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StartseiteInformationen am MorgenSuche nach dem Nazi-Goldzug16.09.2015

Polen im SchatzfieberSuche nach dem Nazi-Goldzug

Im niederschlesischen Waldenburg ist ein Goldrausch ausgebrochen: Denn seit diesem Sommer läuft die Suche nach einem Goldzug der Nazis auf Hochtouren. Einer, der felsenfest an diesen Zug glaubt, ist der polnische Bergmann Tadeusz Slowikowski. Ob es den Zug gibt oder nicht, für das Stadtmarketing ist die Geschichte auf jeden Fall jetzt schon Gold wert.

Von Florian Kellermann

Ein Tunnel bei Waldenburg, Polen, von dem angenommen wird, dass ein Goldzug der Nazis hier im Zweiten Weltkrieg versteckt wurde. (imago/Marek Maruszak)
Ein Tunnel bei Waldenburg, Polen, von dem angenommen wird, dass ein Goldzug der Nazis hier im Zweiten Weltkrieg versteckt wurde. (imago/Marek Maruszak)

Die Eisenbahnbrücke im Westen von Waldenburg ist heute sechsspurig ausgebaut. Rechts sind die Zweckbauten des neuen Gewerbegebiets zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ort ein Geheimnis bergen soll. Und doch lehnen sich immer wieder Schaulustige über das Eisengeländer und starren hinunter. Da ist es, das so oft fotografierte Schild mit der Nummer 65. Es zeigt den 65. Kilometer der Eisenbahn-Strecke von Breslau nach Waldenburg an - hier soll der berühmte Goldzug verschwunden sein.

Auch Norbert Maschinskas, der mit seiner Frau zu Besuch aus Frankfurt ist, glaubt das.

"Also, wenn man guckt, was es hier rund um Waldenburg für Schächte und Tunnel existieren. Dass der Zug eventuell hier irgendwo steht? Bestimmt! Das ist so, wie ich auch behaupte, dass das Bernsteinzimmer hundertprozentig hier irgendwo in der Nähe liegt. Nur keiner findet es. Möchte ich wetten!"

Tatsächlich: Links vom Bahndamm wirft sich ein kleines Stück Wald zu einem Hügel auf. Sollte dort einst ein Gleis in einen geheimen Tunnel geführt haben?

Unten ist kein Mensch zu sehen. Die Schatzsucher sind verschwunden, über die polnische Medien berichteten.: Links vom Bahndamm wirft sich ein kleines Stück Wald zu einem Hügel auf. Sollte dort einst ein Gleis in einen geheimen Tunnel geführt haben?

Ein Lager von Gold oder geheimen Waffen

Wer sich der Stelle von unten nähert, über einen Feldweg, sieht warum: Die Polizei hat das Gelände mit einem rot-weißen Band abgesperrt. Wer es betritt, riskiert eine Strafe von umgerech

net 120 Euro. Auch hierher kommen Schaulustige und ergehen sich in Theorien, so ein junger Mann Anfang 30:

"Ich mag diese Gegend, ich gehe hier oft spazieren. Ich kenne viele alte verlassene Tunnel und gehe davon aus, dass es den Zug wirklich gibt. Ich nehme an, dass die Deutschen dort Raubgut versteckt haben. Sie dachten wohl, Niederschlesien wird irgendwann wieder deutsch, dann holen sie sich das zurück. Ich suche nicht danach, ich will davon nichts haben. Mir wurde ja auch nichts gestohlen."

Andere meinen, die Wehrmacht könnte in dem Zug nicht Gold, sondern geheime Waffen transportiert haben. Vielleicht sind längst giftige Substanzen ins Grundwasser eingedrungen?

Der polnische Bergmann Tadeusz Slowikowski, 85 Jahre, hörte die Geschichte mit dem Goldzug nach dem Zweiten Weltkrieg von einem deutschen Kollegen (Florian Kellermann)Der polnische Bergmann Tadeusz Slowikowski, 85 Jahre, hörte die Geschichte mit dem Goldzug nach dem Zweiten Weltkrieg von einem deutschen Kollegen (Florian Kellermann)Näheres könnte die polnische Armee wissen. Sie hat das Gelände inzwischen abgesucht, aber noch keine Bohrungen begonnen

Der erste, der an den Zug glaubte, war der Bergmann Tadeusz Slowikowski. Der heute 85-Jährige hörte die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg von einem deutschen Kollegen, seitdem lässt sie ihn nicht mehr los. In seiner Garage hat er ein Modell des Bahndammes am 65. Kilometer hergestellt, aus Pappe und Styropor.

