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StartseiteHintergrundPisa-Test für die Kleinsten05.06.2004

Pisa-Test für die Kleinsten

Internationale Experten überprüfen deutsche Kindergärten

<em> Wir müssen feststellen, dass wir im internationalen Vergleich in Deutschland in puncto des Angebots an Kinderbetreuung einen strukturellen Rückstand von mindestens 10 Jahren haben. </em>

Von Armin Himmelrath und Patrick Honecker

PISA für die Kleinsten (AP)
PISA für die Kleinsten (AP)
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Die Kinder werden unterfordert. Massiv unterfordert! Gucken sie sich mal an, was über den Handtuchhaltern immer ist! Da ist der Traktor, dann singen die Kinder einfache Abzählreime und so weiter. Dabei findet das wichtigste und größte Hirnwachstum bei den 3-6jährigen statt! Und in der Zeit unterfordern wir die Kinder so massiv – die müssen Bach hören und Klee und Kandinsky sehen, damit sie sich an die komplexen Vorstellungswelten gewöhnen. Das wollen Kinder, das können Kinder, aber wir haben unsere Kindergärtnerinnen zuwenig darauf vorbereitet!

Zwei Minister, eine Meinung. Um die Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Vorschulalter steht es schlecht, sind sich Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und ihr Landeskollege Steffen Reiche aus Brandenburg, beide SPD, einig. Kleinkinder in Deutschland, so ihr Befund, lernen zu wenig, sind nicht ausreichend betreut und werden aus falsch verstandenem Schutzbedürfnis heraus in Kindergärten und Kindertagesstätten systematisch dumm gehalten.

Alle Bildungsexperten sind sich einig: Das muss sich ändern. 47 279 Kindergärten, Horte und Tageseinrichtungen für Kinder gibt es in Deutschland, knapp 30 000 davon haben ganztags geöffnet. Doch wie sie arbeiten, was sie leisten, das wurde in der Vergangenheit kaum diskutiert. Erst seit die internationale Vergleichsstudie PISA deutlich gemacht hat, wie schlecht deutsche Schülerinnen und Schüler sind, kommen auch die Kindergärten in der bildungspolitischen Diskussion vor.

Von heute an steht die Qualität der vorschulischen Erziehung in Deutschland auch international auf dem Prüfstand. In Bonn traf nämlich am morgen eine Experten-Delegation der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ein. Sie wird zehn Tage lang deutsche Kindergärten und Tageseinrichtungen unter die Lupe nehmen und die ermittelten Qualitätsstandards anschließend mit denen in 19 weiteren Ländern vergleichen. Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Ein ambitionierter Plan. Denn es ist gar nicht so einfach, Qualität in pädagogischer Arbeit zu messen. Um beim PISA-Test für die Kindergärten nicht allzu schlecht abzuschneiden, hat die Bundesregierung deshalb im Vorfeld zusammen mit dem Erziehungswissenschaftler Wassilios Fthenakis eine nationale Qualitätsinitiative ausgerufen.

Das Ziel dieser Initiative ist es, die pädagogische Qualität in den Tageseinrichtungen zu konzeptualisieren, zu definieren, genau festzulegen, was man unter Qualität heute verstehen soll, und das zwei Ziel ist, dass man Instrumente zu Selbst- und Fremdevaluation entwickeln soll, denn in der Bundesrepublik hat man es bislang unterlassen, sowohl die pädagogische Qualität zu definieren als auch sie zu evaluieren.

Das soll jetzt nachgeholt werden. Die hessische Kultusministerin Karin Wolff, CDU, knüpft daran die Hoffnung, dass das Vorurteil ausgeräumt wird,


dass im Kindergarten gespielt wird, aufbewahrt und betreut und dass dann der Ernst des Lebens als ein sehr unangenehmes Ereignis, das mit Drohungen auf einen zukommt, mit dem ersten Tag der Grundschule beginnt.

Stattdessen soll der Kindergarten schon zum ersten Lernort im Leben eines Kindes werden.

Denn wir können nicht einfach immer von lebensbegleitendem oder lebenslangem Lernen reden, wenn wir ignorieren würden, dass die Bereitschaft, die Haltung zum lebenslangen Lernen natürlich gerade in diesem Alter grundgelegt wird und entweder genutzt wird oder auch durchaus verbaut werden kann.

