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StartseiteKultur heuteKnausgard: "Schriftsteller wissen nicht, was sie tun!"03.12.2019

Poetik-Vorlesung in TübingenKnausgard: "Schriftsteller wissen nicht, was sie tun!"

Bestsellerautor Karl Ove Knausgard lässt es beim Schreiben frei heraus fließen. Und wenn es einmal hakt, verlässt er den Schreibtisch und widmet sich der Hausarbeit. Bei seiner Poetik-Vorlesung in Tübingen zeigte sich Knausgard als großer Freund der Intuition.

Von Christian Gampert

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10.10.2019, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Karl Ove Knausgard, Bestsellerautor, steht in der Kunstsammlung NRW. Die Ausstellung «Edvard Munch - gesehen von Karl Ove Knausgard» ist dort vom 12.10.2019 bis zum 1.3. 2020 zu sehen. (dpa / Federico Gambarini)
Karl Ove Knausgard erzählt in Tübingen aus seinem Autorenalltag (dpa / Federico Gambarini)
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Karl Ove Knausgard ist ein schüchterner Mensch. Zu Beginn bedankt er sich höflich für die Einladung: Sie erlaube ihm, zu seinen Anfängen zurückzukehren – als er sich als Student für Derrida begeisterte und strenge Literaturkritiken im Sinne der postmodernen Sprach-Avantgarde schrieb. Am Ende seiner Rede sagt Knausgard, dass er auch diesen Poetik-Vorlesungstext wie später seine Bücher geschrieben habe: frei heraus, ohne Planung.

"Literaturtheorie produziert noch keine Literatur"

Karl Ove Knausgard ist irgendwann aufgefallen, dass eine Literaturtheorie noch keine Literatur produziert. Die Poetik betrachte das Schreiben von außen, der Schriftsteller aber sei mittendrin im Text und agiere oft unbewusst, erklärt er:

"Wenn ich schreibe, und ich tue dies jeden Montag bis Freitag von halb zehn bis halb drei, ist keines meiner Probleme theoretischer Natur. Die Probleme beim Schreiben sind praktisch. Und alle Lösungen sind intuitiv."

Hier redet also kein Liebhaber der Theorie. Nein, Theorien seien "Feinde des Schreibens". Umso erstaunlicher, dass Knausgard eine ziemlich theoretische Vorlesung hielt. Während Freud vergangene Träume analysiert habe, sei Ernst Bloch am Träumen in die Zukunft interessiert gewesen, sagte Knausgard. Auch der Schriftsteller müsse vorwärts schreiben - und er wisse nie, was dabei herauskomme. So wie Eltern auch nicht wüssten, was aus ihrem Kind werde.

Schonungslose Offenheit

Da Knausgards Bücher von schonungsloser autobiographischer Offenheit sind, ist das Bekenntnis zum Fließenlassen im Grunde logisch. Auch für den Schreiber, der nah am eigenen Leben bleibe, werde die eigene Identität, so wie wir sie uns konstruieren, zu einer Fiktion. Klar, wer sich so preisgibt wie Knausgard in seinen Texten, wird sich selber auch fremd.

Knausgard analysierte drei Klassiker der Moderne, um zu zeigen, auf welchem Boden er steht.

Der perfekte Roman: "Madame Bovary"

Irgendwann sei ihm aufgefallen, dass Flauberts "Madame Bovary" der perfekte Roman schlechthin sei, viel besser als die Avantgarde - eine einfache Geschichte von Ehebruch und Scheitern. Man interessiere sich weniger für die lakonische Sprache als für das, was die Menschen da tun. Flaubert mache hier etwas ganz Neues und sei selbst völlig erstaunt gewesen über die Farben, die er benutzte. Solche Schreiberlebnisse habe auch er gehabt, sagt Knausgard: Schreiben sei oft wie Lesen – man mache neue Entdeckungen. Entscheidend sei, dass Flaubert sich vom Schwulst der "Versuchung des heiligen Antonius" verabschiedet habe, von Bombast und exotischen Schauplätzen, die viel eher Flauberts romantischer Vorstellung von Literatur entsprachen. Mit der Bovary habe der Autor sich selbst überrascht, im Schreibprozess, erläutert er:

"Wenn ich beim Schreiben ein Problem habe, hör ich auf. Stattdessen belade ich den Geschirrspüler, hol die Kinder von der Schule ab, gehe zum Supermarkt, mache ein Essen und gehe ins Bett. Wenn ich am nächsten Morgen am Schreibtisch sitze, hat sich das Problem von allein gelöst."

Parteigänger des Gefühls

Knausgards weitere Referenz-Texte waren Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" und Joyces "Ulysses". Während Proust das erzählende Ich expandiere, den Raum weit ausdehne und die Zeit quasi suspendiere, sodass Vergangenheit und Gegenwart sich berühren könnten, reduziere James Joyce die Zeit der Handlung auf einen Tag. Es sei ein Buch des Kopfes, der Intertextualität - kein Buch des Herzens und der Emotionen. Und Knausgard ist bekanntermaßen ein Parteigänger des Gefühls.

Zwei Exempel für Knausgards Spekulation über das beim Schreiben durchlässige Ich: Nach seiner Proust-Lektüre habe er zeitweise nicht schreiben können; aber zwei Jahre später habe er in seinem eigenen Text eine Art inneres Summen gespürt, das kam von Proust. Und in einer Szene seines Romans "Herbst" erscheine der Teufel - wie auf Louis Daguerres erstem Bild einer belebten Straße, auf der wegen der langen Belichtungszeit nur der erkennbar sei, der sich nicht bewege. Dieser unbewegte Teufel tauche nun in dem Buch wieder auf, an dem er gerade schreibe.

Knausgards Vorlesung war ein Affront gegen jede Art von Schreibtheorie und damit natürlich - indirekt - auch ein Plädoyer für das autobiographische Schreiben. Im Grunde sagt er: Die Schriftsteller wissen nicht, was sie tun. Aber Knausgard sagt das mit ziemlich guten Gründen.

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