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StartseiteInterviewPISA-Studie: Von Finnland lernen21.05.2002

PISA-Studie: Von Finnland lernen

Ritta Piri

<strong>Gerner: </strong> Finnland erlebt derzeit eine Invasion deutscher Bildungsexperten. Das hat seinen Grund: Die Finnen haben in der jüngsten Pisa-Studie weltweit als Nummer Eins abgeschnitten. Lesen können finnische Schüler am besten, aber auch im Rechnen und bei den Naturwissenschaften sind sie international spitze. Ganz anders Deutschland, das im unteren Mittelfeld herumkrebst. Worte wie Bildungskatastrophe und Reformbedarf sind in aller Munde: Von Finnland lernen. Bundesbildungsministerin Bulmahn hat in diesem Sinne alle Bildungsminister der Länder aufgefordert, mit nach Finnland zu reisen, sich ein Bild zu machen. Gefahren sind letztlich gestern nur die Minister aus den SPD-regierten Ländern. Die Minister aus Unions-geführten Ländern haben auf die Reise verzichtet. Ich habe Ritta Piri gefragt, eine Finnin, die Gymnasiallehrerin ist und bis vor kurzem Ministerialrätin im finnischen Bildungsministerium, wie sie die Invasion deutscher Bildungspolitiker in ihrem Land erlebt. Frau Piri, wundert es Sie, dass Deutschland jetzt en masse seine Bildungspolitiker nach Finnland schickt?

Piri: Wir sind ein wenig erstaunt gewesen, weil so viele Politiker und Medienexperten nach Finnland gekommen sind.

Gerner: Womit erklären Sie denn den Vorsprung der Finnen vor allen anderen in dieser weltweiten Pisa-Studie?

Piri: Wir waren es schon gewohnt, dass wir im internationalen Test gut abschneiden. Wir auch darüber gesprochen und festgestellt, dass es viele Gründe dafür gibt. Erstens haben wir Gesamtschulen. Das ist eine Schule für alle Schüler. Es ist nicht möglich, dass wenn irgendein Kind in der Schule nicht lernt, wir dieses Kind in eine andere Schule abschieben können, z.B. in eine Hauptschule.

Gerner: Alle in einer Schule, in einem Schulsystem, in einem Schultyp. Das klingt nach Gleichmacherei. Wie stellen Sie sicher, dass die Schwachen überhaupt mitkommen und die Talentierten motiviert bleiben?

Piri: Zunächst werden die Schwachen sehr berücksichtigt. Wenn ein Kind in die Vorschule oder Schule kommt, und es wird bemerkt, dass es vielleicht Schwierigkeiten hat, machen wir ein Programm für das Kind, und es werden danach so bald wie möglich Hilfeleistungen gebracht.

Gerner: In welcher Form?

Piri: Wir haben z.B. Sonderpädagogen in der Schule für Stützunterricht in Kleingruppen, Gesundheitsfürsorge, Kuratoren, soziale Verbindungen zum Elternhaus, Schulpsychologen, Schulassistenten.

Gerner: Ich habe gelesen, es ist keine Seltenheit, dass zwei Lehrer in einem Klassenraum in finnischen Schulen sind. Stimmt das, und wie muss man sich das vorstellen?

Piri: Wir haben neben den gewöhnlichen Lehrern sehr oft Schulassistenten in der Schule. Und sie helfen solchen Schülern, die am meisten Schwierigkeiten haben. Diese Schulassistenten haben sehr selten eine Lehrerausbildung. Sie sind genug gute Mitarbeiter für Lehrer. Sie haben vielleicht eine Ausbildung von ein paar Wochen hinter sich.

Gerner: Das heißt Nachhilfeunterricht findet sozusagen in der Stunde selbst statt?

Piri: Ja, aber wir haben nicht genügend Schulassistenten. Immerhin sind es 3.000 bis 4.000 im Land.

Gerner: Sie haben eben angesprochen, dass es auch regelmäßige Kontakte zu den Eltern gibt. Nun hatten wir in Deutschland die Bluttat von Erfurt, und Bundesbildungsministerin Bulmahn hat gesagt, Schüler und Lehrer müssen mehr Zeit füreinander aufbringen, das sei eine Lehre daraus. Wie sieht es in Finnland aus?

