere die Deutschen mit ihrer "sozialen Marktwirtschaft" das freie Spiel der Kräfte immer schon reguliert haben, sind die Märkte in den USA viel weniger reguliert – insbesondere seit Ronald Reagan.

Akerlof und Shiller wollen zurück zu einer Politik, die vor verbraucherschützenden Interventionen nicht zurückscheut. An keiner Stelle sagen sie explizit, dass sie für mehr staatliche Regulierung sind – vielleicht, weil das in den USA derzeit ein zu heißes Eisen ist. Aber sie loben beispielsweise den "New Deal" unter Franklin D. Roosevelt.

"In einer langen, umkämpften Geschichte, die genau zum Zeitpunkt von Reagans Amtsantritt fast ein Jahrhundert gedauert hat, hatte sich ein staatlicher Einfluss herausgebildet, der der amerikanischen Bevölkerung zugutekam."

Akerlofs und Shillers Helden wären, auf deutsche Verhältnisse übertragen, nicht nur eine Verbraucherministerin, sondern auch TÜV-Behörden oder Stiftung Warentest.

Das ist vernünftig, das ist gut, und das Buch ist, abgesehen von ein paar holprigen oder schiefen Übersetzungen, auch angenehm zu lesen. Aber im Unterschied zu ihrem zurückliegenden Buch ist vieles von dem, was Akerlof und Shiller diesmal auftischen, weder neu noch überraschend. Der Staat sollte die Wirtschaft über ein Mindestmaß hinaus regulieren – das ist vielleicht eine Schlussfolgerung, die in den USA aufhorchen lässt, in Europa aber wohl kaum.

George A. Akerlof, Rober J. Shiller: "Phishing for Fools. Manipulation und Täuschung in der freien Marktwirtschaft", Econ 2016, 416 Seiten, 24,00 Euro. 

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