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StartseiteEuropa heutePolitische Günstlinge im Visier der sozialen Medien25.10.2016

PolenPolitische Günstlinge im Visier der sozialen Medien

Die rechtskonservative Partei PiS regiert seit einem Jahr mit absoluter Mehrheit im Parlament. Obwohl die Umfragewerte weiterhin gut sind, musste die Partei in letzter Zeit einige Niederlagen einstecken. In den sozialen Medien wird sie immer öfter zum Objekt von Spott und Satire.

Von Florian Kellermann

Wenig Ahnung, hoher Posten: Bartlomiej Misiewicz gilt in Polen als politischer Günstling, der es ohne Qualifikation auf einen Posten geschafft hat. (dpa/ picture alliance/ Radek Pietruszka)
Wenig Ahnung, hoher Posten: Bartlomiej Misiewicz gilt in Polen als politischer Günstling, der es ohne Qualifikation auf einen Posten geschafft hat. (dpa/ picture alliance/ Radek Pietruszka)
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Mit 26 Jahren haben die meisten Polen schon eine Berufs- oder eine Hochschulausbildung. Nicht so Bartlomiej Misiewicz. Der junge Mann studierte mal in Warschau Jura, wie er sagte, nun ist er an einer katholisch geprägten Medienhochschule eingeschrieben.

Eigentlich nichts Schlimmes, wäre Bartlomiej Misiewicz nicht schon Sprecher im Verteidigungsministerium gewesen und Aufsichtsratsmitglied in einem staatlich dominierten Rüstungskonzern. Das Unternehmen änderte extra seine Satzung, um den unerfahrenen Misiewicz einstellen zu können. Dieser trat zwar zurück, als das öffentlich wurde. Trotzdem sei er weiterhin im Ministerium beschäftigt, erklärte Verteidigungsminister Antoni Macierewicz vor kurzem:

"Er arbeitet im politischen Kabinett des Ministeriums. Dort analysiert er die Medien - im Hinblick auf Bedrohungen, zum Beispiel, wenn diese Medien fremde Interessen widerspiegeln. In so einem Fall müssen wir vorbereitet sein."

In den Medien kann Misiewicz nun erfahren, dass sein Name zu einem Begriff geworden ist. Er steht für politische Günstlinge ohne Qualifikation. Selbst eine Pluralform ist schon in Gebrauch - die "Misiewicze". Eine Internetseite unter diesem Namen zeigt eine Karte Polens - mit allen Orten, wo die rechtskonservative Regierungspartei PiS angeblich inkompetente Mitarbeiter auf wichtige Stellen gesetzt hat.

Spott für Konservative Partei

Die PiS wird so, ein Jahr nach der Parlamentswahl, zum Objekt von allgemeinem Spott, sagt der Warschauer Soziologe Ireneusz Krzeminski:

"Der Witz, der Spott, spielt in der polnischen politischen Tradition eine große Rolle. Ich erinnere mich, wie ich als Fünfjähriger ein Album mit Witzen aus der Kriegszeit angesehen habe, Witze über Hitler und die deutschen Besatzer. Auch aus dem kommunistischen Polen ist der Spott über die Regierung nicht wegzudenken. Durch ihn haben die Menschen eine Distanz hergestellt zu ihrer eigenen Hilflosigkeit und zu den Absurditäten des Alltags."

Auch der im vergangenen Jahr abgewählte ehemalige Staatspräsident Bronislaw Komorowski wurde immer wieder zum Gegenstand von Satire. Er machte Rechtschreibfehler und trat im Ausland mitunter tollpatschig auf.

Nun aber ist es die PiS, die sich eine Peinlichkeit nach der anderen erlaubt. Neben dem Studenten Misiewicz ist da der Vize-Verteidigungsminister Bartosz Kownacki zu nennen. Als Polen beschloss, doch keine Militär-Hubschrauber von Airbus zu kaufen, und die Regierung in Paris verschnupft reagierte, da sagte Kownacki:

"Die Franzosen kompromittieren sich selbst. Sie haben uns offiziell zur Militärmesse Euronaval eingeladen, jetzt laden sie uns wieder aus. Sie hätten auch auf diplomatischere Weise kommunizieren können, dass es ein Problem gibt in den Beziehungen. Das sind eben Leute, die vor einigen Jahrhunderten von uns gelernt haben, mit der Gabel zu essen."

Zahlreiche diplomatische Fehltritte

Der Vize-Minister wiederholte damit die Anekdote, doch leider stimmt sie nicht. Dutzende von karikierenden Fotomontagen sind zu dem Lapsus entstanden. Der Vorfall stehe heute für die Unbeholfenheit der Regierung auf dem diplomatischen Parkett, sagt der Soziologe Krzeminski:

"Der Außenminister hat wohl schon die Vertreter aller europäischen Länder beleidigt - durch seine flegelhaften Aussagen. Die Satiren darüber werden zu einem immer durchdachteren Widerstand führen. Denn Satire regt ein zwangloses Nachdenken an. Wir setzen für einen Moment unsere politischen Überzeugungen beiseite und fragen uns: Vielleicht ist an dem, was die Satire sagen will, ja etwas dran."

Die Regierungspartei PiS, die Umfragen weiter so deutlich anführt, sollte den Spott also nicht auf die leichte Schulter nehmen, meint Krzeminski.

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