Sonntag, 19.09.2021
 
Seit 07:05 Uhr Information und Musik
StartseiteForschung aktuellExperten: Klima- und Artenschutz lassen sich nicht trennen01.09.2021

Politik und BiodiversitätExperten: Klima- und Artenschutz lassen sich nicht trennen

Insekten- und Artenschutz standen in der ausgehenden Legislaturperiode auf der Agenda. Im Wahlkampf spielen dieses Themen im Gegensatz zum Klimaschutz aber keine Rolle. Dabei sind sich Experten und Expertinnen einig: Klimawandel und Artensterben sollten zusammen gedacht werden.

Von Joachim Budde

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Biene (Apis mellifera) bestäubt Astrantia Major Grosse Sterndolde (picture alliance / dpa / CHROMORANGE | Dirk Daniel Mann)
Im aktuellen Wahlkampf komme der Schutz der Biodiversität nicht vor, bemängeln Wissenschaftler (picture alliance / dpa / CHROMORANGE | Dirk Daniel Mann)
Mehr zum Thema

Lebenswichtige Biodiversität Wie vertragen sich freie Forschung und faire Teilhabe?

Bayer-Lobbyist zu Biodiversität "Wir wollen weitere und bessere Herbizide produzieren"

Im Oktober 2017 erschien im Fachmagazin "PLOS" die "Krefelder Studie" und hat weltweit Aufsehen erregt. Demnach sei die Biomasse der Fluginsekten in 27 Jahren um 75 Prozent geschrumpft. Die Ergebnisse aus Krefeld waren gar nicht die große Überraschung, sagt Katrin Böhning-Gaese. Sie ist Direktorin des Senckenberg Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrums in Frankfurt am Main.

"Für mich ist erstaunlich, dass eine einzelne Studie wie die Krefelder Studie wirklich so eingeschlagen hat und dass die wirklich diese gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit ausgelöst hat, dass das Thema Insektenschutz wirklich auf die politische Agenda gesetzt wurde."

Grosser Klappertopf (Rhinanthus angustifolius) mit gelben Blüten in der Nahaufnahme. (picture alliance / Blickwinkel) (picture alliance / Blickwinkel)Forscher: Auch häufige Pflanzenarten vom Schwund bedroht
Über 70 Prozent von mehr als 2.000 Pflanzenarten befinden sich im Rückgang – so eine Studie. Dabei spiele wahrscheinlich die Intensivierung der Agrarwirtschaft eine Rolle, so Koordinator des Projekts, David Eichenberg, im Dlf.

Reaktion auf die Krefelder Studie

Als Folge sind neue Monitorings für Insekten angelaufen. Zuletzt hat die Bundesregierung ein Insektenschutzprogramm aufgelegt und vor den letzten Sommerferien mehr Insektenschutz ins Bundesnaturschutzgesetz geschrieben.

"Man hat sehr, sehr viel Geld investiert und das möchte ich auch anerkennen. Ob das wirklich ausreichend war, weiß ich gar nicht, und da habe ich auch meine Zweifel. Das große Problem ist aber, dass diese Mittel eigentlich zu spät kommen."

Bernhard Misof, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn fürchtet, dass die Maßnahmen viele Tierarten nicht mehr retten können. Denn auf viele Fragen fehlten noch die Antworten: Wie sehr sind Böden mit Giften belastet? Wie gut können Renaturierungsmaßnahmen der Biodiversität überhaupt helfen?

Oder die Agrarpolitik. Erst im Frühjahr haben die europäischen Fachminister und das EU-Parlament die neuen Leitlinien zur Gemeinsamen Agrarpolitik beschlossen. Thomas Fartmann leitet an der Universität Osnabrück die Abteilung Biodiversität und Landschaftsökologie und hat gerade ein Buch über Ursachen des Insektensterbens und Gegenmaßnahmen geschrieben. Er bedauert, dass bei den Verhandlungen nicht mehr herausgekommen ist für den Insektenschutz:

"Wo haben wir die stärksten Verluste der Insektenvielfalt und auch der Insektenabundanz, der Insektenhäufigkeit? Das ist ganz klar die Agrarlandschaft, da ist der höchste Handlungsbedarf, und wir müssen weg von dieser Flächenprämie hin zur Honorierung von Biodiversitätsleistung, die Landwirte müssen für Leistungen, die sie wirklich erbringen, um Artenvielfalt auf den Flächen zu fördern, dafür müssen sie entsprechend entlohnt werden, und davon sind wir Stand jetzt meilenweit entfernt."

Eine vom Morgentau überzogene Fliege sitzt am auf einer Rapspflanze auf einem Feld. (dpa /Julian Stratenschulte) (dpa /Julian Stratenschulte)Über die Superhelden vom Hundehaufen
Fliegen sind in manchen Disziplinen Superhelden. Ohne Fliegen sähe die Welt nämlich ziemlich unerfreulich aus. Denn sie räumen Kadaver und Fäkalien weg. Fliegen und ihre Maden leisten so Großes.

Schutz der Biodiversität und der Wahlkampf

Im aktuellen Wahlkampf komme der Schutz der Biodiversität und damit der natürlichen Ressourcen überhaupt nicht vor, bemängeln die Forscherin und die Forscher.

Misof: "Dass wir das im Wahlkampf bisher nicht artikuliert sehen, ist ein großes Versäumnis und muss behoben werden."

Bernhard Misof nennt als Beispiel die Versiegelung: Die SPD etwa kündigt an, viel mehr Wohnungen zu bauen. Wie sie das mit Umweltschutzzielen vereinbaren will, sagt sie nicht dazu. Schon jetzt liegen 6,5 Prozent der Fläche Deutschlands unter Beton und Asphalt – das ist Platz 3 in der EU.

Misof: "Wenn das nicht behoben wird, dass die Versiegelung der Böden weiter zunimmt, dann sind doch alle Gelder und Maßnahmen, die in den letzten Jahren zu Forschungszwecken eingesetzt wurden, werden uns nicht weit voranbringen, wenn wir nicht auch die Maßnahmen treffen, die notwendig sind, um einfach die Lebensgrundlage für Insekten wiederherzustellen."

Experten: Klimawandel und Artensterben zusammen denken

Gerade erst hat der Weltbiodiversitätsrat ipbes bekanntgegeben, dass von den geschätzt sechs Millionen Arten auf der Welt eine Million akut vom Aussterben bedroht sind. Das Problem dränge genauso wie der Klimawandel.

Misof: "Wir dürfen Klimawandel und Artensterben nie getrennt denken."

So sieht es auch Katrin Böhning-Gaese: "Für mich gehört das immer in denselben Satz rein. Und meistens sind auch die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, die gleichen, also wenn man so richtig an die tiefen Ursachen herangeht – warum haben wir Klimawandel, warum haben wir Artensterben? – dann kommen wir zur Übernutzung der Natur und dass wir einen viel zu großen Fußabdruck auf der Erde hinterlassen, und dass im Prinzip wir ein Ungleichgewicht haben zwischen der Nutzung der Natur und der Regeneration der Natur."

Die Aufgaben zusammen zu betrachten – dem stünden in der Politik die Aufteilung auf verschiedene Ministerien im Wege.

Böhning-Gaese: "Und wenn dann die Ministerien und die Verantwortung auch noch in den Händen unterschiedlicher Parteien liegt, dann ist es nochmal schlimmer." Und letztlich müsse diese Erkenntnis auch bei der Bevölkerung ankommen. "Wir müssen raus aus dem Silo-Denken und hin Richtung System-Denken. Wo diese ganzen verschiedenen Verknüpfungen mitgedacht werden."
 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk