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StartseiteBüchermarktEin Haus für die Lyrik05.09.2019

Poetry Foundation in ChicagoEin Haus für die Lyrik

Das Poetry Magazine hat 2003 eine Spende über 200 Millionen Dollar in eine Stiftung investiert. Entstanden ist daraus Poetry Foundation. Sie ist mit ihrer umfassenden Lyrik-Bibliothek in Chicago heute wohl die mächtigste mit Versen befasste Institution des Landes.

Von Tobias Lehmkuhl

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Poetry Foundation in Chicago - Außenansicht ((c) Tobias Lehmkuhl)
200 Millionen konnte die Poetry Foundation in Chicago für die Lyrik einsetzen ((c) Tobias Lehmkuhl)

"Weltgrößte Schweineschlachterin

Werkzeugmacherin, Weizenstaplerin,

Eisenbahnunternehmerin und Frachtleiterin der Nation;

ungestüm, kraftvoll, kämpferisch,

Stadt der breiten Schultern."

So heißt es in Carl Sandburgs "Chicago Poems" über die auch Windy City genannte Stadt. Chicagos Schlachthöfe sind in Deutschland spätestens seit Bertolt Brecht ein Begriff, wenn das Stadtbild heute auch weniger von Schlachthöfen denn von Wolkenkratzern bestimmt wird, viele davon aus dem Architekturbüro Mies van der Rohes. Aus Stahl und Glas ist auch das Gebäude der Poetry Foundation mitten in Downtown, aber dieses Gebäude ragt nicht besitzergreifend in den Himmel.

Es holt vielmehr Licht und Luft in seinen mit Bäumen bestandenen Innenhof, wo derzeit eine Installation von Yoko Ono zu sehen ist.

Ein zwiespältiger Geldsegen

"Chicago ist eine Stadt, die unsere Arbeit über ein Jahrhundert lang ermöglicht und unterstützt hat, und einer der Gründe, warum wir dieses Gebäude hier haben ist: Wir wollten der Stadt etwas zurückgeben, Kinder und Erwachsenen können herkommen und Bücher lesen, wir machen Veranstaltungen und vieles mehr. Es geht darum, mit der Stadt verbunden zu bleiben, die uns von Anfang an eine Heimat gegeben hat."

Don Share ist der Chefredakteur des Poetry Magazines, jener Zeitschrift, die, 1912 von Harriet Monroe gegründet und einst eine Art Sperrspitze amerikanischer Avantgardelyrik, jenes Erbe erhielt, das in der Literaturwelt wohl einzigartig dasteht. Ruth Lilly hieß die reiche Dame, die selbst schrieb, deren Gedichte der Legende nach aber stets abgewiesen wurden. Trotzdem vermachte sie der Zeitschrift im Jahr 2003 die sagenhafte Summe von 200 Millionen Dollar. Hinzu kommen bereits in den neunziger Jahren von Lilly gestiftete Preise und Stipendien. Für Don Share alles in allem ein zwiespältiger Geldsegen.

"Ich fühle mich tatsächlich sehr unwohl mit der Macht, die wir haben. Niemand, der in diesem Bereich arbeitet, strebt nach Macht. Es wäre verfehlt zu behaupten, wir hätten angesichts unserer Ressourcen keine Macht, aber niemand hier strebt danach. Sie hilft uns aber dabei, Gedichte zu den Lesern zu bringen, die dann auch etwas daraus ziehen können."

Erklärte Vielseitigkeit

Das zweistöckige Gebäude der Poetry Foundation umfasst neben den Büros der 25 Angestellten einen Veranstaltungsraum und eine Präsenzbibliothek mit über 30 000 Lyrikbänden. Hier sitzt Don Share an einem schwülen Julitag und berichtet davon, dass die Zeitschrift 250 000 Gedichteinsendungen pro Jahr erhält, eine Viertelmillionen Gedichte, die er und ein weiterer Redakteur allesamt lesen. Doch wie wählt man aus einer solchen Menge an Einsendungen aus, lassen sich doch höchstens sechzig oder siebzig Gedichte pro Monat drucken?

"Ich wollte, nachdem ich 2013 die Herausgeberschaft übernommen habe, die Tür noch weiter öffnen und der erklärten Absicht des Magazins folgen, keine bestimmte Schule zu unterstützen, keine bestimmte Art zu schreiben oder zu denken. Ich will vielseitig sein. Es interessiert mich nicht, ob jemand berühmt ist oder einen großen Namen hat."

Robert Frost, Marianne Moore und John Ashbery veröffentlichten neben vielen anderen im Poetry Magazine. T.S. Eliots "Liebesgesang des J. Alfred Prufrock" mit seinen berühmten Eingangsversen erschien erstmals 1915 auf seinen Seiten: "Let us got then, you and I,/ when the evening is spread out against the sky."

"Als T.S. Eliots "Lovesong of J. Alfred Prufrock" 1915 veröffentlicht wurde, war Eliot Mitte Zwanzig, es war seine erste echte Veröffentlichung. Sehr viele Dichter wurden sehr früh in ihrer Karriere erstmals hier bei uns veröffentlicht. Mir ging es darum, diese Tradition wieder aufzugreifen, und dieser Geschichte und der Idee treu zu sein."

