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StartseiteEuropa heutePolitik auf dem Rasen05.09.2008

Politik auf dem Rasen

Armenien und die Türkei vor dem WM-Fußballqualifikationsspiel

Auf offener Straße wurde der armenische Journalist Hrant Dink am 19. Januar 2007 in Istanbul von einem türkischen Ultranationalisten erschossen - der Mord zeigte einmal mehr, wie belastet die Beziehungen zwischen Türken und Armeniern sind. Der Grund sind die Massaker an der armenischen Bevölkerung im Jahre 1915, noch zu Zeiten des Osmanischen Reiches. Armenien wirft den Türken einen gezielten Völkermord an 1,5 Millionen Menschen vor, während die Türkei von kriegsbedingten Aufständen spricht. Bis heute ist die Grenze zwischen beiden Ländern geschlossen, und diplomatische Beziehungen unterhalten sie auch nicht. Nun aber trägt die Krise in Georgien zu einem Umdenken bei. Ankara fürchtet um sein Zufahrtsverbindungen in den Kaukasus, und so erscheint eine Annäherung an Armenien erstmals wieder denkbar, und strategisch sogar klug. Auftakt für diese Annäherung soll das WM-Qualifikationsspiel morgen in der armenischen Hauptstadt Eriwan sein: Erstmals treffen die Nationalmannschaften beider Länder dann aufeinander. Nach langem Zögern reist sogar der türkische Staatspräsident Gül an, eine Geste, die Optimisten von einem Neubeginn der schwierigen Beziehungen sprechen lässt. Aus der Türkei berichtet Susanne Güsten.

Kann ein Fußballspiel Grenzen abbauen? (AP)
Kann ein Fußballspiel Grenzen abbauen? (AP)

Der Istanbuler Fanclub Carsi in Aktion - einer der gefürchtetsten Fanvereine der Türkei. "Wir sind gegen alles außer Atatürk", lautet das Motto von Carsi. Dessen Anhänger lehren die Gegner ihres Heimvereins Besiktas gerne das Fürchten.

Angeführt wird Carsi von einem untersetzten Mann namens Alen Markaryan. Bei Besiktas-Spielen steht er mit dem Rücken zum Fußballfeld auf dem Rasen und dirigiert mit erhobenen Armen tausende von Fans bei ihren Schlachtgesängen. Markaryan ist nicht nur ein landesweit bekannter Fußballfanatiker, sondern auch Armenier - ein Angehöriger der etwa 70.000 Menschen zählenden armenischen Minderheit in der Türkei. Klar, dass er dem ersten Fußball-Nationalspiel zwischen der Türkei und Armenien morgen entgegenfiebert. In seinem Kebap-Lokal in der Istanbuler Innenstadt erzählt Markaryan, was er sich von dem Spiel erhofft:

" Das ist ein ganz besonderes Spiel. Es könnte einen ersten Schritt zur Überwindung der Feindseligkeit zwischen den beiden Ländern bedeuten. Ich fände es schön, wenn dadurch die gegenseitigen Vorurteile der beiden Völker abgebaut würden. Ich hoffe, dass dieses Spiel den Anstoß dazu geben wird. "

Auf der Tribüne des Hrazdan-Stadions in Eriwan wird Markaryan am Samstag allerdings nicht sitzen können, ebenso wenig wie die meisten anderen türkischen Fans. Zwar hat Armenien als freundschaftliche Geste die Visumspflicht für Türken für einen Tag aufgehoben, doch führt von der Türkei aus kein direkter Weg ins Nachbarland. Die Grenze ist seit fast 15 Jahren geschlossen - die Türkei demonstriert damit ihren Protest gegen die armenische Besetzung von Nagorny-Karabach und Solidarität mit dem turkstämmigen Aserbaidschan. Vergeblich forderte eine flugs gegründete Bürgerinitiative namens "Fußballfans ohne Grenzen" von Ankara eine 24-stündige Öffnung der Grenze. Der einzige Weg nach Eriwan führt derzeit über Georgien - eine Strecke, die selbst hartgesottene Fußballfans momentan nicht fahren wollen. Manche Fans wollen auch aus Prinzip nicht nach Eriwan reisen, etwa der türkische Oppositionsführer Deniz Baykal. Auch seinen Landsleuten würde er das gerne untersagen:

" Die Regierung darf keine Kontakte mit Armenien knüpfen, die Aserbaidschan schaden könnten. Das könnte schweren Schaden anrichten und die Sicherheit der Region gefährden. Wenn man mich fragen würde, ob ich zum Spiel nach Eriwan fahre, dann würde ich sagen: Nein, ich fahre lieber nach Baku. "

Nicht nur an Aserbaidschan denken die Türken freilich, wenn es um die Begegnung mit Armenien geht. Viel stärker lastet die Vergangenheit auf den Beziehungen: Die türkisch-kurdischen Massaker an den anatolischen Armeniern im untergehenden Osmanischen Reich, der Streit um den armenischen Genozid-Vorwurf und die türkische Angst vor armenischen Gebietsansprüchen, die sich aus der Verfassung des Nachbarlandes ableiten. Ein bisschen viel politischer Ballast für eine Fußballmannschaft, meint der türkische Nationaltrainer Fatih Terim:

" Wir teilen zwar die Ansicht, dass Fußball zur Völkerverständigung beiträgt. Wir können aber beim Fußballspielen nicht an politische Probleme und historischen Streit denken. Wir können nicht die Last der Geschichte auf unseren Schultern tragen bei diesem Spiel. Wir Fußballer müssen schnell denken, schnell handeln und schnell spielen können. Wenn wir uns nun die Last der Geschichte aufbürden, dann würde uns das bremsen. Und das würde unser Spiel beeinträchtigen. "

Spielen sollen sie aber, meint Fanclub-Anführer Alen Markaryan, der sich einen türkischen Sieg wünscht - jedenfalls auf dem Fußballfeld. Abseits des Stadions hofft der Fußballfan auf den Verbrüderungseffekt:. Die Zeit ist reif, findet er:

" Zu Griechenland waren die Beziehungen ja früher ähnlich schlecht, das ist jetzt vorbei. Und selbst in Deutschland ist die Mauer am Ende gefallen. So langsam bröckelt nun auch diese Mauer zwischen der Türkei und Armenien. Wir hoffen, dass sie bald ganz geöffnet wird und dass Frieden einkehrt, dass das Spiel dazu beiträgt. Beim Rückspiel in Istanbul will ich auf jeden Fall dabei sein. "

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