"Das da ist eine Dampflokomotive - wie sie die Deutschen damals hatten, nur in klein. Und dort geht es nach Swiebodzice und da nach Waldenburg. Hier habe ich die Weiche nachgebaut, über die der Zug abgezweigt ist und hier den Tunnel, in den er wahrscheinlich eingefahren ist."

Verbleib des Zugs aus Breslau nie geklärt

Sein halbes Leben lang sammelte Tadeusz Slowikowski Dokumente über den Eisenbahnabschnitt, vor allem Landkarten und Zeugenaussagen. Immer wieder machte er Fotos von der Stelle, wo der Zug mutmaßlich im Berg verschwand. Unter anderem fand er dort Steine, wie sie für den Bau von Tunnels verwendet werden.

Tatsache ist seinen Nachforschungen zufolge: Im Frühling 1945 fuhr ein Zug mit gepanzerten Güterwaggons in Breslau los, Richtung Westen. Stunden später wurde er in Swiebodzice, auf deutsch Freiburg, gesehen. Aber zehn Kilometer weiter, in Waldenburg, kam er nie an. Ebenfalls mysteriös: Dem Zug war eine Dampflok vorgespannt, obwohl die Strecke bereits elektrifiziert war.

"Die Stelle war von keiner Seite einsehbar. Aber ein Lokführer, der vorbeifuhr, wollte wissen, was es mit der Weiche auf sich hatte. Er ist an die Stelle zurückgekommen und hat einen Zug auf dem Nebengleis stehen sehen."

Slowikowski nimmt an, dass die Deutschen das Nebengleis sofort abbauten, nachdem der Zug im Tunnel verschwunden war - und den Eingang zum Tunnel sprengten.

Die Nachforschungen des Bergmanns bildeten die Grundlagen für den aktuellen Rummel um den sogenannten Goldzug. Auf sie stützten sich die beiden Schatzsucher, die an die Presse gingen und schon vorsorglich einen Finderlohn forderten.

Ob Tadeusz Slowikowski recht hat oder nicht: Für Waldenburg ist der Goldzug in jedem Fall Gold wert. Eine Werbekampagne für die Stadt mit einer ähnlichen Wirkung hätte zig Millionen Euro gekostet, schätzen die Verantwortlichen im Rathaus.

Besonders profitiert das Schloss Fürstenstein, das touristische Juwel der Stadt, das bis ins 14. Jahrhundert zurückdatiert. Direktor Krzysztof Urbanski ist derzeit ein viel gefragter Mann:

"Normalerweise reißt der Touristenstrom nach der Ferienzeit ab. In diesem Jahr ist es anders - dank der Medienberichte auf der ganzen Welt. Nicht nur über die Geschichte von Fürstenstein wurde berichtet, sondern sogar Luftaufnahmen gezeigt. Uns hat der Zug jedenfalls sehr geholfen."

Goldwert für das Stadtmarketing

Krzysztof Urbanski und die Stadt Waldenburg haben schnell reagiert: Sie haben gleich eine dreitägige Touristentour aufgelegt - für stolze 350 Euro. Inbegriffen sind Ausflüge in das weitverzweigte Stollensystem unter der Stadt. Die Nationalsozialisten ließen es während des Zweiten Weltkriegs von Zwangsarbeitern anlegen, der Zweck ist unklar. Direktor Urbanski ist schon in Gesprächen mit dem Flughafen in Breslau. Ausländische Gäste sollen die Stadt künftig bequemer erreichen können.

Tadeusz Slowikowski, den unermüdlichen Schatzsucher, interessiert das Geld, das die Touristen bringen könnten, nicht. Er nimmt immer wieder eine der alten Landkarten in die Hand, die auf seinem Wohnzimmerboden verstreut liegen und fährt mit der Hand über die Geleise. Der 85-Jährige wünscht sich nur eines: Dass er vor seinem Tod noch die Wahrheit erfährt.

"Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass es den Zug gibt. Aber ich will es zu 100 Prozent wissen. Natürlich wäre ich auch gerne bei den Grabungen dabei. Aber ob die Regierung mich zusehen lässt? Wahrscheinlich hält sie es geheim, wenn sie etwas Interessantes findet. Ich jedenfalls bin dafür: Die Sachen müssen dem zurückgegeben werden, dem sie gehören."

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