Der Druck der Straße

Besucht man im Sommer 2019 Lesungen in der Foundation, aber auch an anderen Orten in Chicago, fällt auf, wie politisch die Gedichte sind, die vorgetragen werden. Nicht nur auf der Straße scheint es eine starke Opposition gegen die Politik Donald Trumps zu geben, auch die Lyrik positioniert sich, und wer nicht explizit politisch schreibt, der weist doch vor seiner Lesung auf die nächste Demonstration hin oder prangert die jüngste präsidiale Ungeheuerlichkeit an.

"Wir wissen alle, das viel los ist, das große Unruhe herrscht, Wandel, Schwierigkeiten, Ungleichheiten, und ich denke, dass Gedichte auf eine Weise geschrieben sein sollten, die das in Betracht ziehen, die Fragen stellen. Ich habe das schon vor der Wahl von 2016 getan. Es geht dabei nicht konkret um Politik, ich meine nur, dass Lyrik insgesamt involviert sein sollte, so wie sie in die Betrachtung eines Baumes oder eines Vogels involviert sein kann. Die Straße runterzugehen und den Druck zu spüren, auch das kann Lyrik, kann Kunst tun."

Dabei ist sich Don Share sicher, dass es sich bei der Entwicklung der Lyrik, ihrer gegenwärtig so ausgeprägten Weltzugewandtheit, nicht um ein allein amerikanisches Phänomen handelt.

"Es ist eine Verschiebung der Perspektive, und im Moment bereichert uns das. Ich glaube, dass das auch in Großbritannien geschieht, die sind ebenfalls unter Druck, dass das auch in der EU, in Deutschland passieren wird. Es wäre verrückt, nicht zumindest einen Widerschein des Bewusstseins für die politischen Umstände zu erkennen, aber das ist nicht unbedingt nötig. Ich mag durchaus Gedichte, die uns der Last der Gegenwart für einen Moment entheben."

Chefredakteur des Poetry Magazines Don Sharpe ((c) Tobias Lehmkuhl)Chefredakteur des Poetry Magazines Don Sharpe ((c) Tobias Lehmkuhl)

Es gehe ohnehin nicht darum, meint Share, was ihm persönlich gefalle, sondern um das, was in ein paar Monaten, wenn eine in Arbeit befindliche neue Ausgabe erscheint, interessant sein könnte. Die Reichweite der Zeitschrift ist dabei nicht zu unterschätzen: Die Auflage von etwa 25 000 Exemplaren (der größte Teil davon geht an Abonnenten) ist für eine Lyrikzeitschrift geradezu erstaunlich, es gibt eine App, vor allem die Website aber wird weltweit gelesen. Hier findet sich ein riesiges Print- und Audio-Archiv, und selbst die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift steht frei zur Verfügung. Das Magazin in seiner analogen Form steht freilich angesichts der Mittel der Stiftung nicht in Frage. Man kann sie übrigens auch in Deutschland im Abo beziehen, für jährlich knapp über vierzig Euro.

Keine Rücksicht auf große Namen

"Niemand weiß, was aus Druckerzeugnissen wird, aber gleichzeitig versuchen wir ein Magazin zu machen, dass die Leute als gedrucktes Objekt anzieht. Wenn sie es festhalten, anfassen, durchblättern, sollen sie angefixt werden. Das ist schon fast ein kunsthandwerkliches Projekt, das wir hier verfolgen."

Tatsächlich ist die Druckqualität sehr hoch, die minimalistische Gestaltung wohlüberlegt, und der Inhalt überraschend und klug komponiert. Die aktuelle Ausgabe ist ganz englischsprachiger Dichtung der indischen Welt gewidmet, die Autorinnen und Autoren jung und in den USA so gut wie unbekannt. Don Share muss in der Tat keine Rücksichten nehmen auf große Namen, gleichwohl interessiert es ihn, junge Dichterinnen und Dichter zu begleiten, ja aufzubauen. Sieht er ein gutes, aber nicht sehr gutes Gedicht, schreibt er dem Absender: Ich kann es leider nicht drucken, aber schicken Sie mehr! Was angesichts der vorhandenen Fülle an Einsendungen für einen gewissen Grad an Wahnsinn spricht.

"Ich bleib dran, ich suche weiter, aber ich weiß nicht, wonach ich suche, du suchst in der Poesie eben nach dem, wovon du nicht weißt, dass du es suchst. Es soll dich übernehmen, und dich vielleicht ein kleines bisschen verändern, oder auch ein großes Bisschen."

Nicht nur Lyriker wie Carl Sandburg oder Gwendolyn Brooks, auch Romanciers wie Saul Bellow oder Upton Sinclair schrieben über die Stadt, die von Europa aus gesehen immer ein wenig im Schatten New Yorks steht. Ernest Hemingway, John Dos Passos und Sherwood Anderson wurden hier geboren. Und nicht zu vergessen Barack Obama, der ebenfalls durchaus zur Gilde der Schriftsteller gezählt werden kann, man denke etwa an sein Buch "Songs of our fathers". Das von Sandburg besungene Chicago der breiten Schultern, ist also auch heute noch äußerst vital, wenn es auch ein luftiges Poesiegebäude ist, dass dieser Vitalität Ausdruck verschafft. Chefredakteur Don Share:

"Die Dinge laufen anders hier in Chicago, es ist kein place to go, aber in New York oder Berlin musst du zu einer Gruppe gehören. Hier aber kann alles passieren, wir hatten hier die ersten Wolkenkratzer, weil man anders als in New York hier die Dinge nicht auf eine bestimmte Art tun muss. Der Horizont ist weiter. Wir wollen nicht so glamourös sein, eher hausgemacht, etwas schrullig. Wissen Sie was? Hier halten Leute Hühner!"

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