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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMehr Wertschätzung, weniger Müll22.11.2018

PlastikMehr Wertschätzung, weniger Müll

Plastik genießt derzeit keinen guten Ruf. Verzichten können wir darauf aber nicht. Das interdisziplinäre Projekt ″PlastikBudget″ setzt sich für einen bewussten und sparsamen Umgang mit dem Alleskönner ein - und für eine Imagepolitur.

Von Magdalena Schmude

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Eine Plastiktüte schwimmt ähnlich wie eine Qualle im Meer. Die Sonne scheint von oben auf die Tüte, der Rand ist dunkel. (imago/Bluegreen Pictures)
Bewegte Plastiktüte - eine ganz eigene Ästhetik (imago/Bluegreen Pictures)
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Die Szene ist in die Filmgeschichte eingegangen: In einer Videosequenz im Oscar-prämierten Film "American Beauty" tanzt minutenlang eine weiße Plastiktüte im Wind. Die Aufnahme sei das Schönste, was er je gefilmt habe, sagt dazu einer der Protagonisten, und tatsächlich hat die einfache Kunststofftüte, die sich still im Wind wiegt, eine ganz eigene, ungewohnte Ästhetik. Ähnlich neue Perspektiven auf Kunststoff und alles, was daraus gemacht ist, wollten die Macher des Projekts PlastikBudget bei ihrer Auftaktkonferenz eröffnen. Denn unser Verhältnis zu Plastik ist ein widersprüchliches, wie der Materialwissenschaftler Jürgen Bertling beobachtet.

"Extreme Ambivalenz in der Sicht auf Kunststoffe.″

″Wir haben eine extreme Nutzung von Kunststoffen, die Leute sagen, es ist das, was die Zahl der Objekte angeht, häufigste Material im Hause, aber es ist das Material gleichzeitig mit der geringsten Wertschätzung. Ist das jetzt Akzeptanz, weil man soviel davon nutzt? Oder ist das Ablehnung, weil man es so gering wertschätzt? Da ist auf jeden Fall eine extreme Ambivalenz in der Sicht auf Kunststoffe.″

Jürgen Bertling arbeitet am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, kurz UMSICHT, das das Projekt PlastikBudget zusammen mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen durchführt. Ziel des Projektes ist es, ein Pro-Kopf Budget für Plastikemissionen zu ermitteln. Also die Menge an Plastik, die pro Jahr von jedem Menschen in die Umwelt freigesetzt werden kann, ohne dieser einen zu großen Schaden zuzufügen. Neben der konkreten Berechnung dieses Budgets soll begleitende soziologische Forschung den Vorschlag nachvollziehbar und konsensfähig für Bevölkerung, Wirtschaft und Politik machen. Interessant sind für die Macher dabei zum Beispiel auch Fragen der globalen Verteilung. Etwa, ob Entwicklungsländer ein zeitweilig höheres Budget haben sollen. Um eine möglichst breite Akzeptanz zu erreichen, gehören zum Projekt auch Mitmach-Aktionen, bei denen verschiedene Akteure ihre Vorstellungen einbringen können. Auf keinen Fall soll das Plastikemissions-Budget wie ein Verbot wirken, betont Jürgen Bertling. Er sieht es viel eher als Hilfestellung.

200 Gramm Plastik pro Kopf und Jahr 

″Sodass jeder einzelne in der Lage ist, sein Verhalten im Umgang mit Kunststoffen anhand dieses Plastikemissions-Budgets zu bewerten. Wir werden dazu irgendwann auch einen Emissionsrechner entwickeln, mit dem die Leute abschätzen können, wie groß denn ihr eigener Beitrag an den Plastikemissionen ist. Und sie werden dann relativ schnell sehen, welche Praktiken dazu führen, dass sie ein hohes Plastikemissions-Budget haben. Ähnlich wie es das heute für Kohlendioxid oder Treibhausgase auch gibt. ″

Bei etwa 200 Gramm pro Kopf und Jahr könnte ein sinnvolles Emissionsbudget liegen, schätzt Bertling. Ein Wert, der aktuell in Deutschland um ein Vielfaches überschritten wird. Auf 5,4 Kilogramm pro Kopf und Jahr beziffert eine Studie die aktuellen Kunststoff-Emissionen der Deutschen. Dazu gehört neben Plastikmüll, dem sogenannten Makroplastik, auch das Mikroplastik, das zum Beispiel durch Reifenabrieb oder aus Kosmetika und Reinigungsmitteln freigesetzt wird.

