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StartseiteEssay und DiskursDas Zeitalter der Clowns01.12.2019

Politik als ManegeDas Zeitalter der Clowns

Die Clowns kapern die Politik und die Politiker agieren wie Clowns. Wir leben in einer Ära der politischen Clownerie, meint der Autor Torsten Körner: Aus der Downing Street sei längst die Clowning Street geworden und das Weiße Haus zur Kulisse einer absurden Fernsehshow mutiert.

Von Torsten Körner

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person holding sign with picture of a man wearing clown face art (Jannes Van den wouwer (Unsplash))
Politiker wie Trump oder Johnson werden gerne als Joker dargestellt (Jannes Van den wouwer (Unsplash))
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Wie hängen Populismus und der Auftritt der Clowns zusammen? Haben wir es mit regressiven oder progressiven Clowns zu tun? Und warum wird der Clown zur globalen Erlöserfigur?

Ein Essay über heillose Heilstifter, kluge Narren und mörderische Masken an der Macht.

Autor Torsten Körner schrieb Bestseller-Biografien über Heinz Rühmann, Franz Beckenbauer und Götz George und ist seit vielen Jahren Juror des Grimme-Preises. Unter anderem wurde er 2010 mit dem Bert-Donnepp-Preis ausgezeichnet, dem Deutschen Preis für Medienpublizistik. Als freiberuflicher Autor und Journalist schreibt Torsten Körner Medien- und Fernsehkritiken.


Der Arzt drückte sein Stethoskop auf die Brust des Mannes, der wie eine weggeworfene Puppe mit verrenkten Gliedern auf dem Boden lag. Die Männer, die den Clown erschossen hatten, rauchten. Das Herz unter der roten Krawatte schlug nicht mehr.

Der rumänische Diktatur Nicolae Ceaușescu hatte sein Land in einen grausigen Zirkus verwandelt und viele seiner Gegner, allen voran exilierte Schriftsteller und Künstler, verglichen den Tyrannen damals mit einem Clown, einem mörderischen Clown. Dieser Begriff, mögen sie gedacht haben, verursacht ihm die größte Pein und beschreibt am genauesten die Kluft zwischen seiner inszenierten Macht und seiner menschlichen Erbärmlichkeit.

Der Tod des Tyrannen im Dezember 1989 markierte eine Zeitenwende. Das Demokratiemodell des liberalen Westens schien sich nun unaufhaltsam seinen Weg zu bahnen. Korrupte Systeme lösten sich auf, Diktatoren wurden gestürzt, der Kommunismus wurde eingemottet. Überall auf der Welt, in Osteuropa, Asien, Südamerika und Afrika machte man sich auf die Suche nach seriösen Politikern, die sich darauf verstanden, Demokratien zu führen. Sie durften ruhig ein bisschen langweilig sein, Technokraten eben, Hauptsache, sie waren seriös, sachlich und zeigten kein clowneskes Gebaren. Die Clowns, dachte man, hatten endgültig abgedankt. Schließlich hatten sich diese Wahnsinnigen im 20. Jahrhundert exzessiv ausgetobt.

Schon Adolf Hitler und Mussolini waren von Zeitgenossen als Clowns beschrieben worden. Auch diese Etikettierung stellte damals ein semantisches Abwehrmanöver dar: Man wollte nicht wahrhaben, was man sah, man versuchte, das Grausige lächerlich zu machen und sich selbst gegen den totalitären Zugriff zu immunisieren. Wie trügerisch diese Wortwahl war, zeigten die vermeintlichen Clowns selber: Nach ihrem ersten Zusammentreffen urteilte Mussolini über Hitler, der sei "ein verrückter kleiner Clown".

Die Clowns feiern ein Comeback

Aber jetzt, 30 Jahre nachdem Ceaușescu an der Mauer gestorben und auch symbolisch als Clown erledigt worden war, sind sie zurück: Die Clowns feiern ein Comeback in der politischen Arena. Wir erleben offenbar ein Zeitalter globaler Clownerie. Großbritannien windet sich im Brexit-Fieber, die Downing Street wird bereits als Clowning Street verspottet und das Weiße Haus ist zum Schauplatz einer absurden Reality-Show geworden. Boris Johnson und Donald Trump sind die bekanntesten Clown-Darsteller, die durch Grimassen, Frisuren, Sprache, Gestik, Kleidung und unberechenbare Handlungen bei vielen Beobachtern unweigerlich diesen Begriff provozieren.

