Samstag, 03. Dezember 2022

Kommentar: Pipeline-Lecks
Dezentrale Energieversorgung schafft Sicherheit

Nach dem Angriff auf Gas-Pipelines könnten Attacken auf Kraftwerke folgen. Das beste Mittel, sich davor zu schützen, ist die Beschleunigung der Energiewende, kommentiert Georg Ehring. Schließlich sei es schwierig, tausende Windräder lahmzulegen.

Ein Kommentar von Georg Ehring | 28.09.2022

Dunkle Regenwolken ziehen über die Landschaft mit einem Windenergiepark im Landkreis Oder-Spree
Georg Ehring: „Tausende von Windrädern und Solaranlagen sind schwerer zu treffen als ein großes Kraftwerk.“ (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)
Es war wohl Sabotage. Angriffe auf die Energieversorgung in Europa sind nicht nur eine theoretische Möglichkeit, das zeigt das gleichzeitige, durch Explosionen verursachte Aus für die Gasleitungen Nordstream 1 und Nordstream 2. Wir erleben gerade einen solchen Angriff und es gibt allen Grund, beunruhigt zu sein. Es ist möglich, dass weitere folgen und zwar auf Kraftwerke, Leitungen und Steuerzentralen, die wichtig sind für die Versorgung mit Energie.
Unsere Infrastruktur ist angreifbar – wie alles andere auch. Doch hier wären die Folgen besonders groß: Sabotageakte oder auch Cyberangriffe auf Kraftwerke oder Steuerzentralen können dafür sorgen, dass der Strom, aber auch Gas oder Wasser plötzlich großräumig ausfallen – ein allgemeines Chaos wäre die Folge. Neu ist das nicht, aber plötzlich ganz nah. Die Europäische Union, die USA und andere westliche Demokratien sind zu potenziellen Angriffszielen geworden, denn sie unterstützen die Verteidigung der Ukraine gegen die Aggression aus Russland.

Energiewende schützt zugleich vor zentralen Angriffen

Selbstverständlich wird man jetzt noch einmal Schwachstellen analysieren und die Überwachung verbessern – Gasleitungen und Terminals für den Schiffstransport von Flüssigerdgas genauso wie Stromleitungen und Kraftwerke. Doch wie kann die Energieversorgung darüber hinaus besser geschützt werden? Das beste Mittel ist eine Beschleunigung der Energiewende – weg von zentralisierten und leicht zu treffenden Strukturen hin zu dezentralen Anlagen, die über das ganze Land verteilt sind.

Da ist einmal der Atomausstieg: Ein Angriff auf ein Atomkraftwerk bringt nicht nur das Risiko eines Stromausfalls, sondern auch einer Verseuchung der Umgebung mit Radioaktivität. Je schneller wir davon loskommen, desto besser.

Angreifbar sind natürlich auch andere Anlagen – vom Kohlekraftwerk bis zum Windrad. Doch tausende von Windrädern und Solaranlagen sind schwerer zu treffen als ein großes Kraftwerk. Erneuerbare Energien sind damit auch Sicherheits-Energien. Wenn alte konventionelle Kraftwerke dann noch eine Zeitlang betriebsbereit bleiben, können sie bei Bedarf zusätzlich einspringen und schwierige Zeiten überbrücken helfen. Sicherheit braucht doppelte Strukturen und die Möglichkeit, bei Bedarf umzuschalten.

Das gilt auch für das Stromnetz: Zusätzliche Leitungen auch über Grenzen hinaus verringern auch hier Ausfallrisiken. Wenn der Strom in einem Land knapp wird, können Nachbarn einspringen – nicht nur bei Angriffen und Sabotage übrigens. Aktuell leidet Frankreich unter Strommangel – die Hälfte der Atomkraftwerke ist aus unterschiedlichen Gründen nicht am Netz. Der Austausch auch mit Deutschland sorgt bei unseren Nachbarn für Stabilität, bei Bedarf hat das auch andersherum schon funktioniert. Doch beim Leitungsausbau sieht es derzeit düster aus: Viele Einsprüche und lange Genehmigungsverfahren sorgen für jahrelange Verzögerungen. Die Folge sind häufige Engpässe, Stromerzeuger müssen abgeschaltet werden um eine Überlastung des Netzes zu verhindern.

Die Bundesregierung hat sich die Energiewende ohnehin vorgenommen. Die neuen Gefahren für die Sicherheit sind ein starkes Argument, sie noch einmal zu beschleunigen.
Georg Ehring 
Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.