Freitag, 06.12.2019
 
Seit 07:35 Uhr Börse
StartseiteCampus & KarriereElite ohne Freizeit03.12.2019

Pisa in TaiwanElite ohne Freizeit

Die taiwanischen Schüler gehören im internationalen Vergleich regelmäßig zu den Spitzenreitern. Der Erfolg beruht auf Druck und Konkurrenzkampf. Viele Jugendliche haben davon aber genug. Sie fordern mehr Partizipation und Kreativität in der Schule.

Von Josephine Schulz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Mädchen sitzt in einem Klassenraum an einem Tisch. Sie ist über ihre Aufgabe gebeugt und denkt nach  (picture-alliance/dpa/Qin Gang)
Jeden Tag müssen taiwanische Schüler mehrere Tests schreiben. (picture-alliance/dpa/Qin Gang)
Mehr zum Thema

Der Tag mit Birgit Marschall Neue PISA-Studie: Was machen wir falsch mit unseren Schülern?

PISA, IGLU und Co. Warum der Nutzen von Bildungsforschung umstritten ist

Wenn am Nachmittag in Taipeh die Grundschule endet, rennen hunderte von Kindern mit ihren bunten Rucksäcken auf die Bürgersteige. Alle quatschen noch ein bisschen, aber Zeit zum Spielen haben die meisten von ihnen jetzt nicht. Stattdessen wird weitergelernt. Auch Jessica schickt ihren achtjährigen Sohn Lucas wie die meisten Eltern zur freiwilligen Abendschule.

"Ich habe einen Job, deshalb ist das nötig. Aber er macht dort nur die Hausaufgaben und lernt keine anderen Fächer. Bisher dränge ich ihn nicht dazu, eine Sprache zu lernen oder zusätzlich Matheunterricht zu nehmen."

Sie will ihrem Sohn auch ein wenig Freizeit lassen.

"Weil ich denke, wenn er in die höheren Klassen kommt, dann wird er dieses Leben sowieso haben, also den ganzen Tag lang nur zu lernen."

Top Ten in Mathe und Naturwissenschaften

Bildung hat in der taiwanischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Und das macht sich im internationalen Vergleich bemerkbar. Bei der letzten Pisa-Studie hatte Taiwan den 4. Platz in Mathematik und Naturwissenschaften belegt. Diesmal ging es etwas nach unten: Platz 5 in Mathe, Platz 10 in den Naturwissenschaften. Insgesamt aber gehört Taiwan weiter zu den Top-Performern. Ein Uniabschluss ist hier eine Selbstverständlichkeit. Rund 95 Prozent der Schulabgänger besuchen anschließend eine Hochschule.

Steven hat es an die National Taiwan University geschafft, die beste Uni des Landes. Trotzdem sieht er wenig Gutes im taiwanischen Bildungssystem. Mit Freunden hat er eine Jugendorganisation gegründet, die sich unter anderem für grundlegende Veränderungen in der Schule einsetzt.

Die Gruppe trifft sich regelmäßig in einem modernen Co-Working-Space in Taipeh, in der offenen Küche haben sie an diesem Tag gemeinsam taiwanische Süßigkeiten gebacken.

"Das Bildungssystem in Taiwan ist ungesund"

Als Schüler wurde Steven auch für eine Pisa-Studie getestet.

"Jeder Schüler in Taiwan wird gezwungen, hart zu lernen. Unsere Lehrer haben uns immer wieder gesagt, dass unsere Schule andere Länder ohne Probleme übertreffen würde, vor allem in Mathematik. Deshalb waren wir nicht wirklich überrascht, dass die Ergebnisse im internationalen Vergleich so gut waren. Aber das Bildungssystem in Taiwan ist ungesund."

Und sein Freund Sababa meint:

"Die Lehrmethoden müssten sich ändern. Bisher ist es so, dass die Schüler mit Wissen vollgestopft werden. Wir lösen die Aufgaben der Lehrer. Und das ist alles. Es gibt keinen Raum, um zu diskutieren, um seine eigene Meinung zu sagen. Kreativität und eigenes Denken wird überhaupt nicht gefördert.

Deshalb geben die Jugendlichen nun Workshops an Schulen. Sie wollen die Schüler ermuntern, sich nicht alles gefallen zu lassen, zum Beispiel die strengen Vorschriften was Kleidung oder die Haarlänge betrifft. 

"Manchmal haben wir Witze darüber gemacht, dass wir Schüler eher wie Diener sind. Wir haben eine Mentalität von Dienern, wir folgen gern, wir gehorchen."

Schule von 8 bis 22 Uhr

Viele in Taiwan erklären das Bildungssystem mit der konfuzianischen Tradition. Was zählt ist Disziplin und der Wille, hart zu arbeiten. Für die Jugendlichen heißt das: Schultage von 15 Stunden sind eher die Regel als die Ausnahme. Nach dem offiziellen Schultag schließt nahtlos die Abendschule - die sogenannte Cram-School - an. Verpflichtend ist die nicht, aber trotzdem schicken fast alle Eltern ihre Kinder spätestens ab dem 13. Lebensjahr dorthin. Hier werden die Kinder intensiv auf die täglichen Tests in der Schule, die Aufnahmetests für die nächsthöhere High-School und für die Top-Universitäten vorbereitet. Täglich bis 22 oder 23 Uhr.

Angela Hu war Lehrerin an einer der renommiertesten Cram-Schools des Landes, bevor sie den Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat und in die Wirtschaft ging.

"Ich war sehr sehr streng zu meinen Schülern. In meiner Klasse waren die besten Schüler aus ihren Schulen. Wir waren sozusagen eine Top-Klasse. Und es war meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Kinder es mindestens auf eine der drei besten Senior High-Schools schaffen, um die Eltern zufriedenzustellen. Aber auch, um ihren eigenen Traum zu verfolgen."

Jugendliche leiden an Depressionen

Viele Schulkinder erfüllen diese hohen Erwartungen nicht. Depressionen sind weit verbreitet. Statistiken des Gesundheitsministeriums zufolge ist der hohe Druck in der Schule ein Hauptgrund für Selbstmorde unter Jugendlichen.

Der junge Musiker und Kunststudent Jordan verarbeitet das in seinen Songs.

"Ich habe ein Lied geschrieben, darüber, wie ich gegen meine Depression ankämpfe. Mehrere meiner Freunde haben versucht, sich umzubringen."

Er kritisiert das Schulsystem. "Ich hab in der Schule nie zu den Coolen, zu den Schlauen gehört. Ich war immer einer der schlechtesten, weil mir das Lernen keinen Spaß gemacht hat. Ich wollte gern etwas lernen, das mich wirklich interessiert. Psychologie und solche Sachen. Und ich denke, in diese Richtung sollte sich das Bildungssystem ändern: Den Schülern nicht immer vorschreiben, was sie zu lernen haben. Und es sollte nicht immer nur um Konkurrenz gehen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk