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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Plutonium wäre vor allem ein lokales Problem"28.03.2011

"Plutonium wäre vor allem ein lokales Problem"

Wissenschaftsredakteur bewertet Situation im japanischen Fukushima

In den Reaktoren von Fukushima lagern Hunderte Kilogramm Plutonium. Plutonium sei deshalb so gefährlich, weil es ein Alphastrahler sei, erklärt Wissenschaftsredakteur Ralf Krauter. Grund zur Hoffnung aber gebe, dass Plutonium einen sehr hohen Schmelzpunkt habe und nicht so schnell in die Nahrungskette gelange.

Ralf Krauter im Gespräch mit Britta Fecke

Arbeiter im Kontrollraum des Kernkraftwerks Fukushima 1 (picture alliance / dpa)
Arbeiter im Kontrollraum des Kernkraftwerks Fukushima 1 (picture alliance / dpa)

Britta Fecke: Im Reaktor II in Fukushima soll es bereits zur partiellen Kernschmelze gekommen sein. Das teilte die japanische Regierung heute mit. Und während die Meldungen über radioaktiv belastetes Wasser und rauchende Reaktoren nicht abreißen, suchen die Fachleute weiter fieberhaft nach Lösungen, um den Gau noch abzuwenden. Sie wollen die Kühlkreisläufe der havarierten Reaktoren I bis III wieder ans Laufen bringen. Allerdings werden die Rettungsaktionen erschwert durch die enorme Strahlenbelastung in dem kontaminierten Wasser, das sich im Untergeschoss der Turbinenhäuser angesammelt hat.

Als ob auch all das noch nicht schlimm genug wäre, machen sich die Anwohner jetzt auch noch Sorgen um das hoch giftige und radioaktive Schwermetall Plutonium, das freigesetzt werden könnte.

Zu mir ins Studio ist nun mein Kollege Ralf Krauter aus der Deutschlandfunk-Wissenschaftsredaktion gekommen. Herr Krauter, wie berechtigt sind denn die Befürchtungen?

Ralf Krauter: Mittelmäßig, Frau Fecke, würde ich sagen. Plutonium ist in erster Linie schon ein Stoff, der einem im Prinzip Sorgen machen muss, ein hochgiftiges Schwermetall. 40 Milliardstel Gramm davon reichen schon, wenn man die einatmet, oder isst, um im Körper für eine Strahlenbelastung von 15 Sievert zu sorgen. Das ist unheimlich viel. Man stirbt den Strahlentod sehr schnell. Dieser Stoff ist also besorgniserregend und er findet sich eben auch haufenweise in den Brennstäben von Reaktoren. In Fukushima geht es insgesamt um mehrere hundert Kilogramm Plutonium, die in Reaktorkern und Abklingbecken stecken, und die bange Frage ist eben, was passiert mit diesem Zeug.

Es gibt zwar hoffnungsfrohe Berechnungen von Reaktorexperten aus Deutschland, wonach selbst bei einer kompletten Kernschmelze, die wir zurzeit ja noch nicht haben, nur ein winziger Bruchteil dieses Plutoniums freigesetzt würde, ganz im Gegensatz zu Jod und Cäsium, die zu 100 Prozent ins Freie gelangen könnten, aber weil Plutonium eben so ein potentes Gift ist, machen sich die Menschen in Japan trotzdem Sorgen.

Fecke: Jetzt kam ja der eine oder andere zu der Einschätzung, dass Plutonium relativ harmlos sei. Wie kommt das zu Stande?

Krauter: Zuerst mal muss man sagen, was Plutonium so gefährlich macht: Das ist ein Alphastrahler. Das heißt, wenn es in den Körper gelangt, wird es kritisch. Das bombardiert einen dann sozusagen von innen mit bestimmten Partikeln, Heliumkerne sind das genauer gesagt, und das kann je nach Dosis sehr schnell tödlich sein. Verheerend ist das ganze vor allem, wenn es fein verteilt in die Luft und in die Nahrungsmittel kommt. Das ist jetzt auch der Grund, warum man sich in Japan eben Sorgen macht. Die Regierung sah sich offenbar den ganzen gestrigen Tag mit Medienanfragen zum Thema konfrontiert. Sprecher Edano sagte dann als Reaktion darauf, man untersuche die Umgebung der Reaktoren derzeit auf Spuren von Plutonium, aber es werde wohl ein paar Tage dauern, bis man dort mehr wüsste. Beruhigend klingt das nicht.

Beruhigend klingt aber dafür das, was mir Herwig Paretzke gesagt hat. Das ist ein deutscher Experte für Strahlenbiologie. Der hat mir vorhin erklärt, Plutonium sei nicht der Stoff, der Experten wirklich große Sorgen macht, und das ist eine ganz interessante Argumentation, die zum einen darauf basiert, dass man Erfahrungen aus Tschernobyl hat. Da gab es lokal eine relativ starke Kontamination auch mit Plutonium. Aber was die Strahlenschäden bei den Menschen anging, war Plutonium trotzdem eine Art Nebenkriegsschauplatz sozusagen. Der Grund: der sogenannte Transferfaktor ist viel kleiner. Das heißt, das was vom Plutonium im Boden letztlich in Pflanzen landet und damit irgendwann in der Nahrungskette, das ist ein sehr, sehr kleiner Bruchteil. Beim Plutonium ist der Faktor eine Million mal kleiner als beim Cäsium zum Beispiel, das ja große Sorgen machte in Tschernobyl.

Ein zweites wichtiges Argument: Plutonium hat einen sehr hohen Schmelzpunkt, wird deshalb praktisch nur bei Explosionen von Spaltmaterial freigesetzt. Die sind in Fukushima bislang zum Glück ja ausgeblieben. Wir hatten vor allem Wasserstoff-Explosionen, die die Gebäude zerstört haben. Reaktorkerne sind dort noch nicht in die Luft geflogen. Das heißt, sehr viel dürfte bisher noch nicht in die Umgebung gelangt sein, auch nicht aus den dampfenden Abklingbecken übrigens, deren Brennstäbe ja teils schon Feuer gefangen hatten. Auch da ist die Temperatur wahrscheinlich zu gering.

Argument Nummer drei schließlich, das der Experte mir nannte: Plutonium wäre vor allem ein lokales Problem. Das klebt an Partikeln, die nicht weit kommen, ganz anders eben als das flüchtige Cäsium, das ja Hunderte Kilometer weit fliegen kann.

Fecke: Vielen Dank für diese Einschätzungen. – Ralf Krauter war das für uns aus der Wissenschaftsredaktion.

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