Eigentlich sind sich also alle einig. An den Kindergärten muss mehr und besser gelernt werden. Trotzdem sorgte der Besuch der OECD-Expertenkommission im Vorfeld für erheblichen politischen Zwist. Denn aus Zeitgründen werden die Besucher für ihre Begutachtung des deutschen Vorschulsystems nur fünf Bundesländer in Augenschein nehmen.

Baden-Württemberg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen sowie das Bundesfamilienministerium bekommen in den nächsten Tagen die Gelegenheit, ihre Vorstellungen von guter vorschulischer Erziehungsarbeit zu präsentieren. Alle anderen Bundesländer bleiben außen vor - und reagierten daraufhin zum Teil ziemlich vergrätzt. Sachsen-Anhalts Sozialminister Gerry Kley, CDU, in einer Presseerklärung:

Es ist absolut unverständlich, dass der Bund kein Interesse daran hat, ein Land ins Rennen zu schicken, das über eine Kinderbetreuung mit Spitzenqualität verfügt. Deutschland stellt sich mit Ländern wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen dem internationalen Vergleich, die eine Betreuungsquote von unter 5 Prozent haben.

Sachsen-Anhalt dagegen habe mit fast 50 Prozent eine zehnmal höhere Betreuungsquote im Vorschulalter - bundesweit die Nummer eins. Die Untersuchung, schlussfolgert der Minister, sei nicht repräsentativ und mithin wertlos.

Stimmt nicht, kontert Bundesfamilienministerin Renate Schmidt. Die Expertenkommission bekomme sehr wohl ein ausreichendes Bild der vielschichtigen deutschen Bildungspolitik. Entscheidend sei letztlich die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Und in der zeuge sich ein besorgniserregender Trend, so Renate Schmidt. Erziehung findet in vielen Familien einfach nicht mehr statt.

Die elterliche Erziehungskompetenz liegt zunehmend darnieder, um das Mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Ist jetzt nicht flächendeckend, aber ein zu hoher Prozentsatz der Eltern sind zur Erziehung überhaupt nicht fähig!

Eine Feststellung, der Erzieherinnen in ganz Deutschland zustimmen. Elisabeth Schuster ist Heilpädgogin im katholischen Kindergarten Kaiseresch. Obwohl in der ländlichen Region des nördlichen Rheinland-Pfalz die Familienstrukturen noch intakt sind, kommen die Eltern ihren Aufgaben nicht ausreichend nach.

Ich bin mittlerweile auch 25 Jahre im Beruf, also ich kann das auch bestätigen. Wo es vorallendingen besonders auffällt ist einmal so im Bewegungsbereich und ganz deutlich im sprachlichen Bereich. Also, wenn man früher ein, zwei Kinder in einer Gruppe hatte die Sprachauffälligkeiten von normalen Entwicklungsabweichungen, wo das Kind noch die Sprache nachholt...so kann heute sagen, ist prozentual die Anzahl der Kinder ganz stark angestiegen, also auch hier im ländlichen Bereich.

Der SPD-Minister Steffen Reiche aus Brandenburg zieht daraus eine eindeutige Konsequenz: Wenn Eltern nicht mehr erziehen, dann muss die Politik dafür sorgen, dass Erziehung anderswo stattfinden kann - in Kindertagesstätten , kurz: KiTas.

Wir müssen auch zu so teuren Maßnahmen kommen wie der elternbeitragsfreien KiTa! Von drei bis sechs lernen die Kinder am intensivsten, und wir wollen keine Studiengebühren – find ich richtig. Aber wenn wir uns aus guten Gründen in Deutschland keine Studiengebühren leisten, dann müssen wir sagen: Erst recht darf es für die 3-6jährigen zumindest für den Vormittagsbereich keine KiTa-Gebühr geben, damit alle Kinder in den Kindergarten kommen.

Eine Einrichtung ganz nach dem Geschmack der Bildungspolitiker dürfte die Kindertagesstätte "Rabennest" in Siegburg sein. Engagierte Erzieherinnen, engagierte Eltern, 25 begeisterte Kinder - und ein pädagogisches Konzept, das weit über normale Einrichtungen hinausreicht. So werden hier jedes Jahr drei spielzeugfreie Monate veranstaltet.

Entwickelt wurde die Idee von der spielzeugfreien Zeit Mitte der 90er Jahre in kirchlichen Kindergärten in Bayern. 1996 habe man, nach langer Überzeugungsarbeit bei den Eltern, auch in der Siegburger Tagesstätte zum ersten Mal eine spielzeugfreie Zeit eingeführt, erinnert sich Rabennest-Leiterin Martina Longerich.

