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StartseiteInterviewVon der Leyen hat "äußerst schmallippig reagiert"28.09.2015

PlagiatsvorwürfeVon der Leyen hat "äußerst schmallippig reagiert"

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) soll Teile ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben. Die Medizinische Hochschule Hannover überprüft mittlerweile die Arbeit auf Wunsch der Ministerin. In der aktuellen Diskussion werde viel vermengt, sagt der Publizist Nikolaus Blome im DLF. Er glaubt aber nicht, dass es für die Ministerin "eng werden könnte".

Nikolaus Blome im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nimmt am 09.09.2015 an der Sitzung des Bundestags in Berlin teil. Sie blickt sehr ernst. (Kay Nietfeld, dpa picture-alliance)
Die Plattform "VroniPlag" wirft Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Regelverstöße in deren medizinischer Doktorarbeit vor. (Kay Nietfeld, dpa picture-alliance)
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Tobias Armbrüster: Die deutsche Politik hat seit dem Wochenende einen weiteren Plagiatsfall. Im Fokus steht Ursula von der Leyen von der CDU, die Bundesverteidigungsministerin. Sie soll für ihre medizinische Doktorarbeit aus dem Jahr 1990 weite Teile aus fremden Texten übernommen haben, und zwar, ohne Quellen zu nennen. Die Vorwürfe wurden jetzt veröffentlicht auf der Internet-Plattform VroniPlag. Frau von der Leyen hat die Hochschule bereits gebeten, einen unabhängigen Prüfer in der Sache einzuschalten. Ich habe über diesen Fall kurz vor dieser Sendung mit Nikolaus Blome gesprochen, in den vergangenen Jahren einer der leitenden Hauptstadt-Journalisten, erst bei der "Bild"-Zeitung, dann beim "Spiegel", und ich habe ihn gefragt, wie schwer diese Vorwürfe gegen Ursula von der Leyen wiegen.

Nikolaus Blome: Gemessen am Vorlauf - da sind schon Minister zurückgetreten - ist es natürlich kreuzgefährlich für die Ministerin. Sie hat auch außerordentlich schmallippig reagiert und ihre Arbeit relativ schnell, ich glaube, noch bevor das richtig öffentlich wurde, übers Wochenende der Fakultät eingereicht, bei der sie sie gemacht hat. Und trotzdem, finde ich, würde ich gerne ein bisschen mehr wissen, denn alles, was man bislang weiß, über die Passagen, um die es da geht, sind das doch eher die beschreibenden Passagen und weniger die ganz genuin eigenen forschenden Passagen dieser Arbeit. Ich finde, da wird jetzt manches auch schon in der Debatte, die jetzt losgeht, vermengt bis hin zu dem Punkt, dass Doktorarbeiten in der medizinischen Fakultät sowieso alle nichts wert seien, weil man die quasi hinterhergeschmissen kriege. Das hat aber nichts mit Plagiaten zu tun. Wie gesagt, da räumt sich und vermischt sich eine ganze Menge. Ich würde erst mal gerne ein bisschen klarer sehen.

Armbrüster: Würden Sie denn sagen, da muss man tatsächlich unterscheiden? Sie haben es jetzt gemacht zwischen beschreibenden und eher analytischen Teilen.

Blome: Eindeutig, finde ich. Wenn Sie jemals selber so ein Ding geschrieben haben, ob nun Doktor oder Magister, dann wissen Sie, Ihre eigene These, Ihre eigene Forschung in dieser wissenschaftlichen medizinischen Doktorarbeit ist die eine Sache, und dann müssen sie quasi das Umfeld beschreiben, in dem Sie Ihre "Neuigkeit", Ihr Eigenes platziert haben, also referieren, was der Forschungsstand zu dem A, B, C ist, was es bedeutet, wenn dieses und jenes Ihrer These zutrifft. Das referieren Sie aus Ihrem Kopf, aus anderen Büchern und sollten es natürlich in eigenen Worten paraphrasieren. Aber letztlich paraphrasieren Sie es. Das heißt, Sie übernehmen den Stand der Wissenschaft eben von jenen Wissenschaftlern, die ihn erreicht haben, um weiter darauf aufzusetzen, auf deren Schultern quasi zu stehen und weiter zu gucken mit einem, Ihrem eigenen originären Ansatz.

Armbrüster: Herr Blome, ich habe auch mal eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben. Da wurde mir nie gesagt, dass ich bei beschreibenden Passagen ruhig abschreiben darf, auch wörtlich, ohne die Quelle zu zitieren.

