Samstag, 24. September 2022

Feierliche Eröffnung
Polen will mit Kanal unabhängiger von Russland werden

In Polen ist heute ein neuer Kanal eingeweiht worden, der das Frische Haff an der Küste direkt mit der Ostsee verbinden soll. Die Regierung will das Land damit unabhängiger von Russland machen. Wirtschaftsfachleute halten den Kanal allerdings für nutzlos, Naturschützer schlagen Alarm.

17.09.2022

    Zwischen der Ostsee und dem Frischen Haff ist ein neuer Kanal zu sehen.
    In Polen verbindet ein neuer Schifffahrtskanal bei Skowronki das Frische Haff mit der Ostsee. (Adam Warzawa / pap / dpa )
    Für den 1,3 Kilometer langen Kanal wurde die Landzunge Frische Nehrung durchstochen. Sie trennt das Frische Haff von der Ostsee. Quer über die Nehrung verläuft die Grenze zwischen Polen und der russischen Exklave Kaliningrad; ein Teil gehört ebenso wie der nördliche Abschnitt des Haffs zu Russland. Nur dort gibt es einen natürlichen Übergang zur Ostsee, so dass polnische Schiffe bisher durch russische Hoheitsgewässer fahren müssen.

    Gesamtkosten von fast einer halben Milliarde Euro

    Künftig können Schiffe aus dem Hafen im polnischen Elblag nun also direkt die Ostsee erreichen, ohne auf die meist schleppend erteilten Genehmigungen aus Russland zu warten. Die nationalkonservative PiS-Regierung feiert den Kanal als Befreiungsschlag - und hat für die heutige Einweihung ein symbolisches Datum gewählt: Am 17. September 1939 war die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg in Ost-Polen einmarschiert, kurz nach dem deutschen Überfall im Westen am 1. September. Durch den Krieg in der Ukraine bekommt das 2018 begonnene Projekt neue politische Relevanz.
    Fachleute zweifeln die Wirtschaftlichkeit des Kanals dennoch an. Allein der Durchstich durch die Nehrung hat umgerechnet 210 Millionen Euro gekostet. Das Ausbaggern einer Fahrrine durch das Haff und die Vertiefung des Flusses Elblag dürften weitere Millionen kosten - die Gesamtkosten werden auf fast eine halbe Milliarde Euro geschätzt.

    Verkehrsexperte: Prestigeprojekt ohne wirtschaftlichen Sinn

    Der Verkehrsexperte Wlodimierz Rydzkowski von der Universität Danzig sieht keinen Sinn in der Investition. Der Kanal könne Schiffe mit einer Länge von maximal 100 Metern, einer Breite von bis zu 20 Metern und einem Tiefgang von maximal 4,5 Metern aufnehmen. Dies erlaube den Einsatz von Schiffen von bis zu 3.500 Tonnen Tragfähigkeit. So kleine Frachtschiffe gebe es nicht auf der Ostsee, sondern nur auf dem Rhein.
    Rydzkowski verweist außerdem auf den modernen Tiefwasserhafen in Danzig. Dieser sei nur 60 Kilometer von Elblag entfernt und könne von großen Containerschiffen angelaufen werde. Der Kanal sei eine "Fantasie von PiS-Chef Kaczynski", meint der Verkehrsexperte. Es gehe dabei ausschließlich um das Prestige und darum, den Russen zu zeigen, dass man einen eigenen Weg vom Haff zur Ostsee habe.

    Umweltschützer fürchten um das Ökosystem im Haff

    Umweltschutz-Organisationen warnen vor den negativen Folgen beim weiteren Bau. Im Bodensediment des Haffs hätten sich Stickstoffverbindungen und Phosphate aus der Landwirtschaft abgelagert, sagte Krzysztof Cibor von Greenpeace Polska der Deutschen Presse-Agentur. In dem Moment, in dem dort die Fahrrinne ausgebaggert werde, würden diese Substanzen aufgewirbelt. Das könne eine Algenblüte auslösen, warnte der Umweltschützer. "Welche tragischen Konsequenzen das hat, haben wir kürzlich beim Fischsterben in der Oder gesehen."
    Diese Nachricht wurde am 17.09.2022 im Programm Deutschlandfunk gesendet.