Doch Trump und Johnson sind nur die prominenteste Spitze des Eisbergs. Der englische Journalist George Monbiot stellt im "Guardian" fest: "Die Killer-Clowns übernehmen überall das Kommando." Neben Trump und Johnson nennt er den Brexiteer Nigel Farage, den indischen Premierminister Narendra Modi, den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, den australischen Premierminister und Trump-Fan Scott Morrison, den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte, er nennt Matteo Salvini, Recep Tayyip Erdoğan und Viktor Orbán. Ob der Begriff "Killer-Clown" zutreffend ist, lässt sich diskutieren, nicht jedoch, dass all diese Männer groteske Selbstdarsteller sind, die nationalistische, fremdenfeindliche und Unser-Land-zuerst-Rezepte anbieten.

Für George Monbiot agieren die "Killer-Clowns" im Auftrag der Oligarchen, der wahrhaft Mächtigen. Die Superreichen dieser Welt befördern die "Killer-Clowns" an die Macht, weil diese uns durch ihr Theater ablenken, während wir von den Kleptokraten geschröpft werden. Es ist eine politisch linke Lesart, die Monbiot anbietet:

"Wir sind fasziniert von Witzbolden, die uns ermutigen, die Wut, die den Oligarchen vorbehalten sein sollte, auf Einwanderer, Frauen, Juden, Muslime, People of Colour und andere imaginäre Feinde und übliche Sündenböcke zu lenken. Genau wie in den 1930ern ist die neue Demagogie ein Betrug, eine Revolte gegen die Auswirkungen des Kapitals, finanziert von Kapitalisten."

Der Clown als Rebell

Die Frage ist, ob dieser generelle Clowns-Stempel analytisch wirklich weiterhilft oder ob er mehr verdeckt als aufzeigt. Kann man diese doch sehr unterschiedlichen Politiker alle zu "Killer-Clowns" und Oligarchen-Marionetten erklären? Übersieht diese Sichtweise nicht sehr unterschiedliche Wege zur Macht und auch den Willen der Wähler, die diese Männer ins Amt befördert haben? Was vernebelt der Begriff des Clowns, wenn wir ihn auf Politiker anwenden und lassen sich nicht auch antiautoritäre und progressive Polit-Clowns ausmachen? Ist der Clown nicht von jeher ein Rebell gegen die versteinerten Verhältnisse?

"Der Clown als Widersacher trägt seinen Zweifel überall hin und ficht seinen Kampf sehr sanft, ganz ohne das Klirren der Piken auf den Rüstungen. In seinem Kreidekreis stimmlos singend erkennt er das Grauen draußen und schafft Freiheit aus Entfremdung. Mit seinen Händen und Fingern die Holzspäne von sich klopfend, erhebt sich der Geschlagene von der Pergamentrolle und proklamiert als Movens der Befreiung das Durchstehen, die Überwindung des negativen Erlebens, das er sich als Lebensaufgabe gestellt hat. Er ist, was er war und bleibt, was er ist: der Unfügsame, der geheiligte Rebell, in frühen Mythen und Kulturen ebenso wie heute."

Dieses hochgestimmte Loblied auf den Clown stammt von dem Anthropologen Constantin von Barloewen. Sein Essay "Versuch über das Stolpern" erschien Anfang der achtziger Jahre und feierte den Clown als Verteidiger des Humanen, Vermittler zwischen Kulturen, als Pendler zwischen Himmel und Erde, Dolmetscher zwischen Göttern und Menschen und als Anwalt des Scheiterns. Weil der Mensch immerzu stolpert, hat der Clown seine komische Kunst des Stolperns entwickelt, die uns lehrt, das eigene Stolpern anzunehmen und es zugleich zu verlachen, aufzustehen und weiterzumachen.

