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StartseiteComputer und KommunikationPleitegeier über der Datenbank05.06.2010

Pleitegeier über der Datenbank

Dem Fachinformationszentrum Technik fehlen die Fördermittel

IT-Wirtschaft.- Das Fachinformationszentrum Technik in Frankfurt hat Insolvenz angemeldet. Welche Folgen das genau für diese Forschungsstätte für semantische Technologien haben könnte, erklärt der Wissenschaftsjournalist Peter Welchering im Gespräch mit Manfred Kloiber.

Viele Unternehmen aus der Maschinenbaubranche sind auf die Recherchen in Datenbanken des FIZ Technik angewiesen.  (Stock.XCHNG / Brad Martyna)
Viele Unternehmen aus der Maschinenbaubranche sind auf die Recherchen in Datenbanken des FIZ Technik angewiesen. (Stock.XCHNG / Brad Martyna)

Manfred Kloiber: Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass das in Frankfurt am Main ansässige Fachinformationszentrum Technik Insolvenz angemeldet hat. Damit ist die Zukunft einer der wichtigsten Forschungsstätten für semantische Technologien, aber auch ein zentraler Bestandteil der geplanten Deutschen Digitalen Bibliothek gefährdet. Was hat denn zu dem Insolvenzantrag geführt, Peter Welchering?

Peter Welchering: Das Bundeswirtschaftsministerium hat dem Fachinformationszentrum Technik einen Brief geschickt. Da haben sie reingeschrieben, dass das Ministerium die finanzielle Förderung zum 30. Juli des Jahres einstellt. Und da die Mittel aus dem Wirtschaftsministerium knapp 40 Prozent der gesamten Mittel, des gesamten Budgets des Fachinformationszentrums Technik ausmachen, hat die Geschäftsleitung um Ursula Deriu einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt, also die Notbremse gezogen. Der Geschäftsbetrieb läuft einstweilen weiter. Also es gibt im Augenblick noch weiterhin Literaturrecherchen, die das FIZ Technik durchführt und das Management des Fachinformationszentrums Technik bemüht sich nun auch darum, Investoren zu finden, um eben die knapp 40 Prozent des Budgets, die bislang aus dem Bundeswirtschaftsministeriums kamen, auffangen zu können. Aber das wird nicht ganz einfach.

Kloiber: Das Bundeswirtschaftsministerium hat ja mitgeteilt, dass die Förderung eingestellt werde, weil das FIZ Technik kleinere und mittlere Unternehmen nicht ausreichend mit Fachinformationen versorgt habe. Was sagen denn die Verantwortlichen des FIZ Technik zu den Gründen des Wirtschaftsministeriums, die Förderung einzustellen?

Welchering: Gegenüber dem Fachinformationszentrum Technik hat das Wirtschaftsministerium laut Aussage von Ursula Deriu gegenüber dem Deutschlandfunk lediglich mitgeteilt, dass die rechtlichen Voraussetzungen für eine weitere Förderung nicht mehr gegeben seien. Das klingt erstmal etwas dürr. Und darüber haben die Verantwortlichen im FIZ Technik auch ziemlich gerätselt. Verglichen mit den Fachinformationszentren, das muss man allerdings auch wissen, die von anderen Ministerien Fördermittel erhalten, da gibt es ja auch noch FIZ Chemie und wie die alle heißen, war die bisherige Förderungspraxis des FIZ Technik auch etwas speziell oder einzigartig. Denn die Fachinformationszentren in Deutschland erhalten in der Regel eine sogenannte institutionelle Förderung. Das heißt, mit den Fördermitteln kann man über mehrere Jahre rechnen. Die werden einmal genehmigt, für einen bestimmten Zeitraum über mehrere Jahre und dann kann man für den Folgezeitraum auch mit ähnlichen Mitteln – unter Umständen angepasst – über einen Inflationsausgleich oder ähnliches auch wieder rechnen. Das war beim FIZ Technik völlig anders. Die haben immer nur eine sogenannte projektbezogene Förderung erhalten und die wurde eben von Jahr zu Jahr festgelegt und gewährt.