Wir haben dann nach den drei Monaten die Kinder befragt, was sie vermisst haben und was sie am liebsten wieder haben möchten, und dann kamen dann wirklich so diese grundsätzlichen Dinge wie Lego, Bauklötze, bestimmte Lieblingsbücher, die Puppe. Also, es war sehr wenig, das muss man sagen.

Wichtigstes Anliegen des Projekts ist die Suchtprävention. Denn in vielen Familien, sagt Martina Longerich, gebe es die Tendenz, mit Spielzeug die Kinder ruhig zu stellen. Bedürfnisse, die eigentlich auf einer anderen Ebene liegen, würden dann mit irgendwelchen Objekten befriedigt.

Was wir halt erreichen wollen, ist, dass dieses Klammern an dem Ding ein bisschen loslässt und dass dafür halt was anderes da ist, nämlich: Beziehung. Und halt das Gefühl von Sicherheit. und das ist ja der Grundkonsens, der da eigentlich auch hinter steckt.

Zweites Ziel: Die Entwicklung von Kreativität. Kaum sind Bücher, Bälle und Bauklötze in Kisten und Schränken verschwunden, zeigt sich ein ausgeprägter Einfallsreichtum der Kinder, der bei einer reinen Verwahr-Pädagogik kaum zu beobachten wäre. Wenn nur die Möbel übrig bleiben, erklärt die 6-jährige Lena, könne man ganz prima das Feuerspiel spielen.

Also, da tun wir die ganzen Sachen auf einen Haufen und dann tun wir so, als würden wir das so spielen verbrennen, und dann wird’s halt so ein großes Feuer. Oder wir machen auch manchmal – bei Müllabfuhr, da tun wir die Sachen immer so auf irgendwas drauf und so was.

Was passiert denn mit dem anderen Spielzeug in der Zeit?

Ja, das macht Urlaub oben. Also, wir haben da noch nen kleinen Raum drüber, da ist unser Spielzeug immer, da wechseln wir auch manchmal, kommen andere Spielzeuge her. Und bei der spielzeugfreien Zeit ist das halt so, dass das ganze Spielzeug dann da oben Urlaub macht mal. Und die Tische und Bänke mal dran sind. Nicht nur immer zum Essen und Malen.

Die Kommunikation unter den Kindern verändert sich sehr stark. Was also auch ein riesiger Effekt ist, ist die Sprachentwicklung. Das kann man in den drei Monaten sehr gut beobachten, dass da Riesenschritte gemacht werden .Es muss mehr miteinander gesprochen werden, um Dinge, um Spiele, die laufen sollen, abzuklären, ist Kommunikation – ja, das ist ein ganz positiver Effekt dabei.

Solche pädagogischen Leuchtturmprojekte sind es, die sich die OECD-Kommission in den nächsten Tagen anschauen will, um sich dann ein Bild über die deutsche Vorschulerziehung zu machen. Die Experten werden allerdings auch einen Blick auf die strukturellen Rahmenbedingungen werfen.

Kinder lernen im Kindergarten. Unterstützt werden sie dabei von Erzieherinnen, die in den meisten Fällen durch eine dreijährige Fachschulausbildung für diesen Beruf qualifiziert wurden. Fast alle der über 350tausend Personen, die in Krippen, Kindergärten und Horten arbeiten, sind Frauen. Noch nicht einmal 3 Prozent dieser Frauen haben einen Hochschulabschluss. Ein Skandal, meint Bildungsforscher Wassilios Fthenakis.

Die Anhebung der Ausbildung der Erzieher auf universitäres Niveau dafür gibt es keine Alternative. Und alles andere, was da propagiert wird, geschieht meines Erachtens aus verständlichen ökonomischen Erwägungen oder aus der Sorge um die eigenen Institutionen, aber eine Antwort auf die aktuellen Bedürfnisse unser Kinder, ist das nach wie vor, nicht.

Auch die Gewerkschaften fordern seit langem, dass die Ausbildung der Erzieherinnen angepasst wird an die Ausbildung der Lehrer. Der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Tilman Boehlkau.

Die grundlegenden Eindrücke, das Fundament für den künftigen Bildungsweg wird nun mal in der KITA gelegt und unser stellvertretender Bundesvorsitzender, Norbert Hocke, sagt immer: Erzieherinnen sind nicht die Spieltanten der Nation, sondern Erzieherinnen haben einen pädagogischen Auftrag.

