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StartseiteKalenderblattPionier der Lüfte12.11.2006

Pionier der Lüfte

Der Brasilianer Alberto Santos-Dumont machte das Fliegen in Europa populär

Wie kaum ein anderer hat Alberto Santos-Dumont die frühe Luftfahrt geprägt. Sein erstes lenkbares Luftschiff flog er 1899. 1906 gelang ihm der erste offiziell anerkannte Fluggeschwindigkeitsweltrekord.

Von Irene Meichsner

Die Brüder Wright bei ihrem ersten Flugversuch in Kitty Hawk, 1903. Sie waren die größten Konkurrenten von Santos-Dumont. (AP)
Die Brüder Wright bei ihrem ersten Flugversuch in Kitty Hawk, 1903. Sie waren die größten Konkurrenten von Santos-Dumont. (AP)

Der Flug dauerte etwa 21 Sekunden, und er trug Alberto Santos-Dumont 220 Meter weit. 100 Meter hätten auch schon gereicht, dafür hatte die französische Fliegervereinigung Aéro-Club de France eine Prämie von 1500 Francs ausgelobt. In Scharen waren die Zuschauer zum Startplatz vor den Toren von Paris geströmt, um den ersten echten Motorflug in Europa mitzuerleben. Ein kurioser Anblick: Der Pilot stand aufrecht in einem Korb. Die Tragflächen seines einmotorigen Flugzeugs sahen aus, als bestünden sie aus einer unordentlichen, mit starken Drähten fixierten Ansammlung von Kastendrachen.

"Mörderisch instabil in der Längsneigung erhob sich das ungefüge Gebilde in die Luft","

heißt es in einer Geschichte der frühen Luftfahrt. Es war ein historischer Augenblick, gleich in zweifacher Hinsicht. Denn mit knapp 42 Stundenkilometern schaffte der in Paris lebende Brasilianer Santos-Dumont an diesem 12. November 1906 auch noch den ersten, vom Aéro-Club offiziell registrierten Fluggeschwindigkeitsweltrekord.

""Welch ein Triumph! Die Luft ist wahrhaft erobert. Santos ist geflogen. Jeder wird fliegen","

jubelte die Pariser Tageszeitung "Le Figaro". Dass in Amerika die Gebrüder Wright schon im Dezember 1903 den weltweit ersten Motorflug absolviert hatten, wussten viele Franzosen nicht einmal. Manche wollten es aber auch gar nicht so genau wissen. Seit der Erfindung des Heißluftballons durch die Brüder Montgolfier Ende des 18. Jahrhunderts fühlte Frankreich sich als natürlicher Vorreiter der weltweiten Fliegerei. Da kam "Le petit Santos", der "kleine Santos", wie man den steinreichen Sohn eines brasilianischen Kaffeeplantagenbesitzers liebevoll nannte, gerade recht.

1873 geboren, war er mit 18 Jahren nach Paris gezogen - ein Exzentriker, der die Menschen zunächst mit seinen Ballons und Zeppelinen bezauberte.

""Auf den Straßen kommt der Verkehr zum Stehen, die Pariser rennen aus ihren Häusern, schreien und winken, die Männer schwenken ihre Strohhüte hinauf zu dem kühnen Luftfahrer","

schrieb ein Augenzeuge, als Santos-Dumont 1901 in einem lenkbaren Luftschiff einen mit 125.000 Francs dotierten Preis gewann, den ein französischer Großindustrieller für den ersten Halbstundenflug inklusive Umrundung des Eiffelturms ausgeschrieben hatte. Santos-Dumont konnte es sich leisten, auf das Preisgeld zu verzichten.

""Da es mir nicht gefiel, diese Sum¬me für mich zu behalten, teilte ich sie in zwei ungleiche Teile, von denen ich den größeren, 75.000 Francs, dem Polizeipräfekten für die Armen von Paris überwies; den Rest verteilte ich unter meinem Personal und war froh, mich damit für seine Anhänglichkeit erkenntlich erweisen zu können."

15 verschiedene Luftschiffe und danach diverse Motorflugzeuge hat Santos-Dumont gebaut, darunter die nur 107 Kilo schwere "Demoiselle", das erste echte Leichtflugzeug. Mit allen Mitteln versuchte er, das Fliegen populär zu machen. So pflegte er die Mahlzeiten in seiner Luxuswohnung an den Champs-Elysées an einem drei Meter hohen, nur über eine Leiter erreichbaren Tisch einzunehmen, um sich, wie er sagte, an das Essen in größeren Höhen zu gewöhnen.

Und seine ewigen Konkurrenten, die Gebrüder Wright? Sie wussten, dass ihnen der Wahlfranzose die Schau gestohlen hatte. Sie selber ließen bei ihren Flugversuchen die Öffentlichkeit außen vor. Argwöhnisch verfolgten sie, was die Zeitungen über die europäischen Piloten berichteten, führten penibel über deren Erfolge Buch. 1907 schrieb Orville Wright:

"Es ist jetzt länger als ein Jahr her, seit Santos seinen ersten Versuch machte, sein längster Flug dauerte nur zwanzig Sekunden; der nächste weniger als zehn Sekunden. In weniger als einem Jahr, seit wir unseren ersten Versuch hatten, haben wir 37 Flüge über zwanzig Sekunden gemacht. Diese 37 belaufen sich auf etwas über 41 Minuten oder auf einen Durchschnitt von jeweils mehr als einer Minute und sechs Sekunden. Aufgrund dessen scheint es nicht so, dass ihr Fortschritt so schnell wie unserer wäre."

Solche Sticheleien liefen schon wenig später ins Leere. Denn das Leben von Santos-Dumont nahm eine tragische Wende. 1909, im Alter von 36 Jahren, wurde bei ihm eine Multiple Sklerose diagnostiziert. Als im Ersten Weltkrieg die ersten Bomben aus Luftschiffen und Flugzeugen fielen, fühlte er sich schuldig. Er verbrannte all seine Papiere, kehrte nach Brasilien zurück. Vergeblich appellierte er an den Völkerbund, den Luftkrieg zu ächten. 1932 hielt er es nicht mehr aus. Weil er das Geräusch der Bomben im brasilianischen Bürgerkrieg nicht ertragen konnte, nahm er sich das Leben. Sein Vermögen war schon längst aufgezehrt. Das meiste Geld hatte Santos-Dumont für die Verwirklichung seines Traumes ausgegeben, dass der Mensch würde fliegen können.

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