Über Jahrtausende und alle Kulturen hinweg ist der Clown eine Figur des großen Welttheaters. Der indianische Trickster und Schelm, der Unfug treibende Götterbote Hermes oder der Kulturheros Prometheus, die Narren des Mittelalters, Till Eulenspiegel, Shakespeares Narren, die Marx Brothers oder Charlie Chaplins Tramp - der Clown ist eine anthropologische Konstante, ohne ihn geht es nicht. Der Mensch ist offenbar auf den Trost des Clowns angewiesen, auf seine Kunst, sich mit der eigenen Ausweglosigkeit zu versöhnen, immer wieder gegen das Unabänderliche anzustürmen und seine anarchische Kraft, sein Gelächter gegen jeden Riesen, gegen jede Ordnung ins Feld zu führen. Der Narr nimmt sich die Freiheit, gegen alles Ein- und Widerspruch zu erheben, sein Lachen ist Rebellion.

Selbst dort, wo Gegenwehr unmöglich scheint, weil die Gegner und ihre Gewalt übermächtig sind, tritt der Clown gegen das Schienbein des Goliath. In Filmen wie "Moderne Zeiten" oder "Der große Diktator" kämpfte Charlie Chaplin als Tramp gegen die entmenschlichenden Prozesse des Maschinenzeitalters und legte sich mit dem mörderischsten Tyrannen des 20. Jahrhunderts an. Chaplins Kunst ist in den dreißiger Jahren ein pantomimischer Ausdruckstanz des Hoffens, ein Ballett des Widerstands, ein übermütiger Flohzirkus auf der Nasenspitze monströser Tyrannen.

Der Komödiant Chaplin agiert vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, Massen verarmen, es ist die Zeit des explodierenden Nationalismus, die Sehnsucht nach straffer Führung wächst und die Demokratien werden für überforderte und unzeitgemäße Regierungsformen gehalten. Offenbar wiederholt sich diese Geschichte heutzutage als Farce. Wir erleben ein autoritäres Revival und die Rückkehr starker Männer. Allerdings scheinen diese Neo-Autokraten den Clown verschlungen zu haben, sie leben ganz offenbar von den Energien seiner Identität und bedienen sich seiner Requisiten, um die Macht zu erobern. Verrückte Welt? Was haben Donald Trump und Boris Johnson mit Chaplins Anarchismus zu tun?

"Ein Dorn im Stiefel der Macht, ein Anwalt der Macht- und Sprachlosen"

Nun, der Clown war nie ein Speichellecker, er war stets Widerspruchsgeist, Grenzgänger, eine Doppelnatur, die Gutes und Böses in sich tragen mochte, die närrisch war und doch weise, die weinte und doch lachte, aber immer gegen den Status Quo opponierte. Er mochte als Hofnarr dem Fürsten zu Diensten sein, als Possenreißer und Vulgärphilosoph war er frei und unabhängig. Von Natur aus war der Clown stets ein Progressiver, ein Dorn im Stiefel der Macht, ein Anwalt der Macht- und Sprachlosen.

Das galt ganz besonders für den französischen Clown Coluche, dessen derber Humor von den Franzosen geliebt wurde, sofern sie ihn nicht hassten, denn Coluche, dieser freundlich-rundliche kleine Mann, schlug jedem verbal in die Fresse. Was der Durchschnittsfranzose runterschluckte, sprach er aus. Wenn er über Araber und Juden wetterte, klang das wie der rechtsradikale Front National, wenn er über Frauen sprach, klang das grob sexistisch und wenn er sich über Politik ausließ, hörte man dumpfeste Pöbeleien. Er brachte den Sound des Volkes zu Gehör, ungeschminkt. In gestreifter Latzhose trat er 1981 vor die Kameras und verkündete, er wolle französischer Präsident werden. Den etablierten Parteien und Politikern rutschte das Herz in die Hose. Der Clown, der sie jeden Tag wissen ließ, dass er sie für "Arschgeigen" hielt, lag bei seriösen Umfragen mit 16 Prozent auf dem dritten Platz.