Nikolaus Blome, stellvertretender "Bild"-Chefredakteur, aufgenommen während der ARD-Talksendung "Anne Will" (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Nikolaus Blome (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Blome: Richtig! Das hatte ich aber auch nicht vorgeschlagen. Ich hatte gesagt, das paraphrasieren Sie. Sie fassen zusammen den Stand der Wissenschaft. Und wer es sich einfach macht, übernimmt das eins zu eins. Das ist sicherlich nicht statthaft, ist aber noch ein Unterschied, als würden Sie quasi eine wissenschaftliche Forschung von jemandem klauen und sie als Ihre eigene originär neue ausgeben. Das, finde ich, sind zwei unterschiedliche Dinge. Wenn Sie schlecht paraphrasiert haben oder zu schludrig das gemacht haben, ist das das eine, sicherlich eine Sünde und eine Lässlichkeit. Wenn Sie den Kern Ihrer Arbeit woanders geklaut hätten, das was Sie als neu und Ihr eigenes ausgeben, dann wäre das eine ganz andere Kategorie, finde ich.

Der Rückhalt in der Partei ist da

Armbrüster: Herr Blome, wie werden denn solche Plagiatsvorwürfe in Berlin inzwischen generell beurteilt? Gibt es da eine gewisse Ermüdungserscheinung?

Blome: Ja, das ist mein Eindruck. Das müsste aber oder das sollte aber nicht, finde ich, den ausschlaggebenden Aspekt ausmachen. Natürlich sagt man, ach Gott, jetzt schon wieder und jetzt versuchen sie es da auch noch mal, das ist eine wissenschaftliche Arbeit und die ist auch wesentlich kürzer, und wie gesagt, es vermengt sich jetzt auch schon immer, dass man sagt, na ja, medizinische Doktorarbeiten sind eh gar keine richtigen, ihr verdient ja gar nicht den Doktor und so weiter und so fort. Ja, aber ich finde, da sollte man schon dann scharf genug sein, jede einzelne Sache sich selber anzuschauen und isoliert zu betrachten in ihrem eigenen Kontext und sich nicht davon leiten lassen, dass das jetzt der 8. oder der 12. Oder der 33. Versuch ist, jemandem ans Zeug zu flicken.
Was mir allerdings nicht so gut gefällt ist das, was der Professor Dannemann macht, der das recherchiert hat. Das finde ich gut, dass jemand sich die Mühe macht nachzuschauen. Aber er tritt als Ankläger auf und gleichzeitig als Richter, denn das Urteil hat er auch schon gesprochen. Das finde ich wiederum eine Verquickung, die mir nicht gefällt.

Armbrüster: Wenn dieser Druck nun aufrecht erhalten bleibt, wie viel Rückhalt kann Frau von der Leyen von ihrer eigenen Partei, von der CDU erwarten?

Blome: Sie ist nicht besonders beliebt, insbesondere in der Fraktion, in der Bundestagsfraktion von CDU/CSU. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass im jetzigen Moment, wo die Partei ohnehin ein bisschen unter Druck steht wegen allfälliger Schwierigkeiten, die man hat im Umgang mit der Flüchtlingskrise, jetzt quasi noch eine interne Debatte losgeht, ein Teil erklärt sich für Frau von der Leyen und ein Teil erklärt sich dagegen. Das würde ihr eher helfen, glaube ich, taktisch. Bei Frau Schavan, der ehemaligen Bildungsministerin, war es ein anderes Problem. Als Bildungsministerin galten wahrscheinlich noch mal ganz besonders scharfe Kriterien an ihrer Arbeit beziehungsweise an die Schwelle, ab wo es ein Plagiat war. Das wird bei der Verteidigungsministerin in der Form nicht gelten. Insofern ist der Rückhalt, glaube ich, noch relativ sicher, außer es kommt jetzt raus, dass auch der Kern der Arbeit geklaut ist.

"Glaubwürdigkeit ist das größte Gut"

Armbrüster: Was ist denn Ihre Einschätzung? Wird das Ganze für Frau von der Leyen gefährlich in den kommenden Wochen?

Blome: Unangenehm wird es auf jeden Fall, weil es eine Glaubwürdigkeitsdebatte gibt, die sich aus der Frage, was ist eine Doktorarbeit, in weiten Teilen oder in zentralen Teilen vor allen Dingen irgendwo abgeschrieben, automatisch ableitet, und Glaubwürdigkeit ist das größte Gut, das wichtigste Gut letztlich, was der Politiker hat. Das gilt auch für Frau von der Leyen. Sie hat in ihrem eigenen Haus, in ihrem eigenen Ministerium sicherlich eine Menge Gegner, weil sie da eine Menge verändern möchte, und das schafft immer Gegner. Insofern werden eine ganze Menge Leute zuschauen und sich insgeheim freuen, wenn sie wirklich in Bedrängnis geriete. Ich glaube es aber zumindest mal vom heutigen Tage aus geblickt, ehrlich gesagt, nicht so richtig, dass das wirklich eng für sie werden könnte.

Armbrüster: Hier bei uns im Deutschlandfunk der Journalist und Publizist Nikolaus Blome. Vielen Dank.

Blome: Danke schön!

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