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StartseiteDlf-MagazinBilder mit Botschaft?05.04.2018

Politiker auf InstagramBilder mit Botschaft?

Hier ein Bild aus dem Bundestag, da eins aus der heimischen Küche: Auf Instagram teilen auch viele Minister und Abgeordnete Fotos aus Job und Privatleben. Für Grünen-Politiker Cem Özdemir etwa sind die Postings längst Teil seiner Terminplanung. Doch nicht alle Politiker nutzen den Kanal professionell.

Von Benjamin Dierks

Ein Foto aus dem Instagram-Account von Cem Özdemir zeigt den Grünen-Politiker beim "Politiker ärgere Dich nicht"-spielen mit seinem Sohn (Screenshot Instagram/@cem.oezdemir)
"Mein Sohn und ich spielen schon mal die Sondierungen durch": Cem Özdemir bietet auf Instagram eine bunte Mischung (Screenshot Instagram/@cem.oezdemir)
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Häh? Ich verstehe überhaupt nicht, was das ist."

Tara Wittwer wischt mit schnellen Daumenbewegungen über ihr Handy. Sie schaut sich beliebte Instagram-Profile deutscher Politiker an. Aber manch einer lässt sie ratlos zurück:

"'So sieht's in Bayern aus.' Das ist schön. Aber warum bist du denn in Bayern? Machst du da was, wohnst du da?"

Wittwer ist Bloggerin und kennt sich aus in Sachen Selbstvermarktung. Die 27-Jährige schreibt über Essen und Mode, auf Instagram interessieren sich gut 25.000 Abonnenten für ihre Fotos. Meist ist sie selbst zu sehen, mal mit Chanel-Handtasche vor dem Eiffelturm, mal mit Gebäck im Café und mal im Schlabberlook in der Küche. Sie zeigt viel Privates, das suggeriert Nähe. Den Betrachtern gefällt es, glaubt man den Kommentaren. Ähnlich direkt möchten auch Politiker mit potentiellen Wählerinnen und Wählern kommunizieren. Immer mehr von ihnen stellen sich selbst und ihre Arbeit auf Plattformen wie Instagram aus – aber häufig täten sie das noch etwas lieblos, sagt Tara Wittwer.

"Die meisten Leute, die nicht Generation Y sind, die wissen, es gibt da so eine Plattform für Fotos und das geht schnell und dann postet man ein Bild und macht sich keine Gedanken darüber." 

"So erreicht man keine Leute und keine Begeisterung"

Wittwer berät auch Unternehmen bei ihren Online-Auftritten. Sie weiß, worauf sie achten muss. Ein schneller Blick und ihr Urteil steht fest. Zum Beispiel über Julia Klöckner von der CDU. Die neue Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft hat immerhin gut 9.000 Follower auf Instagram.

"Sie postet einfach Fotos mit Hashtags drunter, also: #Gemüseeintopf. Sie wirkt nett, aber das könnte auch ein Account von Jutta, 43, aus Castrop-Rauxel sein."

Bei Julia Klöckner gibt es neben Gemüseeintopf viel Julia Klöckner zu sehen, bei ihrer Vereidigung im Bundestag, in Brüssel oder beim Osterspaziergang.

"Sie teilt Momente ihres Lebens. Aber sie erzählt nichts dazu. Dieser Account ist eher für Leute gemacht, die sie kennen. Aber so erreicht sie keine Leute und keine Begeisterung für das, was sie vertritt."    

Wie sieht es bei Andreas Scheuer aus, CSU, gut 6.000 Abonnenten und immerhin Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur? Der sollte es ja können als Mann vom Fach.

"Auch er benutzt seinen Kanal nicht für Politik. Die ganzen Leute nutzen ihre Reichweite und Bekanntheit überhaupt nicht, um irgendwie darauf aufmerksam zu machen, für was sie einstehen."

Was wollen die Nutzer?

