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Pierre-Auguste und Jean Renoir im Musée d´OrsayKindheit im Atelier

Der französische Filmregisseur Jean Renoir saß seinem Vater, dem berühmten Maler Auguste Renoir, als Kind Modell. Umgekehrt war der Vater eine Art Lebensmodell für den Sohn. Das Pariser Musée d´Orsay zeigt ihr Verhältnis zueinander aktuell im Rahmen einer Ausstellung.

Von Kathrin Hondl

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Pierre Auguste und Jean Renoir auf einer Fotografie von Pierre Bonnard von 1916 (Musée d'Orsey, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
Pierre Auguste und Jean Renoir auf einer Fotografie von Pierre Bonnard von 1916 (Musée d'Orsey, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
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Wer sich nicht nur für Kunst, sondern auch für die Psychodynamik von Vater-Sohn-Beziehungen interessiert, ist im Musée d’Orsay an der richtigen Adresse. Denn es sind schon ganz besondere Geschichten, die sich zwischen Vater Pierre-Auguste und Sohn Jean Renoir abgespielt haben müssen. Der Sohn, geboren 1894, ist noch kein Jahr alt, als er beginnt, seinem berühmten Malervater Modell zu sein. Eine Kindheit im Atelier: Rund 60 Portraits malte oder zeichnete Vater Renoir von seinem Sohn - als Baby mit dem Kindermädchen, als mädchenhaftes Kleinkind mit langem welligem Haar, als Pierrot, lesender Jüngling oder in Jägerpose. Und im Atelier des Vaters lernt Jean Renoir auch seine erste Frau kennen, das Lieblingsmodell der letzten Schaffensphase von Auguste Renoir: Andrée Heuschling, die später als Filmschauspielerin unter dem Namen Catherine Hessling bekannt wurde. Der erfolgreiche Künstlervater – er wurde in vielerlei Hinsicht wohl auch seinerseits ein Modell für den Sohn.

"Die Konstante in dieser Beziehung", sagt Kuratorin Sylvie Patry, "ist die tiefe und andauernde Bewunderung Jeans für seinen Vater und dessen Werk. Natürlich versucht er immer wieder auch, sich zu lösen, um sich dann wieder anzunähern in den unterschiedlichen Lebensphasen. Aber es dominiert Bewunderung, fast schon eine Pietät des Sohns, mit der sich Jean Renoir auch schmückte."

Hommage an die Freiheit

Die Ausstellung beginnt mit jenem Jean Renoir-Film, der die Verwandtschaft mit dem impressionistischen Malervater regelrecht herauszuschreien scheint: "Une partie de campagne" – "Eine Landpartie" von 1936. Vorlage für den Film war die gleichnamige Novelle von Guy de Maupassant aus dem Jahr 1881. Es geht also zurück in die Zeit, als Vater Renoir muntere Landpartien und Kahnfahrer an der Seine malte, um die es auch in Maupassants Novelle geht. Und auch Jean Renoirs Film präsentiert eine Art impressionistischer "Landschaftsmalerei", bzw. ihre Fortsetzung mit den Mitteln der Filmkamera. Da ist zum Beispiel Auguste Renoirs berühmtes Bild "La Balançoire": Eine Frau, stehend auf einer Schaukel zwischen Bäumen, neben ihr zwei Männer und ein Kind, das Sonnenlicht, das durch die Blätter dringt, scheint zu vibrieren. Das Gemälde strahlt Leichtigkeit und Lebensfreude aus, wie sie auch Jean Renoir in einer grandiosen Filmszene ausdrückt. Die ist an die Wand gegenüber projiziert: Die Hauptdarstellerin der "Landpartie" schaukelt da juchzend und jauchzend vor im Sonnenlicht schillernden Bäumen. Aber bei aller Ähnlichkeit – Jean Renoir habe nie die Malerei des Vaters "verfilmt", sagt die Kuratorin.

Malerei im modernen Medium

"Es geht nicht so sehr darum, dass hier und dort eine Schaukel zu sehen ist. Jean Renoir kannte das Gemälde, es ist eine Art Hommage an die Freiheit, aber er experimentierte hier mit den Mitteln des Kinos."

Bevor er sich dem damals neuen Medium Film widmete, versuchte sich allerdings auch Jean Renoir in der Bildenden Kunst. In den frühen 20er Jahren schuf er nicht weiter bemerkenswerte Keramiken, bunte Vasen und Schüsseln, die jetzt auch im Musée d’Orsay zu sehen sind. Vor allem wohl, weil sie zur Barnes-Collection in Philadelphia gehören, die die Ausstellung koproduziert hat. Filmische Meisterwerke von Jean Renoir wie sein Anti-Kriegsfilm "Die große Illusion" fehlen dagegen – ein direkter Link zur Vater-Sohn-Beziehung war offenbar nicht zu finden. Eine Beziehung, die Jean Renoir selbst allerdings in allen seinen Filmen zu erkennen vorgab. "Ich muss gestehen, dass ich immer nur meinen Vater imitiert habe", behauptete er gegen Ende seines Lebens. Aber das stimmt natürlich nicht.

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