"Meinen Hintern werde ich im Fernsehen zeigen. Totale Demagogie ist mein Ziel. Jedem verspreche ich, was er haben will. Wie ein Politiker werde ich lügen, wie gedruckt. Das darf ich, weil mir die Wahl ja nichts bringen soll. Und wenn die Politiker davor Angst haben, lache ich mich kaputt. Ich werde sie bis zum Geht-nicht-mehr verarschen, denn was sie aus ihrem Beruf machen ist nichts, ist null."

Doch natürlich war alles ein großer Witz, Coluche schmiss hin und verspottete jene, die ihm geglaubt hatten. Der verhinderte Präsident und Clown, der 1986 bei einem Motorradunfall ums Leben kam, ist in Frankreich unvergessen. Bis heute existieren seine "Restos du Coeur", seine "Restaurants der Herzen", die er 1985 ins Leben rief, um Not leidende Menschen mit Lebensmittel zu versorgen.

Entertainment für politmüde Wähler

Coluches italienischer Nachfahr ist Beppe Grillo, der Begründer der populistischen Bewegung MoVimento 5 Stelle. Auch sein Vokabular ist deftig, auch er hielt sämtliche Politiker für "Arschgesichter", aber im Gegensatz zu Coluche ging dieser Komödiant und Fernsehsatiriker wirklich in die Politik. Grillo war als progressiver Clown gestartet, der seinen Wählern - unter ihnen viele enttäuschte Linke - eine echte Demokratisierung versprach. Bei den Parlamentswahlen 2018 wurde die MoVimento 5 Stelle stärkste Partei und koalierte mit der rechtspopulistischen Lega Nord unter der Führung von Matteo Salvini. Im Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit radikalisierten sich die Koalitionäre rasch, sie hetzten die Italiener gegen Ausländer und Europa auf und schufen einen Geist, der die Demokratie grundsätzlich in Frage stellte. Aus dem wutspuckenden Clown Grillo war innerhalb kürzester Zeit ein totalitär denkender Politiker geworden, dessen herausgebrüllte Politikverachtung den Boden für neofaschistische Kräfte bereitet hatte. Seine "Zornpolitik", die behauptete, den totalen Durchblick zu haben, war totales Entertainment und faszinierte politikmüde Wähler.

Im Zirkus der Neo-Autokraten, die uns deshalb an Clowns erinnern, weil ihre Masken der Einfalt so lächerlich wirken im Angesicht der vielfältigen Herausforderungen, spielt Donald Trump eine besondere Rolle. Natürlich ist man versucht, den Phänotyp Trump als Clown zu klassifizieren. Sein Joker-Grinsen, sein Karotten-Teint, seine stets zu langen, aggressiv flammenden Krawatten, die bizarren Fragmente einer Frisur, die Buffo-Silhouette, er ist ein Comic, eine Karikatur. Aber ist nicht das bereits Teil seines Erfolges? In einer Kultur der Bilder, Images und Ikonen hat es Trump geschafft, als Bildbotschaft wahrgenommen zu werden. Seine Sprache ist kurz, laut, sie erbricht Ausrufezeichen, er ist das Emoji für Wut und Zorn im Oval Office, er ist der Panzerknacker im Weißen Haus.

Der amerikanische Autor Kurt Andersen bezeichnet Donald Trump in seiner Studie "Fantasyland" als "Ausgeburt des illusorisch-industriellen Komplexes". In einer Nation, die aus Lügen und Fiktionen hervorgegangen ist, deren Mentalität von radikalem Individualismus und extremer Religiosität geprägt wurde und in einem Land, das Hollywood und Disneyland geschaffen hat, ist Donald Trump als Showman die perfekteste Verkörperung einer Kultur, die primär nicht mehr auf Fakten, sondern auf Fantasy setzt. Da, so Andersen, Amerikas Geschichte einen "500-jährigen Realitätsverlust" darstelle, könne Trump seine Münchhausen-Biografie als Erfolgsgeschichte verkaufen, weil es einen kollektiven Willen zur eigenen Wahrheit gäbe, zum eigenen Wahn, zur Verwechslung von Realität und Einbildung.

Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen

Dass es nicht 500 Jahre Realitätsverlust braucht, um einen Komödianten zum Präsidenten zu machen, zeigten die Ukrainer, als sie im Frühjahr 2019 den Fernsehstar Wolodymyr Selenskyj zu ihrem Hoffnungsträger wählten. In einem Telefongespräch mit Donald Trump schmeichelte Selenskyj dem Amerikaner, er sei ein "großer Lehrer" für ihn gewesen. Man könnte meinen, Selenskyj, dessen Programm bislang vage bleibt, habe Trumps politischen Karriereweg radikalisiert. Während Trump eine lange Biografie als Entertainer, Filmstar und Darsteller im Reality-TV vorweisen konnte, reichte Selenskyj eine Fernsehserie, um Realität und Fiktion auszutauschen.

Seit 2015 spielte der Ukrainer in "Sluha narodu", zu Deutsch "Diener des Volkes", einen grundanständigen Geschichtslehrer, dessen Wutausbruch über die korrupte Politikerklasse ihn unversehens zum Star und Präsidenten seines Landes macht. Zwar spielen ihm fiese Oligarchen und korrupte Politiker übel mit, aber letztendlich gelingt es dem kleinen Mann, sein Land zu vereinen, ihm äußeren und inneren Frieden zu sichern. Der Fiktionspolitiker Selenskyj bestritt 2019 kaum einen Wahlkampf; stattdessen ließ er die Serie für sich sprechen, nannte seine Partei folgerichtig "Diener des Volkes" und absolvierte Shows als Stand-up-Comedian, bei denen er seine Rivalen verspottete.

Noch ist unklar, wohin Selenskyj steuert. Vielleicht aber haben die Ukrainer gar nicht Fiktion und Realität verwechselt, sondern sie haben ganz bewusst ein riskantes Spiel gewagt, um ihren als katastrophal empfundenen Alltag aus den Angeln zu heben.

Wenn man Politik ohnehin als faulen Kulissenzauber versteht, warum dann nicht denjenigen wählen, der verspricht, einen glücklich endenden Wirklichkeitsfilm zu starten? Wenn reale Politiker nur noch als Lügner empfunden werden, warum soll ein erfundener Politiker dann nicht kraft Wählerwunsch in Wirklichkeit verwandelt werden? Die Verwandlung eines Komödianten in einen Politiker kann von seinen Anhängern demzufolge als selbstermächtigendes Plebiszit verstanden werden: Wo sie sich um Alternativen betrogen sehen, zaubern die magisch denkenden Wähler einen Clownspolitiker aus dem Hut.

Der Clownspolitiker als Event-Manager 

Der Clownspolitiker ist der Event-Manager des postdemokratischen Bewusstseins, er verspricht Taten statt Worte, er liefert Sündenböcke statt Ursachen, er predigt Nationalismus statt Kosmopolitismus, er ist das Volk und nicht sein gesichtsloser Repräsentant, er ist nicht gewählt, sondern erwählt.

Stürzen kann der Clownspolitiker daher kaum, denn seine Anhänger sympathisieren mit ihm gerade als Gestraucheltem, als Gefallenem. Was er auf den Kopf bekommt, haben sie als Prügel längst eingesteckt, deshalb sind dem Politiker-Clown Fauxpas und Fettnapf hochwillkommen. Wer ihn verhöhnt, gehört zur Elite, wer ihn als Clown verspottet, verspottet sich selbst, denn einer wie Trump baut die Wirklichkeit um, während wir noch immer glauben, Zuschauer einer irren Reality-Show zu sein.

Clowns stürzen sich in die Politik, Politiker stürzen als Clowns und wir sprechen immer von Männern. Gibt es denn keine Frauen in der politischen Clowns-Manege? Der Clown als Kulturfigur war weder ganz Mann noch Frau, sein Geschlecht wechselte mit dem Witz, den er trieb, mit dem Wind, der ihn umstieß. Doch die Clowns-Politiker pflegen einen übersteigerten Machismus, der ihre Führungskraft zeigen soll, ein eiserner Händedruck gehört ebenso dazu wie eine Unterschrift, die wie die Sinuskurve eines Superhelden wirkt und deshalb auch in jede Kamera gehalten werden muss.

