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StartseiteKultur heuteKraftvoll und unbeirrbar13.10.2019

PionierkunstKraftvoll und unbeirrbar

Eine der Vorreiterinnen des abstrakten Expressionismus, die amerikanische Malerin und Collagistin Lee Krasner, ist keine ganz Unbekannte, aber eine Malerin, die sehr lange im Schatten ihres berühmten Mannes Jackson Pollock stand. Die Frankfurter Schirn widmet ihr nun eine umfassende Retrospektive.

Von Anja Reinhardt

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Ausstellungsansicht mit verschiedenen Werken der US-amerikanischen Malerin und Collage-Künstlerin Lee Krasner in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt. (Schirn Kunsthalle / Norbert Miguletz)
Verschiedene Werke der US-amerikanischen Malerin Lee Krasner in der Frankfurter Schirn (Schirn Kunsthalle / Norbert Miguletz)
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Achtung, der Tiger springt! Und er ist ziemlich groß, etwa zweieinhalb mal fünf Meter. Etwas furchteinflößend ist dieses Gemälde mit dem Titel "The Eye Is The First Circle" von Lee Krasner, kraftvolle, geschwungene Pinselstriche in hellen und dunklen Umbra-Tönen füllen das ganze Bild. Entstanden ist es 1960, rund vier Jahre nach Jackson Pollocks Unfalltod und einem Jahr nach dem Tod ihrer Mutter. Krasner hatte das Atelier ihres verstorbenen Mannes bezogen und malte mit einer Wut und einer Wucht, die immer noch spürbar ist, wenn man vor den Bildern der "Umbra-Phase" steht. Die Kuratorin Ilka Voermann über Krasners Arbeitsweise:
 
"Lee Krasner hat immer sehr intuitiv gearbeitet, sie hat keine Vorzeichnungen gemacht, sondern es ist wirklich Vieles einfach aus der Bewegung heraus entstanden, gerade wenn man sich die älteren Bilder anguckt." 
 
Ilka Voermann verweist im Gespräch auf die Körpergröße der Künstlerin: 1,60 Meter. Krasner musste springen, um an die oberen Ränder ihrer großformatigen Bilder zu gelangen. Anders als Pollock, der auf dem Boden malte, hing sie ihre Leinwände an die Wand. Die Farbe kehrte wenige Jahre später in ihre Bilder zurück, bevorzugt ein kräftiges Rot, das die Dynamik ihres Pinselstrichs unterstreicht.
 
"Lee Krasner war eine unheimlich gute Coloristin, sie hatte ein sehr gutes Farb-Gefühl. Auch Farbkombinationen, wo man erst denkt: Oh oh... Pink und Orange? Die aber sehr sehr gut funktionieren. Sie ist da sehr, sehr radikal und sehr, sehr mutig, was diesen Farb-Einsatz betrifft."

Einflüsse der europäischen Avantgarde

Radikal war Lee Krasner nicht nur im Farbeinsatz. 1908 wird sie als Kind einer russisch-jüdischen Auswandererfamilie in Brooklyn geboren, die Eltern sind streng, die junge Lee sehr früh eigensinnig und offenbar sehr sicher, was ihre Berufswahl angeht. Malerin will sie werden und studiert später bei dem Maler und Kunstprofessor Hans Hofman, der ab 1932 in New York lehrte und sich als sehr einflussreich für die Anfänge des Abstrakten Expressionismus erweisen sollte. Krasner, bis dahin klassisch ausgebildet, Malerin beeindruckender Selbstportraits, löst Silhouetten nun kubistisch auf. Aber erst als sie mit ihrem Mann aufs Land nach Long Island zieht, malt sie abstrakt. Anders als die meisten Maler ihrer Generation versteht sie ihr Werk aber nicht als Abgrenzung zur klassischen Moderne. Die Kuratorin:

 
"Lee Krasner hat sich wirklich an einigen ihrer Helden, sozusagen der europäischen Avantgarde, abgearbeitet. Es gibt intensive Mondrian-Phasen, es gibt intensive Matisse-Phasen. Und diese Einflüsse kommen immer wieder. Und sie scheut sich auch nicht davor. Sondern sie sieht sich natürlich auch in gewisser Weise in so einer Tradition. Diese ganz klare Abgrenzung von den Europäern, das ist nie was gewesen, was sie wirklich interessiert hat."
 
Krasner bleibt eigensinnig und erstaunlich unbeirrt. Sie arbeitet in Zyklen, mal malt, mal collagiert sie, sie schafft mit den "Little Images" kleine Formate, meistert aber mühelos auch die überlebensgroßen. Die Kuratorin Ilka Voermann:

"Wir reden ja immer davon, dass sie nie einen Signature-Style hatte, dass sie nie so eine künstlerische Handschrift, die wiedererkennbar war, entwickelt hat, was viele Künstler natürlich auch als Reaktion auf den Kunstmarkt gemacht haben. Das musste Lee Krasner ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr."

Keine Künstler-Ehefrau

So zynisch das klingt, aber Pollocks Unfalltod war auch eine Befreiung, zumindest für die Künstlerin. Sie hatte sich für die Arbeit ihres Mannes mit großem Elan eingesetzt, den eher labilen Pollock immer wieder bestärkt in seiner Arbeit - ohne dabei jemals seinen Stil zu übernehmen. Krasner hat fast nur mit Frauen zusammen studiert, den Ruhm aber fuhren nach dem Krieg die Männer ein. An Pollocks Tod hat Krasner einerseits gelitten, andererseits konnte sie sich nun ganz auf ihre eigene Arbeit konzentrieren. Die große Anerkennung kam allerdings erst wenige Jahre vor ihrem Tod.
 
"Ein ganz wichtiger Punkt ist das Buch von Irving Sandler, "The Triumph Of American Painting" von 1970, wo nur Männer aufgeführt sind. Und das hat dann wirklich so eine Konterreaktion von Wissenschaftlerinnen, die sagen: Das kann ja gar nicht sein. Und die sich diesen Frauen nähern, die zu dem Zeitpunkt ja auch noch leben und Ausstellungen machen. Und das ist so eine erste Anerkennung auch für Lee Krasner."
 
Die Ausstellung in der Frankfurter Schirn zeigt eine Künstlerin, die immer wieder nach neuen Ausdrucksformen gesucht, die ihr eigenes Werk hinterfragt hat, wenn sie zum Beispiel alte Zeichnungen zerreißt und neu collagiert. Lee Krasner war keine Künstler-Ehefrau. Statt zu überlegen, ob es Krasner ohne Pollock gegeben hätte, muss man nach dieser Schau eher fragen, was Pollock ohne Krasner gewesen wäre.

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