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StartseiteKalenderblattPilot, Idol, Bürogeneral17.11.2011

Pilot, Idol, Bürogeneral

Vor 70 Jahren beging der Generalluftzeugmeister der Wehrmacht Ernst Udet Selbstmord

Unter Hitlers Generälen war Ernst Udet eine Ausnahmeerscheinung. Als international berühmter Pilot war er bereits ein nationales Idol, bevor er im Dritten Reich eine rasante Karriere bei der Luftwaffe machte. Doch als Bürogeneral war er eine Fehlbesetzung.

Von Bert-Oliver Manig

Generalluftzeugmeister Ernst Udet (undatierte Aufnahme) (picture alliance / dpa)
Generalluftzeugmeister Ernst Udet (undatierte Aufnahme) (picture alliance / dpa)

Anfang der 1930er-Jahre konnte man ihn für einen glücklichen Menschen halten: Der weltberühmte Kunstflieger Ernst Udet lebte damals, scheinbar unberührt von der wirtschaftlichen Depression, ein vergnügtes Leben. Zu seinen Freunden zählten bekannte Schauspieler, Schriftsteller und Sportgrößen. Legendär war sein Konsum an Alkohol und Frauen. Heinz Rühmann erinnerte sich an seine erste Begegnung mit ihm:

"Udet war an diesem Abend - wie meistens - von einem Kranz schöner Frauen umgeben. Er genoss es wie ein Pascha. Nachdem die Damen alle verteilt waren – was übrig blieb, nahm Udet mit - verabredeten wir zwei uns auf den nächsten Mittag auf den Flugplatz Oberwiesenfeld."

Als Pilot war Udet, der bereits als junger Kampfflieger im Ersten Weltkrieg nationale Berühmtheit erlangt hatte, unübertroffen. Mit seinen verwegenen Kunststücken, die Schwerkraft und Todesangst außer Kraft zu setzen schienen, bezauberte er in den 1920er und 30er-Jahren auf Flugschauen Hunderttausende. Auch die Filmindustrie machte sich Udets Popularität zunutze und ließ ihm mehrfach die Rolle des Retters aus der Luft auf den Leib schreiben. Besonders für die Jugend war Udet ein Idol.
Sein alter Kriegskamerad Hermann Göring erkannte, dass Udet ein idealer Werbeträger für die Luftwaffe war, die Göring nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Auftrag Hitlers aufbaute. An Udets unstetem Lebenswandel nahmen weder Göring noch Hitler Anstoß. Sie bewunderten den Draufgänger und sahen in ihm eine Künstlernatur. Und geniale Persönlichkeiten waren ihrer Meinung nach den bloßen Fachleuten haushoch überlegen. So verfielen sie 1936 auf die Idee, Udet die Leitung des Technischen Amts der Luftwaffe anzuvertrauen. Der Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel wunderte sich:

"Sich Udet als Oberst und Chef einer militärtechnischen Bürokratie vorzustellen, fiel mir verteufelt schwer. Ich kannte Udet als einen wirklich genialen Flieger, der nur aus dem Gefühl heraus und dementsprechend unbeschreiblich flog. Auf der anderen Seite war Udet ein Feind aller Bindungen, aller Fesseln und jeder beruflichen und bürokratischen Ordnung. Er war voller Humor und konnte ausgelassen sein. Innerlich war er weich und empfindlich, sensibel und beeinflussbar."

Seine Untergebenen im neuen Amt begrüßte Udet mit den Worten: "Das will ich Euch Brüdern gleich sagen: Fürs Büro könnt Ihr nicht viel von mir erwarten!" Trotzdem war er bereits vier Jahre später zum Generalobersten avanciert und für die gesamte Luftwaffenrüstung einschließlich der Beschaffung zuständig. Für sein neues Amt hatte man eigens den Titel des "Generalluftzeugmeisters" erfunden. 26 Abteilungen mit 4000 Mann Personal unterstanden ihm. Udet war heillos überfordert. Ein hoher Beamter im Reichsluftfahrtministerium beobachtete:

"Wenn er zu Göring kam, dann sprachen sie von alten Zeiten. Jedes Gespräch über den Dienst wurde peinlichst vermieden."

Seit 1940 traten die Versäumnisse in der Luftwaffenrüstung zutage. Udet und Göring hatten auf Sturzkampfbomber gesetzt, die sich im "Blitzkrieg" gegen unterlegene Gegner ohne effiziente Luftabwehr wie Polen und Frankreich bewährten, für den strategischen Luftkrieg gegen England oder die Sowjetunion aber ungeeignet waren, weil es ihnen an Reichweite und Schnelligkeit mangelte. Die Produktion der nun dringend benötigten Abfangjäger, Langstreckenbomber und Transportmaschinen hatte man darüber vernachlässigt. Dennoch versprach Göring Hitler utopische Rüstungssteigerungen - Udet sah sich bald zum Sündenbock für Produktionsrückstände und Qualitätsmängel gestempelt. Am Morgen des 17. November 1941 nahm er sich, im Alter von nur 45 Jahren, verzweifelt und körperlich zerrüttet von Alkohol und Aufputschmitteln, das Leben.

Der Selbstmord Udets wurde vertuscht, weil er nicht zum Optimismus passte, den die amtliche Propaganda verbreitete. Hitler ordnete ein Staatsbegräbnis für den angeblich bei einem Testflug Abgestürzten an. Die Trauerrede hielt Hermann Göring, der Udets Versagen, das zuallererst sein eigenes war, schamlos zum Erfolg verklärte:

"Es galt ja, all den hoffnungsfreudigen und tapferen, kühnen Jungen, die zu uns kamen, die in Dir auch ihr Vorbild sahen, die Waffe zu geben, mit der sie kraft ihres kühnen Geistes auch Großes leisten konnten. Und Du warst der Geeignetste für diese Aufgabe!"

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