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StartseiteEuropa heuteSpätfolgen des Kohleabbaus10.01.2020

PolenSpätfolgen des Kohleabbaus

Bytom war eines der bedeutendsten Industriezentren Schlesiens. Heute kämpft die Stadt mit den Hinterlassenschaften dieser Blütezeit: Industriegebäude verfallen, die Böden sind teils verseucht und mancherorts schwankt der Untergrund.

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Leerstehende Wohnung von Bergarbeitern (Deutschlandradio / Grenzgänger)
Der Bergbau hinterlässt seine Spuren (Deutschlandradio / Grenzgänger)
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An der "Konstytucji", einer Ausfallstraße im Bytomer Industriebezirk Bobrek, biegt ein LKW links ab. Hält an der Einfahrt mit dem Schild "Weglokoks". Auf dem Betriebsgelände: Verwitterte Baracken, alte rote Backsteingebäude, alles überragt von einem stählernen Förderturm. Die Räder drehen sich. Die Zeche "Bobrek" ist das letzte Bergwerk in Bytom, das noch Steinkohle fördert. 

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Kohlerevier Schlesien - Dicke Luft und schwarzes Gold".

Gut 400 Meter entfernt, auf der anderen Seite der Schnellstraße, im Stadtteil Karb, führt eine Frau ihren Hund spazieren. Bis vor wenigen Jahren lebten hier rund 600 Menschen, erzählt die 60-Jährige. Hier standen drei Wohnblöcke, erinnert sich die Rentnerin. Jeder Block fünf Stockwerke hoch.

"Es geschah ganz plötzlich, die Gebäude begannen zusammenzufallen", erzählt die 60-Jährige, die Gebäude begannen zusammenzufallen. Der Boden senkte sich, Risse zogen sich quer durch die Wände. Die Bewohner mussten evakuiert, die Wohnblöcke abgerissen werden. Alles eine Folge des Kohleabbaus im Untergrund.

Einen guten Kilometer entfernt verlässt eine Besucher-Gruppe die Stadtverwaltung von Bytom. Es sind rund zwei Dutzend Vertreter und Vertreterinnen europäischer Bergbau-Städte, die sich lebhaft auf Englisch, Polnisch, Deutsch unterhalten. Die Gruppe kommt gerade von einem Termin beim Vize-Bürgermeister Michal Bieda.

"Ich habe ihnen Bytom vorgestellt, die Probleme der Stadt. Jetzt besuchen sie die Orte, die eine Revitalisierung benötigen. Sie fahren nach Bobrek, einem Industriebezirk, wo die letzte Zeche der Stadt arbeitet. Und wo es ein Stahlwerk gab, aber das wurde geschlossen. Dann fahren sie zur Zeche Rozbark, dort gibt es jetzt ein Musik- und Tanztheater und in einem nächsten Schritt möchten wir dort noch ein Sportzentrum errichten, in den alten Zechen-Gebäuden."

Bieda sitzt für die liberale Bürgerkoalition im Stadtrat. Der 34-jährige Vize-Bürgermeister möchte Bytom zu einem Ort entwickeln, in dem die rund 150.000 Einwohner gut leben können. Mit Kultur, Restaurants und Sportangeboten. Denn große Industrie-Ansiedlungen wie in Gliwice oder Katowice sind in Bytom kaum möglich, obwohl die Nachfrage besteht, sagt Bieda.

"Wir haben einige Industriegebiete, aber unser Problem ist, dass sie zu klein sind. Investoren kommen und fragen, ob wir 200 Hektar anbieten können. Aber unsere größten Flächen sind nur 20 oder 30 Hektar groß, unsere Gebiete sind schlicht zu klein für große Investoren."

So gut wie kein Gebäude ohne Bergschäden

Auf Biedas Schreibtisch liegt eine Packung Schmerzmittel. Eine Erkältung bahnt sich an und sein wenige Wochen alter Sohn raubt dem Vize-Bürgermeister den Schlaf. Aber auch die Begehrlichkeiten eines privaten Bergbauunternehmens lassen ihn nicht ruhen.

"Sie möchten den Kohleabbau unter dem Stadtzentrum wieder aufnehmen, die alten Schächte nutzen und die restliche qualitativ hochwertige Kohle dort fördern – das wäre das Ende der Stadt. Denn die Gebäude sind jetzt schon alle in einem sehr schlechten Zustand und es würde noch schlimmer werden. Ich glaube, für den größten Teil der Gebäude wären die Schäden zu groß, sie würden das nicht überleben."

Der Bytomer Bürgermeister hat bereits bei der Regierung in Warschau vorgesprochen. Damit der zuständige Minister die Erlaubnis für die neuerliche Kohleförderung unter Tage verweigert. Gleichzeitig versucht die Stadtführung, auch überirdisch zu blockieren:

"Wir haben einige Straßen für den Schwerlastverkehr gesperrt, sodass sie die Kohle nicht abfahren können. Und wir wollen, dass mögliche Schäden in den offiziellen Dokumenten erscheinen, sodass wenn der Minister die Erlaubnis doch erteilt, er auch für die Folgekosten verantwortlich ist."

Im Stadtzentrum gibt es so gut wie kein Gebäude ohne Bergschäden. Zwischen zwei und zwölf Metern hat sich der Boden unter der Stadt gesenkt, erzählt der Vize-Bürgermeister. Und neue Schäden können noch Jahrzehnte nach Ende des Bergbaus auftreten:

"Wir nehmen ein neues "Tool" in Betrieb, um mit diesem Problem klar zu kommen. Wir werden aus der Luft per Laser scannen, um genau zu sehen, wie sich der Boden bewegt. Das wird uns helfen, aber auch den Einwohnern Bytoms, wenn sie die Unternehmen verklagen wollen."

Zehntausende Klagen sind vor den Gerichten anhängig

Denn eine Kompensation erhalten die Eigentümer, aber auch die Stadt nur, wenn sie die verantwortlichen Bergbauunternehmen auf Schadensersatz verklagen. Die Verfahren ziehen sich Jahre hin. Zehntausende Klagen sind vor den Gerichten anhängig. Auf zwei Milliarden Zloty, also rund eine halbe Milliarde Euro, beziffert Bieda allein die Schäden seiner Stadt. Der Vize-Bürgermeister weiß einerseits: Noch ist die Kohle der bei Weitem wichtigste Energielieferant Polens, weshalb das Land beim EU-Gipfel im Dezember Sonderregelungen in Sachen Klimaneutralität ausgehandelt hat. Andererseits:

"Wenn der Bergbau Schäden an der Oberfläche verursacht, ist es ökonomisch infrage zu stellen, ob es sich lohnt, die Kohle zu fördern. Es kostet immer mehr, es wird immer gefährlicher und die Qualität der Kohle wird immer schlechter. Arbeitsplätze – natürlich, aber der jungen Generation sind diese Arbeitsplätze nicht so wichtig, das Erbe nicht und vor allem nicht die Bergwerke."

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