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StartseiteForschung aktuellPlagiate auf dem Vormarsch24.01.2008

Plagiate auf dem Vormarsch

Immer mehr Wissenschaftler schreiben bei sich selbst und bei anderen ab

<strong>Forschungspolitik. - Zu den kleinen Sünden des Schülerlebens gehört das Abschreiben. Deutlich schwerer fällt aber so ein Fehlverhalten ins Gewicht, wenn es sich bei den Sündern um Wissenschaftler handelt. Genau das - Plagiate und Eigenplagiate - seien immer mehr auf dem Vormarsch, behaupten nun zwei Experten aus Texas.</strong>

Von Arndt Reuning

Kopie oder Original: Software entlarvt "professionelle" Abschreiber - aber leider nicht zuverlässig. (AP)
Kopie oder Original: Software entlarvt "professionelle" Abschreiber - aber leider nicht zuverlässig. (AP)
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Wie könnte man einen Aufsatz über Plagiate besser beginnen als mit einem geklauten Zitat, haben sich Harold Garner und Mounir Errami von der Universität von Texas gesagt – und die ersten Zeilen des Charles Dickens-Romans "Eine Geschichte zweier Städte" entwendet und leicht abgewandelt: "Wir leben in den besten Zeiten, wir leben in den schlechtesten Zeiten.

"Einerseits ist das gerade die beste aller Zeiten, denn die wissenschaftliche Produktivität ist noch nie so hoch gewesen wie heutzutage. Besonders im Bereich der Biomedizin. Aber leider ist es gleichzeitig die schlechteste aller Zeiten, weil auch der Anteil an Plagiaten einen Höchststand aufweist,"

erklärt Mounir Errami, einer der beiden Autoren. So schreiben manche Wissenschaftler ganz unverblümt Resultate aus den Publikationen ihrer Kollegen ab. Aber auch die Zahl der Eigenplagiate hat zugenommen: ein und dasselbe Ergebnis veröffentlichen Forscher mehrmals hintereinander in verschiedenen Magazinen. Dabei haben sie nur ein Ziel vor Augen: ihre Liste mit Fachartikeln künstlich zu verlängern. Denn die ist bares Geld wert. Je umfangreicher, desto höher die Chancen auf Fördergelder.

"Der Erfolgsdruck, eine finanzielle Unterstützung zu erhalten, ist sehr hoch. Besonders hier in den USA, aber auch weltweit. Da versuchen manche Wissenschaftler schon einmal, ihre eigene Leistung etwas besser aussehen zu lassen. Sie wissen, dass sie damit durchkommen. Sie tun’s einmal, werden nicht erwischt und tun’s dann immer wieder."

Wenn dann doch einmal Plagiate entdeckt werden, dann meistens nur durch Zufall. Das war Mounir Errami aber zu wenig. Als Bioinformatiker ist er es gewohnt, in einem Heuhaufen aus unnützen Daten nach einer wertvollen Stecknadel zu suchen. Und so hat er sich eine der größten Datenbanken mit Fachveröffentlichungen aus der Medizin vorgenommen, das Medline-Verzeichnis des amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitutes NIH. Es enthält die Zusammenfassungen von knapp neun Millionen Publikationen. Mit Hilfe einer speziellen Software, die Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Texten erkennen kann, hat Mounir Errami einen Teil der Datensätze durchforstet. Aus den Treffern, die das Computerprogramm geliefert hat, wurden Stichproben genommen und von Hand überprüft. Die Untersuchungen zeigen: Gut ein Prozent aller Veröffentlichungen in der Datenbank sind Plagiate oder Eigenplagiate. Tendenz steigend.

"Wir erkennen deutlich, dass seit dem Jahr 2000 die Zahl der Plagiate schneller ansteigt als die Zahl der Veröffentlichungen. Diese Praxis ist also definitiv auf dem Vormarsch."

Dabei würde es doch gar nicht schwer fallen, die Abschreiber zu erwischen, sagt Mounir Errami. Denn mittlerweile werden alle Manuskripte elektronisch als Datei eingereicht.

"Man könnte ganz einfach solch eine Software, wie wir sie benutzt haben, so anpassen, dass sie Plagiate ausfiltert. Indem sie jedes neu eingereichte Manuskript vergleicht mit denen, die schon existieren. Wenn es da einen Verdacht gibt, können die Herausgeber beide Manuskripte genauer unter die Lupe nehmen. So etwas ließe sich ganz einfach einführen."

Damit wir zukünftig nur noch in guten Zeiten leben. Zumindest was wissenschaftliche Veröffentlichungen angeht.

Dazu Ralf Krauter im Gespräch mit Debora Weber-Wulff

Ralf Krauter: Frau Debora Weber-Wulff, Sie sind Medieninformatikerin und Expertin für das Aufspüren wissenschaftlicher Arbeiten, in denen sich jemand mit fremden Federn schmückt. In dem aktuellen Artikel wurde, wie gehört, gut ein Prozent der untersuchten Arbeiten als Duplikate klassifiziert. 2005 war in Nature sogar schon einmal von einer Dunkelziffer von 17 Prozent zu lesen. Wie groß ist das Problem aus ihrer Sicht denn tatsächlich?

