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StartseiteForschung aktuellPlan kontra Darwin21.09.2005

Plan kontra Darwin

Auch in Deutschland stellen sich Schöpfungsanhänger gegen die Evolutionstheorie

<strong>Wissenschaftstheorie. - In den USA wird bereits an Schulen mehrerer Staaten die Lehre des so genannten "Intelligent Design" - der Schöpfung alles Seins durch ein höheres Wesen - neben Darwins Evolutionstheorie gelehrt. Jetzt entbrennt auch hierzulande zunehmend die Kontroverse.</strong>

Grit Kienzlen im Gespräch mit Prof. Axel Meyer

Prof. Meyer: Es besteht [...] das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein. (Uni Konstanz)
Prof. Meyer: Es besteht [...] das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein. (Uni Konstanz)
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Professor Axel Meyer
New York Times

Zur Frage der Evolution gibt es kein abgeschlossenes Konzept, so äußert sich Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus im Magazin "Stern". Der Hintergrund: Althaus hatte zu einer Diskussion über die Vereinbarkeit von Evolution und christlichem Glauben den umstrittenen Münchener Mikrobiologen Siegfried Scherer eingeladen. Scherer vertritt unter anderem in einem Schulbuch Thesen der so genannten Kreationisten, denen zufolge ein höheres Wesen Menschen, Tiere und Pflanzen gezielt geschaffen hat. Einer, der solchen Thesen naturgemäß nichts abgewinnen kann, ist Deutschland führender Evolutionsbiologe Professor Axel Meyer in Konstanz.

Grit Kienzlen: Herr Meyer, welche Meinung vertreten Sie zu Ministerpräsident Althaus Äußerungen?

Axel Meyer: "Das ist ein bisschen überraschend - wenn ich höre, dass ein wissenschaftliches Konzept nicht abgeschlossen ist, dann fällt mir eigentlich nicht ein, welches wissenschaftliche Konzept abgeschlossen sein soll. Vielleicht die Algebra oder Teile der Newtonschen Physik. Aber in jeder wissenschaftlichen Disziplin wird natürlich weiter geforscht."

Kienzlen: Herr Althaus sticht dabei natürlich in ein Wespennest: in den USA läuft die Debatte um das so genannte "intelligente Design" seit Wochen auf Hochtouren. Was ist mit diesem Begriff gemeint, was soll diese Debatte?

Meyer: "Meinem Verständnis nach ist "Intelligent Design" nur Kreationismus in einer neuen Verkleidung. Die ursprüngliche Form des Kreationismus bestand darin, die Bibel wörtlich auszulegen. Das heißt, es wurde angenommen, dass die Erde nur ungefähr 6000 Jahre alt ist und dass alles Leben auf der Welt innerhalb von sechs Tagen geschaffen wurde. Diese Idee des Kreationismus wurde in einem Entscheid des höchsten Gerichtshofes in den USA als Religion abgehandelt und wurde damit auch verboten, in den Schulen zu unterrichten, weil dort Religion und Wissenschaft nicht gemischt werden sollten. Die Intelligent-Design-Bewegung scheint aus meiner Sicht eine Reaktion auf diesen Entscheid des Bundesgerichthofes zu sein. Die Intelligent-Design-Anhänger fordern keine direkte biblische Auslegung der Welt oder Biologie oder Evolution um uns herum, sondern argumentieren, dass die Welt um uns herum so komplex ist, dass sie mit den Darwinistischen Mechanismen wie Mutation und Selektion anhand von genetischer Variation nicht erklärbar sei. Ihr Argument - wenn man das Argument nennen darf - sagt, dass die morphologische Komplexität so hoch ist, dass sie nur ein Schöpfer, ein "intelligent Designer" - sie vermeiden den Begriff "Gott" zu benutzen, um sich eben nicht zu offensichtlich ins religiöse Lager einsortieren zu lassen - aber sie gehen davon aus, dass die lebende Welt um uns herum so komplex ist, dass nur ein "intelligent Designer", also ein Schöpfer, diese komplexe Welt geschaffen haben könnte."

Kienzlen: Wer hat denn diese Debatte jetzt genau zu diesem Zeitpunkt nun wieder angestoßen und warum kommt das auf?

Meyer: "Das jüngste Kapitel fing am 7. Juli dieses Jahres an, als Kardinal Schönborn aus Wien in einem Leserbrief in der New York Times argumentiert hat, dass die katholischen Lehren nicht vereinbar sind mit der Evolutionsbiologie und sich deshalb mehr oder weniger explizit auf die Seite des "Intelligent Design" geschlagen hat. Kardinal Schönborn hat damit interessanterweise den Doktrinen der katholischen Kirche widersprochen, denn schon Papst Pius und auch Johannes Paul II hatten in den 50er und dann noch mal Mitte der 90er Jahre die päpstliche Akademie beauftragt, die darwinistischen Lehren zu evaluieren im Vergleich zur katholischen Doktrin. Und sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Darwinismus - oder Evolutionsbiologie allgemein gesprochen - nicht im Widerspruch zur Doktrin der katholischen Kirche steht, dass die katholische Kirche akzeptiert, dass durch die üblichen Darwinistischen Mechanismen neue Arten entstehen können und sogar der Mensch - Homo sapiens - auf diese Art und Weise entstanden ist, haben aber den Ursprung der Seele für sich, für Gott beansprucht. Und damit, glaube ich, hat kein Wissenschaftler Probleme. Ich glaube, kein ernsthafter Wissenschaftler würde jemals versuchen, den Ursprung der Seele - so es sie denn gibt - wissenschaftlich zu ergründen oder zu erforschen."

Kienzlen: Warum wird ausgerechnet die Evolutionstheorie unter allen wissenschaftlichen Theorien, die die Kirche einst bekämpft und dann akzeptiert hat, immer wieder in Zweifel gezogen?

Meyer: "Ich glaube, das ist einfache eine tiefe, psychologische Unsicherheit. Ich glaube, es besteht bei einigen Teilen der Bevölkerung das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein. Es hilft wahrscheinlich in der Sinnfindung des Lebens, zu glauben, dass der Mensch oder zumindest die Seele des Menschen durch einen Gott oder einen Schöpfer erschaffen worden ist. Und es ist vielleicht für viele Leute nicht leicht, zu akzeptieren, dass wir nichts anderes als Primaten sind, und Primaten nichts anderes als Säugetiere sind, und Säugetiere nichts anderes als eine Gruppe von Wirbeltieren sind - und so weiter und so weiter. Ich glaube, dass das eher was Metaphysisches ist als etwas Wissenschaftliches. Denn die Evolutionsbiologie ist wahrscheinlich sogar besser als die meisten anderen biologischen Teildisziplinen in einem Theoriegebäude verankert, das seit 150 Jahren ausgebaut wird, verfeinert wird, aber nicht umstoßen wird"

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