Die leibhaftige Anti-These zum Clownspolitiker ist die Klimaaktivistin Greta Thunberg, deren Physiognomie asketisch ist, deren Rede meist von unaufgeregter Sachlichkeit und schmallippiger Ernsthaftigkeit zeugt. Ihre emotionale Enthaltsamkeit, ihre frühreifen Kassandrarufe lassen die populistischen Tarzans und selbsternannten Dealmaker wie Kinder aussehen, die ihre politischen Ziele mit jungmännerhaften Trotz- und Drohgebärden verfolgen. Die Hypermaskulinität, mit der Figuren wie Putin, Erdoğan oder Salvini auftreten, macht sie zu Clowns wider Willen, weil ihre grotesken Körper unter dem Druck, die absolute Macht zu verkörpern, letztlich symbolisch implodieren.

Clownokratie und Radikalisierung der Wähler

Die Konjunktur der Clownsmetaphern in der politischen Berichterstattung und die Clowns‑Strategien populistischer Politiker bezeugen ein zirzensisches Stadium der Demokratie, in dem sowohl die Verteidiger als auch die Gegner der Demokratie diese mittlerweile für eine totale Show halten. "Send in the Clowns", hatte Frank Sinatra einst gesungen, "Schickt die Clowns rein!", es ist etwas total schief gelaufen in der Manege. Der Clown lenkte ab, hielt die Zeit an, kreierte Momente außerhalb der Zeit. Der Clownspolitiker ist ein Momentifizierungs-Experte, einer, der den Moment überhöht und ihn dir als Monument andreht. Das Monument bin ich, sagt der Clownspolitiker und öffnet das Tor zur Clownokratie.

Das Zeitmaß der Demokratie ist jedoch nicht der geglückte Moment, sondern der langwierige Prozess, das schleichende, schneckenhaft vorwärtskommende Verhandeln und Vergleichen. Der Clownspolitiker hingegen verspricht die dauerhafte Herrschaft des Moments, er behauptet, er könne im Handumdrehen lösen, was der technokratische Politiker nicht in Jahren schafft. Der Clownspolitiker suggeriert dem staunenden Publikum, er selbst sei der Moment, auf den es ankomme, nur er könne den alles entscheidenden Schicksalsmoment entscheiden, nur er habe die Kraft, all die auseinanderstrebenden und sich widersprechenden Zeitkurven zu synchronisieren. Trump inszeniert sich als Moment an sich, er ist der leibhaftige Tweet, der das Bewusstsein der Welt penetriert.

Die Konsens- und Mitte-Politiker alten Typs, auch die Charismatiker versuchten, die Gesellschaft zu einen, versuchten, Brücken in verschiedene gesellschaftliche Lager und Milieus zu bauen und eine gemeinschaftsstiftende Erzählung anzubieten. Die Clownspolitiker jedoch bauen auf die Radikalisierung der Wähler und sind ein Ergebnis eines radikalen Bewusstseinswandels. Trump konnte erst dann Präsident werden, als die Mehrheit der Amerikaner der Ansicht war, Politik sei eine inszenierte Verschwörung, eine ritualisierte Show. In diese Show brach er als Showman ein, ein Outlaw zwar, ein Rüpel, aber eben ein aufrichtiger Kerl. Sein Hass auf die alte Show, die alte Elite wirkte aufrichtig. Er log, dass sich die Balken bogen, er spielte aber den Jäger der Lügen und Lügner so perfekt, dass seine gefühlten Wahrheiten, seine alternative Weltsicht die attraktivere Wahrheit war.

Selbstinszinierte Diener des Volkes

Auch die Ära der Superheldenfilme befördert Denkfiguren, die Politiker wie Donald Trump oder auch Boris Johnson erst möglich machen. Ob Thor, Hulk, Spiderman, Batman oder Captain America: Sie sind die Diener des Volkes, sie ersetzen Parlament, Polizei und Presse, sie sind der neue Staat, als dessen Wächter sie an kein Plebiszit, kein Votum, keine Gewaltenteilung gebunden sind.

