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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Pierre Boom: Gerhard Haase-Hindenberg: Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich.22.03.2004

Pierre Boom: Gerhard Haase-Hindenberg: Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich.

Aufbau Verlag Berlin 2004, 415 Seiten, Euro 22,50

<strong>Kürzlich haben wir Ihnen in unserer Sendung das Buch "Verratene Kinder" vorgestellt, das sich mit dem Schicksal zweier Töchter von Geheimdienstmitarbeitern in Ost und West beschäftigte. Ein solches "verratenes Kind" ist auch Pierre Boom, der inzwischen 47-jährige Sohn des "Kanzlerspions" Günter Guillaume, dessen Enttarnung 1974 den Rücktritt Willy Brandts auslöste. Verraten von einem Vater, der bis zu seinem Tod im April 1995 den Fragen seines Sohnes nach dem "Warum" seines Tuns verbittert ausgewichen ist. So ist die Recherche für sein Buch "Der fremde Vater" für Pierre Boom zu einem Stück persönlicher Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte geworden. </strong>

Von Otto Langels

Die Verhaftung meiner Eltern war am 24. April 1974, um halb sieben Uhr morgens, ich schlief. Mein Zimmer in der Wohnung war das erste neben der Eingangstür, so dass ich gar nicht vom Klingeln an der Tür wach wurde, sondern mehr durch eine Unruhe in der Wohnung, im engen Flur in der Wohnung.

Der damals 17-jährige Pierre Guillaume verstand zunächst nicht, was sich an jenem Morgen vor seinen Augen abspielte. Es dauerte Tage, bis er allmählich begriff, dass Günter und Christel Guillaume jahrzehntelang ein Doppelleben geführt hatten: einerseits die Fassade einer gutbürgerlichen, sozialdemokratischen Familie, in der der Sohn wohl behütet aufgewachsen war; dazu eine Berufs- und Parteikarriere, die die Mutter bis ins Vorzimmer der Hessischen Staatskanzlei und den Vater als Referenten Willy Brandts ins Kanzleramt gebracht hatte. Und dahinter die Spionage-Tätigkeit für die Stasi. Die Guillaumes hatten ihre Rolle als rechte Sozialdemokraten so perfekt gespielt, dass sie sogar zu Hause vor ihrem Sohn den Schein aufrecht erhielten und das SED-Regime als rot lackierte Faschisten beschimpften. Nach der Verhaftung stieß Pierre Guillaume bei seinen Besuchen im Gefängnis auf eine Mauer des Schweigens.

Es war so eine Mischung aus Erschrecken und Neugierde. Erschrecken, dass halt mein Vater so etwas gemacht hat, was natürlich Spionage gewesen ist, mit Geheimdiensten zu tun hatte, auch mit Aspekten wie Verrat, Vertrauensmissbrauch, natürlich den besonderen Aspekt, dass Willy Brandt halt wegen der Guillaume-Affäre zurückgetreten ist. Neugierde aber auch deshalb, weil ich versuchte, ihn zu verstehen. Was mir niemand geliefert hat, waren Informationen, warum das Ganze? Wo lagen die Ursprünge, die Motivation meiner Eltern, meines Vaters, so was zu tun?

Deshalb begab sich Pierre Boom, wie er heute heißt, zusammen mit seinem Ko-Autor Gerhard Haase-Hindenberg auf Spurensuche nach seinem "fremden Vater". Sie interviewten Freunde und Bekannte Günter Guillaumes, suchten alte Schauplätze auf wie die Bonner Wohnung oder das Gefängnis in Köln-Ossendorf, blätterten in Stasi-Akten und sprachen mit Stasi-Offizieren. Erstaunlicherweise verzichteten sie darauf, den ehemaligen Spionage-Chef des MfS, Markus Wolf, zu befragen. Während die meisten ostdeutschen Zeitzeugen sich auf Gespräche einließen, aber nicht unbedingt immer an der Wahrheit interessiert waren, verlief die Recherche im Westen viel schwieriger. Gerhard Haase-Hindenberg:

Das heißt, dass das BKA ihren damaligen Ermittlern trotz erklärter Bereitschaft verboten hat, sich mit uns zu unterhalten, während die ehemaligen Stasi-Offiziere inklusive des Führungsoffiziers von Günter Guillaume als auch der damalige Resident der Staatssicherheit in der Ständigen Vertretung in Bonn uns gegenüber sehr offen und bereitwillig waren.

Herausgekommen ist ein über 400 Seiten dickes Buch, eine Mischung aus Biographie und Autobiographie. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird die Lebensgeschichte Pierre Guillaumes erzählt: als eigene Erinnerung, als sachliche Darstellung der damaligen Ereignisse und als kommentierende Beschreibung der Recherche Jahrzehnte später. Die verschiedenen Ebenen sollen sich ergänzen, führen jedoch häufig zu langatmigen Passagen, ohne neue Informationen oder Einsichten zu vermitteln. Als das Ehepaar Guillaume 1974 verhaftet wurde, war der minderjährige Sohn plötzlich auf sich allein gestellt. Der Fall einer Enttarnung war im Leben eines ostdeutschen Agentenpaares mit Kind offensichtlich nicht vorgesehen. So kümmerten sich schließlich Abgesandte des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit um den 17-Jährigen und setzten ihn unter Druck, in die DDR überzusiedeln. Pierre Guillaume wurde zum Spielball von Politik und Geheimdiensten.