Dass soviel Kunststoff in die Umwelt gelangt, kann man sogar in den Gesteinsschichten sehen, die Geologen zur Erforschung der Vergangenheit nutzen. Wo man sonst tierische Fossilien oder Reste von historischen Gegenständen aus Stein oder Holz findet, stoßen Forscher mittlerweile auch auf Plastik. In den Schichten, die den Jahren ab 1950 entsprechen, wird das besonders deutlich. Denn zu dieser Zeit begann die industrielle Massenproduktion von Kunststoffen und ihre breite Verwendung im Alltag. Für den Historiker Franz Mauelshagen vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS in Potsdam ist dabei besonders bemerkenswert....

″... dass das, was man in den Sedimenten findet, eins zu eins die Veränderung unserer materiellen Kultur widerspiegelt im 20. Jahrhundert. Und das ist faszinierend, weil die Geschichte plötzlich in den Sedimenten auftaucht, in den Sedimentablagerungen. Die man auch darum besser datieren kann als Geologe, weil man ja die Geschichte der Erfindungen hat. Zum Beispiel ab wann Plastik kommerziell massenhaft produziert wurde. Dadurch sind Datierungen mit einer Präzision möglich, die mit klassischen naturwissenschaftlichen Datierungsverfahren natürlich nicht möglich sind. ″

Hinterlassenschaften für Historiker der Zukunft

Durch seine LanglebigkeHt wird Plastik damit zum Fossil, einem sogenannten Technofossil, weil es aus einem Stoff besteht, der im Unterschied zu herkömmlichen Artefakten aus Holz oder Metall technisch hergestellt wurde. Und weil es sich mittlerweile in den Sedimenten überall auf der Welt findet, diskutieren Wissenschaftler aktuell sogar darüber, es zu einem Marker für das Anthropozän zu machen, dem Erdzeitalter, das vor allem durch menschlichen Einfluss auf die Erde geprägt ist. Für Franz Mauelshagen ein sinnvoller Ansatz.

″Ich fände es einen interessanten Marker, weil es tatsächlich als Kunststoff diesen Unterschied macht zu anderen Technofosillien, die zwar technisch produziert sind, aber immer noch auf diesen klassischen Mustern natürlicher stofflicher Grundlagen gebildet sind. Der Stoff ist was anderes, der Stoff wird quasi in seiner Grundstruktur gemacht. Deswegen Zeitalter des Plastik als Anthropozän würde Sinn machen aus meiner Sicht. ″

Auch an einem anderen Ort findet sich seit den 1950er Jahren vermehrt Plastikmüll: In der Literatur. Mit diesem Motiv beschäftigt sich die Literaturwissenschaftlerin Lis Hansen von der Universität Münster. Sie hat dabei unter anderem beobachtet, dass Plastik auf Grund seiner Materialeigenschaften eine Sonderstellung unter den Müllsorten einnimmt:

″Einerseits fungiert Plastik als Referenz für Substanzlosigkeit, andererseits ist es eben die Persistenz der Substanz, die Dauerhaftigkeit, die ja viel länger ist als sonstige Objekte, mit denen wir uns Dauerhaftigkeit und Stabilität versichern wollen, und und da ist mir dieser Widerspruch aufgefallen zwischen einerseits Substanzlosigkeit und andererseits so einer sehr präsenten Substanz. Da gibt es diese zwei Darstellungsmomente in der Literatur. Und ich denke, dass es durchaus damit zu tun hat, warum wir das Plastikmüllproblem so lange ignorieren, weil wo keine Substanz erwartet wird, oder wo wir sie nicht dem Objekt zuschreiben, kommt vielleicht der materielle Rest auf eine komische Art überraschend, wenn plötzlich dann überall Plastik ist. (Und dann kommt aber dieses Objekt, dass eigentlich für den maximal kurzen Gebrauch bestimmt ist, mit so einer maximalen Dauerhaftigkeit daher. Und Dauerhaftigkeit ist sonst im kulturellen Feld ja eigentlich ein Wert, und im Falle von Plastik ist er jetzt eher ein Fluch, könnte man sagen.) ″

Weniger Plastik und langlebigere Produkte

Ein Ziel des Projekts PlastikBudget ist deshalb auch, diese eher negativen Zuschreibungen an Kunststoffe zu ändern, wie Jürgen Bertling erklärt.

″Dass wir dem Material ein hochwertiges Image geben, dass wir sorgsam damit umgehen, das heißt auch natürlich, dass wir weniger von dem Material verbrauchen, langlebigere Produkte erzeugen, weniger Verschleiß zulassen. ″

Und es würde auch sowas geben wie Kunststoff, der Patina entwickelt. Patina ist heutzutage reserviert für Holz und Metall. Selbst Beton kann inzwischen in Würde altern, nur der Kunststoff schafft das noch nicht.

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