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StartseiteKultur heuteWas reimt sich auf Zukunft?24.06.2015

Poesiefestival BerlinWas reimt sich auf Zukunft?

Unter dem absichtsvoll mehrdeutigen Motto "Kapital" beschäftigt sich das 16. Poesiefestival Berlin mit den "Zukünften der Dichtung" - und zeigt einmal mehr: Die Zukunft der Poesie liegt in der Rückkehr zu ihrem Ursprung.

Von Cornelius Wüllenkemper

Der Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze, aufgenommen am 31.07.2013 in seinem Haus in Obernzell (Bayern). (dpa / picture alliance / Armin Weigel )
Der Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze im Jahr 2013. (dpa / picture alliance / Armin Weigel )

Mehr performt als gelesen, mehr gehechelt als gesprochen. Der Bretone Christian Prigent schleuderte dem Publikum mit seiner "Liste des langues que je parle" gleich zum Auftakt die wichtigste Erkenntnis des Festivals entgegen: jede Form der Sprachverwendung ist Poesie, allein auf den Kontext kommt es an. Wer in die Zukunft der Dichtung schauen möchte, konnte sich bereits beim Eröffnungsabend des Festivals ein Bild von der beeindruckenden Bandbreite dichterischer Kunstformen machen. Neben der Rap-Einlage der kenianischen Musikerin L-Ness über "Champions" diesseits und jenseits des Mittelmeeres und den vielsprachigen Wortexperimenten der Afroamerikanerin La Tasha N. Nevada Diggs verließ sich Reiner Kunze als einer der wenigen auf die Wirkung des langsam gesprochenen Wortes.

"Vers zur Jahrtausendwende

Wir haben immer eine Wahl.
Und sei es, uns denen nicht zu beugen,
die sie uns nahmen."

Der heute 81-jährige frühere DDR-Dissident Reiner Kunze, den die Staatssicherheit aus Angst vor der Macht seiner Worte einst unter dem Decknamen "Lyrik" überwachte, setzte mit seinen bedächtigen und dadurch keineswegs weniger eindringlichen Kurzgedichten einen Kontrapunkt. Das auf dem Festival präsentierte Kapital der Poesie ist dabei unerschöpflich, grenzenlos, sehr laut, sehr leise, analog und digital, das ganze Leben umfassend und vor allem: äußerst widersprüchlich.

"Auf der einen Seite kann ich intuitiv nachvollziehen, dass heute sehr unterschiedliche Formen, Formate und Praktiken als dichterisch, als poetisch bezeichnet werden. Dass es zum Beispiel neben dem gedruckten Gedichtband eine Poesie der Performance, eine Poesie des Tweeds gibt. Dass es Algorithmus-basierte Dichtung gibt. Auf der anderen Seite aber kann ich das alles nicht mehr unter einen Hut bringen. Der Begriff der Dichtung zerfällt mir."

Die situative Wirkung von Dichtung gewinnt an Bedeutung

Bekannte der Göttinger Dichter, Blogger und Mitherausgeber des online-Literatur-Magazins Litlog, Peer Trilcke, in der Diskussion über die "Zukünfte der Dichtung". Aber wozu braucht man eigentlich einengende Begriffe? Entscheidend ist, dass etwas mit dem Wort passiert, dass Sprache benutzt, moduliert, deformiert oder entfremdet wird. Für den Mitbegründer des Berliner Lyrikkollektivs "G13", Tristan Marquardt, sind Gedichte vor allem soziale Praxis und Vernetzung: "G13" hat kein dichterisches Programm, ist keine literarische oder gar politische Strömung, sondern versteht sich ausschließlich als Kommunikationsplattform kollektiver Kreativität. Poesie als Gegenreaktion auf die Vereinzelung in der modernen Gesellschaft. Die romantische Vorstellung von Autorenschaft ist in diesen Kreisen absolut passé. Der US-Amerikaner Kenneth Goldsmith geht noch einen Schritt weiter in die Zukunft:

"Wenn sie Kunst nicht in der Absicht machen, dass sie kopiert wird, machen sie keine Kunst des 21. Jahrhunderts. Das Internet zerstört die Literatur, und das ist gut so. Zeitgenössisches Schreiben bedeutet die Auslöschung von Inhalt. Die Zukunft des Schreibens ist die Verwaltung von Leere. Die Zukunft des Schreibens ist, nicht zu schreiben. Wir schöpfen ab, zergliedern, bookmarken, kopieren, fügen ein, teilen und schmeißen weg. Lesen ist das Letzte, was wir mit Sprache tun."

Kenneth Goldsmith, der sein "uncreative writing", sein "unkreatives Schreiben" bereits bei den Obamas im Weißen Haus vortragen durfte, las später aus einem Werk, das zu Teilen ausschließlich aus Kapitelüberschriften und Gliederung bestand. Content ist nichts, Kontext ist alles. Das Poesiefestival in Berlin zeigt: die Zukunft der Dichtung bedeutet zugleich die Rückkehr zu ihrem Ursprung. Denn der mündliche Vortrag, die unmittelbare, situative Wirkung von Dichtung gewinnt in einer Gesellschaft zusehends an Bedeutung, der der Sinn für das Ganze abhanden gekommen zu sein scheint.

 

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