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StartseiteKultur heuteWenn digital und analog verschmelzen30.07.2016

Pokémon GoWenn digital und analog verschmelzen

Das Spiel "Pokémon Go" ist weltweit ein Erfolg: Mithilfe von Augmented Reality führt es seine Spieler an Orte, die sie vorher vermutlich nicht interessiert haben. Interessant zu beobachten: Gesellschaftliche Unterschiede darin setzen sich auch im Digitalen fort.

Von Christian Schiffer

Eine Frau spielt auf ihrem Smartphone Pokémon Go. (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)
Eine Frau spielt auf ihrem Smartphone Pokémon Go. (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)
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Am Ende hatte der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel ein Einsehen: Die von "Pokémon Go"-Spielern belagerte Girardet-Brücke an der Kö wurde zeitweise für den Autoverkehr gesperrt. Und es wurden sogar Dixi-Klos aufgestellt. Bis aus Holland sollen Pokémon-Spieler angereist sein, denn die Brücke hat gleich zwei sogenannte Pokéstops im Angebot. Und Pokéstops sind für Pokémon-Spieler unerlässlich. Es sind solche Meldungen, die seit wenigen Wochen ungläubiges Staunen hervorrufen - und eine Menge Kopfschütteln.

"Pokémon Go" ist ein sogenanntes Augmented-Reality-Spiel. Augmented Reality bedeutet so viel wie "erweiterte Realität". Die digitale Realität legt sich wie eine dünne Folie über die analoge Realität, die analoge Realität ist darauf allerdings nicht vorbereitet. Die Folge: ein regelrechter Zusammenprall verschiedener Realitäten.

In manchen Gegenden lässt sich schlechter spielen

Das muss nicht nur schlecht sein, denn die Folie aus Bits und Bytes, die "Pokémon Go" über die Welt legt, kann auch wirken wie eine Art Kontrastmittel für das Analoge. Es werden Dinge sichtbar, die zuvor eher abstrakte Fakten waren: In schwarzen Gegenden in den USA beispielsweise kann man schlechter Pokémon spielen und das wiederum hat dort zu Kritik an der Stadtplanung geführt. Es gibt in schwarzen Gegenden nämlich schlichtweg weniger Sehenswürdigkeiten und bedeutsame Infrastruktur – und damit weniger der so wichtigen Pokéstops, so zumindest eine Vermutung.

Vor einem ähnlichen Problem stehen Spieler übrigens auch in Deutschland in strukturschwachen Gegenden auf dem Land. Es gibt aber noch eine andere Interpretation des Problems: Die Pokéstops basieren auf den Daten der Firma, die "Pokémon Go" betreibt und diese Daten wiederum werden, so glaubt man, durch das Vorgängerspiel "Ingress" gesammelt, um genau zu sein: von den Ingress-Spielern.

Kurz gesagt: Sehenswürdigkeiten und damit Pokéstops sind in Pokémon das, was die Ingress-Spieler vorher zu Sehenswürdigkeiten erklärt haben. Ingress-Spieler sind in der Regel junge, männliche, weiße, gut verdienende Technerds, die selten schwarze Viertel aufsuchen. Interessante Punkte in schwarzen Vierteln werden seltener markiert, finden keinen Eingang in "Pokémon Go" und zementieren so ganz unterschiedliche Spielerfahrung: Weiße müssen nur ein paar Meter weit spazieren gehen, um an neue Pokémon-Bälle zu kommen, Schwarze hingegen Geld ausgeben oder sich in weiße Viertel begeben, wo es dann Probleme mit der Polizei geben kann.

Gesellschaftliche Verhältnisse finden auch Ausdruck im Spiel

Die Macht- und Einkommensverhältnisse der Kohlenstoffwelt finden also einen Abdruck in der digitalen Welt und der wird durch "Pokémon Go" sichtbar.

Ähnliches kann man auch bei Wikipedia beobachten, an der Mitmachenzyklopädie wird oft kritisiert, dass sie vor allem das Wissen von technisch interessierten Männern widerspiegelt. Und auch, wenn es um die Macht der Algorithmen geht oder um die Frage, welche Suchergebnisse Google anzeigt, wird immer häufiger die Frage gestellt, ob diese Algorithmen wirklich so neutral sind, wie man gemeinhin denkt. Oder ob sie letztlich nicht doch nur die Sichtweisen derer reflektieren, die sie programmiert haben.

Der Hersteller von "Pokémon Go" hat sich bislang zu diesem Problem nicht geäußert, aber im Internet wird schon dazu aufgerufen zusammen mit schwarzen Menschen Ingress zu spielen, um gemeinsam bedeutende Orte in Schwarzenvierteln zu markieren. "Pokémon Go" soll fairer werden und vielleicht sorgt das dafür, dass mehr Menschen hinterfragen, wie fair eigentlich die echte Welt ist.

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