Kloiber: Welche Bedeutung hat denn das FIZ Technik bei der Entwicklung semantischer Technologien?

Welchering: Die waren ziemlich federführend beim Projekt "Linguistisches Indexieren und Suchen", das allerdings außerhalb der Förderung des Wirtschaftsministeriums lief. Aber dieses Projekt – fast drei Jahre gelaufen – hat international auch ziemliche Anerkennung gefunden. Und in Frankfurt haben die Wissenschaftler des FIZ schon insgesamt recht früh damit angefangen, einen Thesaurus, der heißt "Technik und Management", für die Erschließung der technisch-wissenschaftlichen Fachinformation aus allen Ingenieurbereichen aufzubauen. Und da weist dieser Thesaurus inzwischen rund 150.000 Begriffe auf, und zwar zweisprachig, also in Deutsch und Englisch. Und diese 150.000 Begriffe sind in sogenannte Begriffsfamilien eingeteilt. Und diese Begriffsfamilien wiederum sind miteinander vernetzt, so dass bei einer sehr unscharfen Suche, die ich als Anfragender stelle, das System interpretieren kann, was ich, der Fragesteller, denn wohl von der Datenbank wissen möchte. Und von dieser semantischen Technologie haben dann auch andere Fachinformationszentren profitiert. Und eben auch die weitere Arbeit an genau dieser Art semantischer Technologie soll ja eigentlich den bisherigen Plänen zufolge eines der Kernelemente der Deutschen Digitalen Bibliothek sein. Also wenn aus dem jetzigen Insolvenzantrag dann folgen würde, dass beispielsweise die Arbeit am FIZ Technik nicht fortgeführt werden kann, dann wären eben nicht nur die Nutzer technisch-wissenschaftlicher Fachinformationen aus den Ingenieurwissenschaften betroffen, sondern dann würde tatsächlich eines der ganz wichtigen Zentren in Sachen semantischer Technologie in Deutschland geschlossen. Mal ganz abgesehen davon, dass dann noch ein ganz wichtiger Bereich der Deutschen Digitalen Bibliothek nicht mehr bestehen würde.

Kloiber: Wie wird es weitergehen mit dem FIZ Technik?

Welchering: Das kann im Augenblick wohl niemand sagen, das will vor allen Dingen im Augenblick auch kein Ministerialer sagen. Die Geschäftsleitung des FIZ Technik verfolgt nach meinem Dafürhalten eine Doppelstrategie. Zum einen suchen sie Geldgeber aus der Privatwirtschaft – und einige haben sich auch schon bereiterklärt, dass sie miteinsteigen wollen – aber ob das dann 40 Prozent oder knapp 40 Prozent der bisherigen Mittel ausgleichen kann, bleibt sehr, sehr fraglich. Und die Geschäftsleitung sucht Fördertöpfe bei der Bundesregierung und bei den Landesregierungen. Aber man sieht schon: Die Nutzer des Fachinformationszentrums sind allen voran die Unternehmen und die Forschungsstätten in Sachen Maschinenbau. Diese Nutzer fangen an, politischen Druck zu machen, weil sie nämlich bei ihrer Arbeit auf die Recherchen in Datenbanken des FIZ Technik angewiesen sind, damit sie international konkurrenzfähig bleiben. Und deshalb wird vermutlich dann die Politik die Situation des Fachinformationszentrums Technik wohl stärker diskutieren, als in den vergangenen Tagen, eben weil von den Nutzern doch einiges an Druck aufgebaut wird. Nur: Im Augenblick ist eben die Zukunft dieses Fachinformationszentrums Technik hochgradig gefährdet. Das muss man einfach sehen.

Kloiber: Peter Welchering über die Insolvenz des Fachinformationszentrums Technik. Vielen Dank.

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