Im Kampf um den Brexit verglich sich der englische Premierminister mit einem dieser Superhelden: "Je wütender Hulk wird, desto stärker wird Hulk. Und er ist immer davongekommen, ganz gleich, wie eng es für ihn aussah – und das trifft auf dieses Land zu." Als Donald Trump seinen Wahlkampf begann, fragte ihn ein neunjähriger Junge, den er an Bord seines Hubschraubers mitgenommen hatte, ob er Batman sei und Trump antwortete ohne zu zögern: "Ich bin Batman!" Aber das stimmt nur zur Hälfte, denn tatsächlich ist Donald Trump in Personalunion auch dessen finsterer Gegenspieler: Der Joker!

In den unendlichen Weiten des Internets ist es nicht schwer, Donald Trump als Joker-Face zu begegnen. Auf T-Shirts, Illustrierten-Covern oder Comics ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten als notorischer Chaosstifter zu finden. Dabei überlagern sich die Masken der drei berühmtesten Joker-Darsteller der letzten 30 Jahre: Jack Nicholson, Heath Ledger und Joaquin Phoenix. Die Genese des Jokers in diesen drei ikonischen Filmen aus den Jahren 1989, 2008 und 2019 erzählt auch vom Aufstieg Donald Trumps.

Die Genese des Jokers

Ihren ersten heftigen Schlag bekommt die moralische Ordnung in Tim Burtons "Batman" durch Jack Nicholson, der den Joker 1989 noch wie einen altmodischen Zirkusclown spielt, ein Augenzwinkern liegt über allem. Nicholson spielt Michael Keaton als Batman locker an die Wand, die diabolische Visage mit grünem Haar hat Spaß am Bösesein, am Morden und Zerstören. Der fröhlich getanzte Amoralismus des Jokers wirkt vitaler als Batmans melancholische Verteidigung der Werte und auch wenn der Finsterling schlussendlich besiegt wird, bleibt er der Star des Films.

Heath Ledger als Joker begnügte sich 2008 nicht mehr damit, den Helden als Protagonisten abzulösen. Auch seine Performance ist mittlerweile legendär und verbannt Christian Bales Batman in die Abstellkammer der Erinnerung. Anders als Jack Nicholsons Joker jedoch will dieser Killer-Clown die Sphären zwischen Gut und Böse gänzlich aufheben, er akzeptiert keine Trennung mehr zwischen Recht und Unrecht und arbeitet daran, ein durch und durch nihilistisches Gotham City zu errichten. Batmans Sieg wirkt wie hier wie ein Scheitern.

Joaquin Phoenix‘ Ehrgeiz in Todd Phillips "Joker" ist monströs. Sein Joker ist ein deklassierter, psychopathischer Mietclown. Es gibt keinen Helden mehr, es gibt nur noch eine zu Tode erschöpfte, mitleidlose Gesellschaft, die von einer volksfernen, eisigen Elite regiert wird. Unter diesen Verhältnissen wird der erfolglose Clown zum Mörder und Symbol eines Aufstandes gegen die da oben. Die extreme Fühllosigkeit und narzisstische Verkapselung des Jokers kann als Zeitbild der Trump-Ära gelesen werden: Der geprügelte Clown wird zum Helden der Geprügelten, die fortan nur noch einen Weg zur Durchsetzung ihrer Interessen kennen: Prügeln und dabei so lachen, dass es klingt wie ein Salve mörderischer Schüsse.

In seiner Studie über den Renaissance-Satiriker François Rabelais prägte der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin die Formel von der "Karnevalisierung des Bewusstseins", die großen historischen Brüchen vorausginge. Bei ihm stellte das Gelächter des Volkes eine aufrührerische Gegenwelt zur offiziellen Welt dar. Das Lachen der Bauern stieß den König im Karneval vom Thron und diese zeitweilige symbolische Entmachtung stabilisierte die Gesellschaft. Zugleich aber verwies dieses Lachen auf die Möglichkeit eines radikalen Wandels, eines Epochenumbruchs. Bachtin verstand dieses Gelächter als volkstümliche Gegenkraft von unten. Was aber heißt es für uns, wenn dieses Gelächter heutzutage nicht mehr von unten, sondern von oben kommt, von Präsidenten und Kanzlern?

Der Clown als Zirkusdirektor?

Der Clown trug stets ein rebellisches Gen in sich, rieb sich an Autoritäten und Amtssprachen. Wenn die Wähler also Clownspolitiker, komisch wirkende Autokraten oder clowneske Politiker an die Macht wählen, dann opponieren sie grundlegend gegen das System. Sie stimmen nicht bloß für eine andere Partei, sie stimmen dafür, dass der Clown die Rolle des Zirkusdirektors übernimmt und die Peitsche knallen lässt.

Steht uns also ein Zeitalter der Clownokratie bevor? Sind die westlichen Demokratien am Ende? Kapern autoritäre Clowns und autokratische Narren die politische Bühne? So wie der Clown selbst stets eine paradoxe Figur war, der Grenzen zog und überschritt, Gutes und Böses in sich trug, mal Kind und dann wieder Greis war, Mann und Frau verkörperte, mal als Tölpel stolperte, um dann wieder als virtuoser Tänzer zu glänzen, so widersprüchlich und umkämpft ist das Bild des Clowns in der Politik und in der populären Kultur.

Mit Blick auf die ambivalente Identität des Clowns können wir zwei widerstreitende Lesarten des clownesken Elements in der Politik ausmachen: Die progressive und die regressive Lesart. Beiden ist gemeinsam, dass sie den Clown als Therapieinstrument betrachten, so wie Krankenhaus-Clowns Schmerzen lindern oder Krankheiten bekämpfen sollen, so soll der Polit-Clown demokratische Degenerationen bekämpfen.

Der progressive und der regressive Clown

Die progressiven Clowns wollen die steinerne Autorität erschüttern, demokratische Verkrustungen auflösen; die Satire-Partei Die PARTEI etwa stellt eine satirische Intervention in der Tradition sprachkritischer Shakespeare-Clowns dar. Auch die linken Aktivisten der Clandestine Insurgent Rebel Clown Army verstehen sich als clowneske Eingreiftruppe, die mit humoristischen Happenings gegen Kriege, Finanzmächte und demokratische Intransparenz kämpft. Die regressiven Clowns hingegen wollen die schüttere Autorität des Staates erst wieder errichten. Aber für beide Richtungen, die Progressiven und die Regressiven, ist der Clown eine Figur der Rebellion.

Die Progressiven setzen dabei auf den Clown als reflexive Kunstfigur, auf den Clown, der als Narr am Stacheldrahtzaun der Mächtigen rüttelt, die Regressiven setzen auf einen authentischen Clown, der kraft seiner Unbestechlichkeit die Türen des Lügenpalastes aufsprengt. Der regressive Clown beansprucht, als Stellvertreter des Volkes aufzutreten, der progressive Clown sucht die Öffentlichkeit als Anwalt seiner Wahrheit. In der Figur des Clowns berühren sich die Extreme; die progressiven Clowns treten eher als namenlose Kollektive auf, der regressive Clown gebärdet sich als Führer.

Und wie sind die Aussichten? Der Clown, der zum Führer wird, verstößt gegen seine Herkunft als Hierarchie-Zertrümmerer, als Anti-Führer. Der Clown führt nicht, er verführt zum Sturz des Führers. Deshalb muss sich der Clown, wenn er Führer wird, ständig selbst Knüppel zwischen die Beine werfen, er kann nicht anders.

Die pessimistische Lesart dieses Paradoxons könnte dazu verleiten, den Clown bloß als Vorboten eines noch größeren geopolitischen Chaos zu sehen, die optimistische Lesart hingegen hielte die Clowns für zyklische Krisenfiguren, die schon bald durch neue, eher in der Realität siedelnde Helden ersetzt werden. Wie diese Helden beschaffen sind, sollten wir weder dem Kino noch dem Zirkus überlassen - nicht unsere Fantasie sollte sie modellieren, sondern unsere Einsicht, dass die Demokratie eher nach uns ruft als nach ihnen.

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