Sie mussten ihn als Faustpfand haben in Ost-Berlin, das war ganz wichtig, weil immerhin die Möglichkeit bestand, dass ihre Agenten vorzeitig eine Begnadigung durch den Bundespräsidenten bekommen könnten und dann aber natürlich mit Bewährungsauflagen nicht in die DDR, sondern in die Bundesrepublik entlassen werden.

In Ostdeutschland wurde Pierre Guillaume jedoch nicht heimisch trotz aller Privilegien, die er als Sohn des Kanzlerspions genießen durfte. Er brach die Schule ab und machte sich als Fotoreporter sein eigenes Bild von der DDR. Vor allem diese Passagen des Buches sind lesenswert, in denen er beschreibt, wie er den realsozialistischen Alltag in der DDR kennen lernte. Ihm blieb ein Rätsel, wie seine Eltern für dieses Land hatten spionieren können.

Ich bin im Westen geboren, in Frankfurt am Main, 18 Jahre habe ich dort gelebt, dort sozialisiert worden und komme dann als beginnender Erwachsener in die DDR, geh da in die Schule, lerne den Alltag kennen, das war schon sehr krass und schwarz-weiß.

1981 wurden seine Eltern freigelassen. Die Guillaumes kehrten heim in die DDR, wo sie Spionage-Chef Markus Wolf mit vaterländischen Orden und einer Villa am See empfing. Aber auch jetzt war der Vater nicht bereit, über die Vergangenheit zu reden.

Als der ausgetauscht wurde, das hat er später so vor mir formuliert, da ist er neu geboren und beginnt jetzt ein neues Leben. Die lange Haftzeit und alles davor ist zum Glück endlich vorbei, hat er hinter sich. Und bei ihm war sehr schnell zu spüren, und er hat mir das auch mehr oder minder deutlich gesagt, dass er eigentlich mit den Dingen, die seine, aber auch die ganze familiäre Vergangenheit und damit auch meine eigene Vergangenheit betreffen, nicht behelligt werden möchte.

Die Mutter reagierte ähnlich: Statt Erklärungen, warum die Eltern spioniert und wie sie das Doppelleben ausgehalten hatten, nur Sprachlosigkeit und Ausflüchte. Hatten sie den Sohn womöglich benutzt, um die Agenten-Tätigkeit besser tarnen zu können?

Bei den Besuchsreisen in das von Bonn ja nahe Holland, die ich in Erinnerung habe, entweder von Ausflugsfahrten nach Maastricht oder es gab eine Fahrt nach Zandvoort, wo wir dem rheinischen Karneval entflohen sind, und ich erfahre, da hat sich mein Vater irgendwann mit einem Kontaktmann aus Ost-Berlin getroffen. Auch manches, was ich ganz schön und unbefangen und selbstverständlich in Erinnerung behalten habe, kriegte dann durch die ganzen Ereignisse eine andere Facette noch.

Nach ihrer Rückkehr in die DDR ließen sich die Eltern scheiden. Der Sohn brach den Kontakt zum Vater ab und stellte 1988 desillusioniert einen Ausreiseantrag. Als Günter Guillaume davon erfuhr, äußerte er im Kreise einiger Genossen, wenn es nach ihm ginge, sähe er seinen Sohn lieber im Gefängnis als im Westen. Das SED-Regime wollte jedes Aufsehen vermeiden und entließ Pierre nur unter dem Namen Boom, dem Mädchennamen seiner Mutter, aus der DDR-Staatsbürgerschaft. Günter Guillaume starb 1995. Der Sohn lebt heute als Fotograf in Berlin. Pierre Boom hat eine jahrelange, intensive Spurensuche betrieben, um herauszufinden, wer der Mensch ist, der hinter dem Kanzlerspion steckte. Das Ergebnis ist eher enttäuschend.

Er bleibt der fremde Vater, auch diese Informationen, wenn’s jetzt meinetwegen seine Biographie, die die historischen Entwicklungen betrifft, immer nur Bruchstücke sind und vor allen Dingen nicht die psychologischen Tiefen und die eigentlichen Beweggründe meines Vaters aufdecken können. Und über das Buch hinaus bis zum heutigen Tag, wo ich auch schon Mitte 40 bin, bleibt vieles fremd, unverständlich, wie so einzelne Mosaiksteine dieser Person, die aber an verschiedenen Stellen nicht zusammen passen.

Der Name Günter Guillaume weckt Erwartungen, die Pierre Boom und Gerhard Haase-Hindenberg nicht erfüllen können. Als zeitgeschichtliche Darstellung eines deutsch-deutschen Schicksals in den 70er und 80er Jahren ist das Buch zu episodenhaft und bleibt zu sehr an der Oberfläche. Die Autoren liefern weder wesentliche neue Erkenntnisse zur Agententätigkeit des Vaters noch bieten sie tiefere Einblicke in die Strukturen und psychischen Deformationen eines Agenten-Doppellebens.

Pierre Boom und Gerhard Haase-Hindenberg: Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich. Erschienen im Berliner Aufbau Verlag, 415 Seiten für 22 Euro und 50 Cent.

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