In allen europäischen Ländern, außer in Österreich und in Deutschland, werden Erzieherinnen auf Hochschulniveau ausgebildet. Ein Großteil der bundesweit vorhandenen Fachschulen für Sozialpädagogik widmet sich nicht dem gesamten Spektrum dieser Disziplin, sondern konzentriert sich nur auf das enge Feld der Arbeit in der Kindertagesstätten. Diese begrenzte Ausbildung kritisieren auch Praktiker zunehmend lauter. Heike Mayer leitet einen Kindergarten im rheinland-pfälzischen Landkern, einem 600-Seelen-Ort zwischen Koblenz und Trier. Seit über zwanzig Jahren ist sie in der Einrichtung tätig, die derzeit 88 Kinder betreut. Mit ihrem jungen Kolleginnen ist sie zufrieden, aber:

So direkt nach der Schule, das reicht einfach nicht. So im Rückblick müssen wir einfach sagen, dass es ganz viel auf das Engagement der Kolleginnen ankommt, wie sie bereit sind sich in den Jahren fortzubilden und weiter zu entwicklen.

Den gestiegenen Bedürfnissen der Erzieherinnen versuchen die Hochschulen entgegen zu kommen. Eine Handvoll Fachhochschulen und Universitäten planen entsprechenden Studiengänge aufzubauen. An der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin ist man am weitesten, hier kann man bereits einen Bachelor im Studiengang "Erziehung und Bildung im Kindesalter" erwerben. Initiatorin ist die Pädagogin Hilde von Balluseck

Wir wollen den Bedürfnissen von Kindern nach Bildung und Erziehung besser entsprechen, in dem wir versuchen, Inhalte auch den Erzieherinnen und Erziehern zu vermitteln, die eben sämtliche Bereiche im Bildungssektor abdecken. Also von der Sprachförderung über Mathematik, Naturwissenschaften, kreative Fähigkeiten, natürlich auch die intellektuellen Kompetenzen bezüglich Entwicklungspsychologie und so weiter und so fort. Das alles ist bei uns drin.

3 Männer und 37 Frauen haben sich für den ersten, sieben semestrigen Studiengang eingeschrieben. Die Vermittlung von Naturwissenschaften und Mathematik ist ebenso Teil ihres Curriculums, wie die Sprachenförderung und Kenntnisse der Entwicklungspsychologie. Vom nächsten Wintersemester an wollen die Evangelischen Fachhochschulen Hannover und Freiburg mit ähnlichen Angeboten nachziehen. Die FU Berlin und die Universität Bremen haben ähnliche Studiengänge angekündigt. Für den Kindergarten Experten Fthenakis eine Selbstverständlichkeit

Wir brauchen die am besten ausgebildeten Pädagogen im Bildungssystem im Elementarbereich. Das heißt: Für mich ist die Ausbildung auf universitärem Niveau – Abitur plus eine vierjährige Ausbildung – die unterste Qualitätsstufe, die wir anstreben sollten.

Erzieherinnen, Wissenschaftler und Gewerkschaften sind für die Akademisierung der KITA-Ausbildung. Trotzdem sperren sich Landes- und Kommunalpolitiker. Der Grund hierfür liegt wieder einmal beim Geld. Das Einstiegsgehalt einer Erzieherin liegt bei rund 2000.- Euro. Eine Hochschulausbildung könnte zu höheren Gehaltsansprüchen führen, höhere Personalkosten wollen aber weder die Kommunen noch die anderen Trägereinrichtungen. Trotz aller Foderungen nach bessere Betreuung bleibt deshalb Bundesfamilienministerin Renate Schmidt vage, wenn es um mögliche Änderungen des Kinder- und Jugendhilferechts geht.

Ich werde dort garantiert etwas nicht tun, weil es meine Zuständigkeit nicht ist, weil ich das ganze Gesetz dann auch zustimmungspflichtig machen würde ; ich möchte gerne bei diesem Gesetz erfolgreich sein und nicht am Schluss einen Misserfolg einfahren, also: ich werde dort nicht hineinschreiben, dass jetzt die Kindergartenleitungen Fachhochschul-Ausbildung haben müssen – das würde ich also, also, das übersteigt die Zuständigkeiten des Bundes.

Konkret geworden ist die Bundesfamilieministerin bei einem anderen Punkt. Bereits mehrfach hat sie angekündigt die Mittel zur Kleinkinderbetreuung erhöhen zu wollen.

Wir werden aus den Einsparungen aus den Arbeitsmarktreformen Hartz IV, also Zusammenlegung Arbeitslosen- und Sozialhilfe, auf Dauer, ich betone das, auf Dauer insgesamt 2,4 Milliarden Euro bei Ländern und Kommunen haben. Es geht darum, dass die Länder das auch in die Kommunen weitergeben. Und davon sollen auf Dauer, auch für Personalkosten, 1,5 Milliarden für diese Verbesserung der Betreuung, insbesondere für die Unterdreijährigen, aufgewandt werden.

Angesichts der Tatsache, dass sowohl aus den Reihen der Bundesagentur für Arbeit als auch aus den Kommunen massive Kritik an Hartz IV geäußert wurde, sind die Äußerungen von Frau Schmidt wohl eher Wunschdenken. Das meint zumindest der Bürgermeister der rheinland-pfälzischen Verbandsgemeinden Kaisersesch, Ewald Mattes.

Also die Frage Zusammenlegung von Arbeitslosen und Sozialhilfe ist sicher ein Thema für sich. Ich glaube nicht, dass dadurch wesentlich Mittel eingespart werden können. Wir wissen, dass bei der Bundesagentur für Arbeit von 24tausend zusätzlich Stellen gesprochen wird, dass wird andererseits dementiert. Also ich gehe nicht davon aus, dass hier finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden können, oder freigesetzt werden können. Wenn darüber hinaus diese von ihnen genannte Zahl den Kommunen zur Verfügung steht würde ich das natürlich sehr begrüßen. Dann wäre das eine andere natürlich leichter zu lösen, als wir das ohne finanzielle Unterstützung tun würden.

Die rot-grüne Bundesregierung nennt die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit eines ihrer vorrangigen familienpolitischen Ziele. Dabei ist der Rahmen der bundespolitischen Gestaltungsmöglichkeiten eng gesteckt. Das Grundgesetz hat die Kompetenzen klar verteilt, Schaffung und Finanzierung der Kindertagesbetreuung ist Aufgabe der Kommunen. Genauere Regelungen finden sich im 8. Sozialgesetzbuch, Kinder- und Jugendhilfe, sowie in den jeweiligen Kindertagesstättengesetze der Länder. Der Bund hat keine Weisungsbefugnis, noch darf er in sonstiger Weise Einfluss auf Entscheidungen der Städte und Gemeinen nehmen.

Die Idee, den Kommunen mehr Geld durch Einsparungen zu verschaffen hat für die Bundesregierung durchaus Bestechendes. Die rechtlichen Grundlagen werden in einem Bundesgesetz geschaffen, das sich eigentlich der Reform des Arbeitsmarktes annimmt. Dann bittet man sozusagen die Kommunen, das eingesparte Geld für die Betreuung der Unterdreijährigen zu verwenden.

Das klingt nicht nur kompliziert, das wird vermutlich einfach scheitern. Selbst die SPD-nahe Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft glaubt nicht an ein Gelingen. Der rheinland-pfälzische GEW-Landesvorsitzende Tilman Boehlkau reagiert mit Spott.

Die Worte höre ich gerne, allein mir fehlt der Glaube. Also ganz ehrlich gesagt. Die Idee finde ich wirklich klasse, aber ob da tatsächlich die Bundesagentur für Arbeit, bzw. die Kommunen, die auch noch da in der Pflicht mit drin sind, ob die tatsächlich bereit sind Geld abzugeben um die frühkindliche Pädagogik besonders zu unterstützen, was sehr, sehr wichtig ist und aus unserer Sicht einer der grundlegenden Bedingungen ist, dass gerade in der frühkindlichen Pädagogik mehr gemacht wird. Da sehe ich ein großes Problem, schön wär´s.

Die internationalen Gutachter der OECD haben nun zehn Tage Zeit, vor Ort zu überprüfen, welche Bewertung des deutschen Bildungssystems im Vorschulbereich realistischer ist: Der Optimismus der Bildungsminister oder der Pessimismus der Kommunalpolitiker. Wenn die Untersuchungskommission Mitte Juni mit Deutschland das letzte der insgesamt 20 Länder kennengelernt hat, die in der Vergleichsstudie der Kindergärten gegeneinander antreten, beginnt in den Ministerien und in den 47 279 Kindergärten der Republik das gespannte Warten auf die Ergebnisse. Voraussichtlich im August wird die sogenannte Country Note fertig gestellt, die die nationalen Ergebnisse für Deutschland zusammenfasst. Und am 30. September beginnen dann in Paris, am Sitz der OECD, die Beratungen über den vergleichenden Abschlussbericht in Sachen Vorschulbildung. Deutschland darf gespannt sein.

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