Dienstag, 26.03.2019
 
Seit 15:00 Uhr Nachrichten
StartseiteWissenschaft im BrennpunktWie die Gegenwart entsteht und warum sie vergeht09.12.2018

Physik der ZeitWie die Gegenwart entsteht und warum sie vergeht

Jetzt - das ist alltägliche Realität, nichts, worüber man nachdenkt. Doch Richard A. Muller führt seinem Leser in "Jetzt. Die Physik der Zeit." vor Augen, dass dieses schlichte Jetzt physikalisch betrachtet eines der größten Rätsel überhaupt ist.

Rezension von Dagmar Röhrlich

Zeitumstellung 2017 auf Winterzeit Alle Jahre wieder die gleiche Prozedur. Am letzten Wochenende im Oktober werden die Uhren umgestellt. Dann wird die Sommerzeit auf die Winterzeit umgestellt. Foto: Revierfoto Foto: Revierfoto/Revierfoto/dpa | Verwendung weltweit (Revierfoto)
Dass die Zeit fließt, hängt damit zusammen, dass das Universum seit dem Urknall expandiert und dabei ständig neue Zeit erschaffen wird. Dieses These vertritt der US-Physiker Richard A. Muller in seinem neuen Sachbuch. (Revierfoto)
Mehr zum Thema

Richard A. Muller: "Jetzt: Die Physik der Zeit" Das Universum und der Strom der Zeit

Carlo Rovelli: "Die Ordnung der Zeit" Zeit existiert nur in unseren Köpfen, als Konstrukt unserer Gehirne

In dem Moment, indem ich diesen Buchstaben schreibe, ist er auch schon Geschichte. Doch was ist dieser Moment, bevor aus Tun Vergangenheit wird? Fließt dieses Jetzt? Bewegt es sich durch die Zeit? Wird es ständig neu erschaffen? Sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur Illusionen? Obwohl wir in ihr leben und sie von unserer Geburt bis zu unserem Tod fortwährend erfahren, ist die Zeit physikalisch betrachtet ein großes Geheimnis und die Gegenwart ein blinder Fleck.

Diese Tatsache hat Albert Einstein zutiefst beunruhigt. Die Erfahrung des Jetzt bedeute für den Menschen etwas Besonderes, etwas von Vergangenheit und Zukunft wesentlich Verschiedenes, aber dieser wichtige Unterschied komme in der Physik nicht vor und könne dort nicht vorkommen. Denn: "Es gebe etwas Wesentliches bezüglich des Jetzt, das schlicht außerhalb der Wissenschaft liege", erzählte der Philosoph Rudolf Carnap in seiner "Intellektuellen Autobiographie", die Muller zitiert. Und so fehlt die Gegenwart nicht nur in Newtons Mechanik, sondern auch in Einsteins Relativitätstheorie, weil wir erst jetzt, so Muller weiter, über alle physikalischen Kenntnisse verfügten, um das Jetzt zu verstehen.

Das Jetzt in der Physik

Dann trägt der Autor zusammen, was aus physikalischer Sicht über die Zeit bekannt ist: das klassische Zwillingsparadoxon kommt ebenso vor wie das, was mit der Zeit bei der Annäherung an ein Schwarzes Loch geschieht. Muller erzählt von der Entropie, also der dem Universum innewohnende "Neigung" aus Ordnung Unordnung zu machen. Der britische Astrophysiker Arthur Eddington hatte sie in seinem 1928  erschienen Buch "Das Weltbild der Physik" als Grund für den "Zeitpfeil" angeführt. Dieser Pfeil verhindert, dass sich Scherben spontan wieder zu einem ganzen Glas zusammenfügen, nachdem es auf den Boden gefallen ist. Außerdem kommt die Quantenphysik vor - natürlich samt Schrödingers Katze, Stringtheorie und Co.

Schon die wenigen Schlagworte zeigen, dass sich Muller in seinem in fünf Teile untergliedertem Buch einem physikalisch höchst anspruchsvollen Thema gewidmet hat. Er entwirft ein komplexes Puzzle, aus dem sich - so hofft er - ein eindeutiges Bild des Jetzt herauskristallisieren wird, wenn - ja wenn man nur die falschen Puzzlesteine wieder herausnähme, die sich im Lauf der Forschungen angesammelt hätten.

Manche Ausführungen schwierig für Laien

Und so widmet sich der Leser erwartungsfroh diesem Puzzle und stellt fest, dass dieses Buch selbst für den Nicht-Physiker über Strecken eingängig zu lesen ist, vor allem, wenn es um die allseits bekannten Beispiele wie eben das Zwillingsparadoxon geht oder um Mullers eigene Forschung, die er anschaulich beschreibt. Doch dazwischen wird es richtig schwierig. Manche Ausführungen kann der Laie im Grunde nur glauben, sich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Etwa wenn es darum geht, dass der Autor den Zeitpfeil Eddingtons als "Pseudotheorie" einordnet, als "falschen Puzzlestein", den es heraus zu nehmen gilt. Der Grund: Die grundsätzliche Zunahme der Entropie im Richtung des Zeitpfeils sei willkürlich und nicht empirisch überprüfbar. Darüber mögen die Experten diskutieren.

Dass das Lesen dieses Buches trotzdem interessant bleibt, liegt unter anderem daran, dass die im Zusammenhang mit der Suche nach der Zeit - für Nicht-Physiker unerwartete - Frage nach der Existenz des Freien Willens aufgeworfen wird. Dieses "Jetzt" schreibt der Autor, sei der einzige Augenblick, den wir beeinflussen könnten, "der einzige Augenblick, in dem wir die Entropiezunahme von uns selbst ablenken und damit eine lokale Entropieabnahme veranlassen können". Diese wiederum sei die Quelle für den Fortbestand von Leben und Zivilisation - und weil der Mensch den Lauf der Entropie beeinflussen könne, müsse er einen freien Willen haben, so Mullers Schlussfolgerungen.

Das werden wohl die meisten Laien nur glauben und nicht argumentativ nachvollziehen können. Außerdem gibt es ohnehin noch einen Haken: Falls Tachyonen existieren sollten, also hypothetische Teilchen, die schneller sind als das Licht "und dafür sorgen könnten, dass die Folgen in irgendeinem Bezugssystem den Ursachen vorausgehen", dann ist die Beweisführung ohnehin Makulatur, erklärt der Autor.

Anregungen füs eigene Weiterdenken

Und was steckt nun für Richard A. Muller hinter dem Jetzt? Er schlägt die Expansion des Universums vor. Sie schaffe neuen Raum und neue Zeit. Das Jetzt wäre dann der "vorderste, expandierende Rand der Zeit (...), und der Fluss der Zeit ist die ständige Erschaffung von neuen Jetzts." Das hört sich spannend an - und könnte Diskussionsstoff auf Physikerkonferenzen sein.

Das Fazit: Ein interessantes Buch, das viele seiner Leser jedoch nicht immer mitnehmen dürfte. Auf jeden Fall bietet es aber Anregungen fürs eigene Weiterdenken.

Jetzt. Die Physik der Zeit.
Von Richard A. Muller
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sebastian Vogel
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 475 Seiten, 25 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk