Donnerstag, 01. Dezember 2022

Demokratie
Politik- und Medienwissenschaftler betrachten Entwicklung nach Twitter-Übernahme durch Elon Musk mit Sorge

Politikwissenschaftler haben sich besorgt über die Vorgänge bei Twitter unter dem neuen Inhaber Elon Musk geäußert.

25.11.2022

    Auf einem Handy ist der gesperrte Twitter-Account von US-Präsident Donald Trump zu sehen.
    Donald Trump auf Twitter gesperrt (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Stephan Schulz)
    Nachdem Musk zunächst über die Wiederfreigabe des Nutzerkontos von Ex-US-Präsident Trump auf seiner Plattform abstimmen ließ, hatte er zuletzt eine Befragung zu einer "Amnestie" für fast alle Nutzerkonten gestartet. Sie erzielte mehr als 3,1 Millionen Klicks - rund 72 Prozent davon weisen ein "Ja" aus. Am Abend teilt er mit, das Volk habe gesprochen. Die Amnestie beginne kommende Woche. Erneut fügte Musk die lateinischen Worte "Vox populi, vox Dei" hinzu - eine Verkürzung des Satzes von Alkuin, einem Berater Karls des Großen im 8. Jahrhundert: "Nec audiendi qui solent dicere: 'Vox populi, vox Dei', cum tumultuositas vulgi semper insanię proxima sit." (Auf diejenigen muss man nicht hören, die zu sagen pflegen, 'Volkes Stimme, Gottes Stimme', da die Lärmsucht der Masse immer dem Wahnsinn sehr nahekommt.")
    Die Wiederzulassung von Donald Trump durch so eine Online-"Umfrage" entspreche nicht repräsentativen und demokratischen Gepflogenheiten, sagte Ingrid Schneider. Die Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Hamburg führte aus, die "Umfrage" sei leicht manipulierbar gewesen. Es hätten beispielsweise auch Bots teilnehmen können. Zunächst habe Musk angekündigt, eine Kommission einzusetzen, um über Trumps Wiederzulassung zu entscheiden. Nun "löse" er diese Frage schnell und mit "scheindemokratischem Mäntelchen." Sie sei "sehr besorgt" über die aktuelle Entwicklung bei Twitter, führte Schneider aus. Von Willkür spricht Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement. Der Forscher von der Universität Leipzig prophezeit, Musk werde mit einem so willkürlichen Moderationsansatz schnell an die Grenzen der europäischen Rechtsordnung stoßen.

    Elon Musks "Free-Speech Fundamentalismus"

    Die Re-Aktivierung von Trump, der bisher jedoch eine Rückkehr zu Twitter ausschließt, wird laut Andreas Jungherr von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in zweierlei Hinsicht interpretiert: Entweder Musk beziehe politisch Position und wolle Trump durch den Zugang zu Twitter in dessen erneutem Griff nach der US-Präsidentschaft unterstützen. Oder sie sei ein Ausdruck seines "Free-Speech Fundamentalismus". Jungherr führte aus, ihm erscheine es allerdings wahrscheinlicher, dass Musk gezielt Kontroversen suche und schüre, um Aufmerksamkeit zu arrangieren. Kontroversen illustrierten eine "anhaltende Relevanz" seines Dienstes. Allerdings könne er auch den Bogen damit überspannen, sodass Werbekunden abwanderten.
    Für Jan-Hinrik Schmidt vom Leibniz-Institut für Medienforschung ist die Ermöglichung der Trump-Rückkehr ein Signal an diejenigen, die unter "freier Meinungsäußerung" den "völligen Verzicht auf zivilisierende Regeln und Schranken der Kommunikation" verstehen. Musk heiße sie auf Twitter willkommen und mache damit deutlich, "dass er in keiner Weise verstanden hat, welche Verantwortung er mit der Kontrolle von Twitter – eine, wenn nicht die zentrale Plattform für globale politische Öffentlichkeit – übernommen hat." Auch Schmidt hält die Entwicklungen bei Twitter für "bedenklich". Es werde deutlich, wie wichtig "dezentrale, offene und nicht allein durch Werbung finanzierte Kommunikationsplattformen wie zum Beispiel Mastodon für unsere digitale Öffentlichkeit sind". Solche Dienste könnten nicht mal eben in die Hände eines Einzelnen fallen, "der sie nach Belieben verändert und ruiniert."

    Mastodon verzeichnet regen Zulauf

    Zuletzt hatte Mastodon regen Zulauf verzeichnet. Der "Umzug zahlreicher aktiv Nutzender auf Mastodon" zeigt nach den Worten von Philipp Müller vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Uni Mannheim, dass die Nutzer "durchaus sensibel und kurzfristig auf Änderungen in der grundlegenden Philosophie der Kommunikationsinfrastruktur reagieren, auf der sie aktiv sind."
    Der in Deutschland gegründete Mikroblogging-Dienst Mastodon verzeichnete Anfang November eine Gesamtzahl an monatlich aktiven Nutzer von mehr als eine Million. Seit Ende Oktober hat sich die Zahl damit verdoppelt. Twitter hat nach Angaben vom Juni rund 237 Millionen tägliche Nutzer - vor allem Unternehmen, Politiker, Prominente und Journalisten. Ein Scheitern von Twitter könnte erhebliche Auswirkungen auf den Journalismus haben, sagt Kommunikations-Professorin an der University of Southern California, Karen North. Twitter sei für die offene Kommunikation unverzichtbar. Menschen, die keine Promis seien, würden die meiste Zeit nicht gehört. Auf Twitter hätten sie jedoch die Möglichkeit dazu.

    "In Zeiten von Konflikten und sozialen Unruhen die zentrale Plattform, um die Wahrheit zu verbreiten"

    Auch der Nahost-Experte Charles Lister vom Nahost-Institut in Washington betont, in Zeiten von Konflikten, Aufständen und sozialen Unruhen sei Twitter "die zentrale Plattform, um die Wahrheit zu verbreiten". Caroline Orr, Universität in Maryland, verweist auf einen weiteren Nutzen von Twitter: Bei Wirbelstürmen, Terrorangriffen, Schießereien und weiteren Katastrophen liefere Twitter Informationen sowie Updates und befördere den Austausch unter Menschen und gegenseitige Hilfsangebote. Das könne nicht so einfach ersetzt werden.
    Die Kehrseite ist das Verbreiten von Hassnachrichten und Falschnachricht.
    Diese Nachricht wurde am 25.11.2022 im Programm Deutschlandfunk gesendet.