Debora Weber-Wulff: Das Problem ist riesengroß, aber es gibt keine Zahlen. Wir wissen immer nur, was wir gefunden haben, und nicht, wie viel es tatsächlich gibt, weil wir keine Möglichkeit haben, alles prinzipiell zu testen. Und es geht auch nicht alles mit EDV zu testen. Insofern können wir nur sagen, was tatsächlich entdeckt worden ist, und das ist aber ausreichend, dass wir wirklich alarmiert sein müssen. Es gibt so viele verschiedene Unarten von diesen Autoplagiaten, wo jemand den eigenen Artikel einfach mehrfach unterbringt bei verschiedenen Zeitschriften oder vielleicht auch einmal auf Englisch, einmal auf Deutsch und einmal auf Französisch unterbringt. Aber es gibt auch Leute, die ganz frech Aufsätze nehmen von irgendwelchen obskuren Zeitschriften oder Tagungen, Vorname und Nachnahme ersetzen und woanders unterbringen. Das haben wir auch hier im Hause, ein Kollege von mir hat das gehabt, dass sein Artikel in einem Far Eastern Journal of... was-weiß-ich erschienen ist, mit allen Bildern, dem ganzen Text und den Namen von jemand anderes - das war ein Professor von einer Universität in China.

Krauter: Das ist natürlich ziemlich dreist. Gerade aus China haben wir auch kürzlich erst über einen ähnlichen Fall berichtet. Die Frage ist ja, kann man elektronisch nicht wirklich dagegen vorgehen? Also wir haben gehört, es gibt Programme, die so etwas aufspüren können - was taugen die denn? Sie haben ja mehrere getestet.

Weber-Wulff: Die taugen so gut wie gar nichts, man kann genauso gut eine Münze werfen, um zu entscheiden, ob ein gegebener Artikel ein Plagiat ist oder nicht. Die Software kann eigentlich nur Zeichenreihen miteinander vergleichen, sie vergleicht dieses bisschen mit jenem bisschen und sagt, wie ähnlich sie sich sind. Die Softwaresysteme können nicht sehen, ob richtig zitiert ist, es gibt nämlich ganz viele verschiedene Arten, wie richtig zitiert wird, und wir kriegen ganz besondere Unarten des Plagiats, nämlich Übersetzungsplagiate, Strukturplagiate, wo man eine Argumentationskette übernimmt - das kann so ein System einfach nicht erkennen. Bei den Tests, die ich gemacht habe - ich habe zweimal getestet, ein Mal in 2004 und einmal 2007 - dem neueren Test, den ich im September 2007 fertig gestellt habe, war so, dass die beste Software im Test nur 60 Prozent von unseren präparierten Plagiaten überhaupt richtig einordnen konnte, ob Plagiat oder nicht.

Krauter: Wobei 60 Prozent ja schon ein ziemlicher Fortschritt wäre, dem gegenüber, es gar nicht zu merken, wenn etwas falsch eingereicht wird, oder?

Weber-Wulff: Das schon, aber das Problem ist, man verlässt sich darauf und glaubt, dass man damit alles hat. Man sagt 'ach, ist ja sauber durchgekommen, ist ja in Ordnung'. Und man beobachtet jetzt auch bei Studierenden dieses Phänomen: die versuchen, ihre Aufsätze durch irgendwelche Software zu schicken, und wenn es sauber zurückkommt, reichen sie es ein. Sie drehen solange an der Wortreihenfolge herum, bis es nicht mehr so richtig erkenntlich ist. Und das ist auch nicht Sinn der Sache, auch das ist eine Bearbeitung des Textes und ist auch vom Wissenschaftlichen her nicht ok.

Krauter: Das ist also der klassische Rüstungswettlauf zwischen Betrügern und denen, die sie ausfindig machen wollen.

Weber-Wulff: Ja, deswegen sage ich für den universitären Bereich, wir sollen die Studierenden aufklären darüber, was wissenschaftliches Arbeiten ist, und immer selber nachgucken. In den Kursen, die ich gebe zur Weiterbildung, über Plagiaterkennung, lernen die Leute relativ gut, die Plagiate zu erkennen - Lehrkräfte erkennen gut 80 Prozent der Plagiate, und sie finden selber auch sehr schnell auch die Quellen, wenn sie vorhanden sind. Ich finde, es ist eine vernünftige Idee, dass sowohl Zeitschriften als auch zum Beispiel Projektgeber, die Projektanträge durchaus gegen eine Datenbank von bisherigen Projektanträgen testen sollten. Insbesondere sollten sie gucken, ob diejenigen, die diesen Antrag einreichen, irgendwie Gutachter gewesen sind bei früheren Projekten. Das ist ja auch eine Unart, die es gibt: man ist Gutachter, lehnt ein Projekt ab und reicht den Projektantrag unter dem eigenen Namen entweder beim selben oder bei einem anderen Geldgeber ein.

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