Piri: Es gibt auch solche Sachen bei uns, allerdings nicht solche Katastrophen wie in Erfurt. Was uns überrascht hat war, dass der Schüler so lange nicht in die Schule gehen konnte und die Eltern das nicht wussten.

Gerner: Was ist denn in Finnland passiert, das ähnlich ist?

Piri: Wir haben beispielsweise Drogenprobleme in den Schulen und auch Probleme wie in den anderen Schulen in Europa. Aber so etwas wie Erfurt ist noch nie in Finnland passiert.

Gerner: Ist das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, Eltern und Lehrern besonders intensiv in Finnland?

Piri: Es ist intensiv, aber nicht genügend intensiv mit den Eltern. Aber dass ein Schüler längere Zeit in der Schule fehlt und die Eltern nicht darüber informiert werden, passiert hier nicht. Wenn ein Schüler eine Woche nicht in der Schule ist, nimmt der Lehrer oder der Sonderpädagoge Kontakt mit den Eltern auf.

Gerner: Die Finnen können laut Statistik am besten lesen. Wie kommt das?

Piri: Die Lehrer sind bei uns sehr gut ausgebildet und haben die größte Selbständigkeit unter den meisten Ländern. Sie können selbst die Lehrpläne entwerfen, sie können selbst ihre Unterrichtsmethoden und ihr Unterrichtsmaterial bestimmen. Die Lehrbücher brauchen beispielsweise nicht vom Zentralamt oder vom Ministerium genehmigt werden.

Gerner: Sie kennen Deutschland ein wenig. Lässt sich so etwas auf Deutschland übertragen?

Piri: Das ist die Unterrichtskultur. Bei Ihnen ist man gewohnt, dass das Land auf Länderebene zentralisiert ist, aber bei uns haben die Lehrer sehr viel Autonomie. Ich kann nicht sagen, ob man das so auf Deutschland übertragen kann. Sicherlich ist das ein Prozess, der nicht von heute auf morgen stattfinden könnte.

Gerner: Nochmals die Frage: Warum können die Finnen am besten von allen lesen? Sie haben doch genau so viele Fernsehen und Computerkonsumenten unter den Jungen.

Piri: Ich nehme an, dass wir deswegen so schnell lesen können, weil die Schüler sehr gerne mit Computer arbeiten, und dabei müssen sie auch lesen. Sie schicken einander Emails usw. Sie können auch lesen, was sie wollen, also die Bücher werden auf der Schulebene gewählt. Niemand bestimmt, welche Bücher gelesen werden müssen, sondern sie werden von Schülern und Lehrern gemeinsam auf Schulebene gewählt. Die Hauptsache ist, dass überhaupt gelesen wird, nicht unbedingt, dass es hochwertige Literatur ist. Und dann das Fernsehen; wir haben Fernsehprogramme mit Untertitel. Wollen die Schüler das verstehen, so müssen sie schnell lesen lernen, weil die Untertitel relativ schnell verschwinden.

Gerner: Es gibt Forderungen nach Ganztagsschulen in Deutschland. Zur Zeit sind es nur 5 Prozent von allen. Wie viele sind es denn in Finnland prozentual?

Piri: Den Begriff Ganztagsschule haben wir nicht, aber die Kinder essen in der Schule umsonst, und am Nachmittag kommen sie nach Hause. Das Problem wir auch bei uns diskutiert, ob man irgendwie mehr Arbeitsgemeinschaften, Clubs oder sonstige Tätigkeiten haben müssten, so dass die Kinder nicht so viel am Nachmittag frei haben.

Gerner: In Deutschland haben die Lehrer mittlerweile ein schlechtes Image, würde ich sagen. Kanzler Schröder hat die Lehrer faul genannt. Ist das in Finnland denkbar?

Piri: Bei uns kann kein Politiker sagen, dass die Lehrer faul sind. Das Ministerium, die Unterrichtsminister, die Politiker wissen, dass man mit den Lehrern zusammenarbeiten soll und ihre Arbeit auch auf der Regierungsebene respektieren soll.

Gerner: Vielen Dank für das Gespräch.

Link: Interview als RealAudio

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