Liegt hier also ein Missverständnis vor? Wollen die angeblich so politikfernen Jugendlichen und jungen Erwachsenen doch etwas mehr Substanz als nur hübsche Bilder und ein paar flotte Sprüche? Es ist kompliziert, sagt Tara Wittwer. Denn einerseits stimme es schon, dass sie sich kaum für Politik interessiere. Sie habe keinen Fernseher, Nachrichten lese sie höchstens als Push-Mitteilung auf dem Handy. Andererseits sei es gerade deshalb einen Versuch wert, sie und ihre Altersgenossen auf ihren vertrauten Kanälen zu gewinnen:

"Und ich denke auch, dass die Politiker das wissen, sonst wären sie ja nicht dort angemeldet. Sie wissen das aber noch nicht zu nutzen, weil sie auch einfach nicht in diesem Alter sind, dass sie das richtig verstehen können. Meine Mutter ist auch gerade 50 und sie macht das genauso, ihr Account sieht genauso aus."

Tiefschlag. Ein Vergleich mit der Internetnutzung der eigenen Eltern – viel vernichtender kann das Urteil von Digital Natives wohl nicht ausfallen. Aber gibt es auch Politiker, die es besser machen? Tara Wittwer findet: ja. FDP-Chef Christian Lindner zum Beispiel, im Wahlkampf gern verlacht wegen seines verträumten Blicks auf den Plakaten. Die Bloggerin mag seinen Account:

"Dieses Profil ist eine gute Mischung aus professionellen Fotos und privaten Dingen. Mir gefällt dieses visuelle Storytelling. Es ist relativ ästhetisch dafür, dass es kein ästhetischer Account sein soll und muss."

Cem Özdemir - "der nette Typ von nebenan"

Am besten aber schneidet in Wittwers Schnelltest Grünen-Politiker Cem Özdemir ab:

"Er wirkt halt wie der nette Typ von nebenan, das triggert halt, das macht sympathisch."

Und er ist auch der Einzige, der Tara Wittwer mit einer politischen Aktion in Erinnerung geblieben ist: "Das war doch der mit der Rede, ne?"

Özdemirs Abrechnung mit der AfD im Bundestag wurde Ende Februar millionenfach im Netz geteilt und geklickt. Auch der ehemalige Grünen-Chef selbst ist darauf stolz: Auf seinen Profilen bei Instagram und Facebook habe er damit alle Rekorde gebrochen, berichtet Özdemir in seinem neuen Bundestagsbüro:

"Das sind so die paar Momente, wo man wirklich weit über das klassische Milieu hinaus Leute erreicht. Und der Gradmesser ist für mich immer, wenn ich auf der Straße unterwegs bin und von Leuten angesprochen werde, wo ich merke, das sind die, die einen sonst nicht ansprechen würden."

Özdemir bietet bei Instagram eine bunte Mischung: Er zeigt sich im Stadion des VfB Stuttgart, postet Kommentare gegen Waffenexporte oder ein Bild mit dem neuen Album des Rappers Eko Fresh. Kürzlich gab es ein Foto vom Umzug in sein neues Büro, samt Hinweis auf seine neue Aufgabe als Bundestagsabgeordneter.

"Wie ich da die erste ausgepackte Kiste raustrage. Und da kann ich dann en passant noch mal sagen: Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur, Vorsitzender, und dann hat man das quasi gleich mittransportiert."

"Ist das ein Termin für einen Tweet?"

Denn eine Botschaft sollen seine Postings stets haben. Die meisten Bildideen kämen von ihm selbst, berichtet Özdemir. Und meistens poste er auch selbst. Technische Unterstützung hole er sich schon mal bei seiner zwölfjährigen Tochter und die Mitarbeiter seines Bundestagsbüros würden auch helfen. 

"Ich gestehe, nicht alle Ideen überleben es, viele Dinge werden von den Mitarbeitern gefiltert."

Die Online-Foren seien heute fester Bestandteil seiner Terminplanung. Wo früher nur die Frage im Raum stand, welche Zeitung oder welcher Fernsehsender eingeladen wird, wird heute vorher festgelegt, auf welchem sozialen Kanal Özdemir selbst berichtet: 

"Ist das ein Termin für einen Tweet, ist das ein Termin für Instagram, ein Termin für Facebook oder ist es gar ein Termin für alle drei?"

Das nimmt viel Zeit in Anspruch, deshalb hat Özdemir gerade eine studentische Aushilfe eingestellt. Der Aufwand lohnt sich offenbar, bei Tara Wittwer zumindest kommt der Politiker gut an:

"Cem Özdemir macht das wirklich gut. Man sieht eine coole Sache und schreibt ihm weitere Eigenschaften zu, so funktioniert halt Marketing. Und das nutzt er gut und der Rest noch nicht so. Aber was nicht ist, kann ja noch werden."

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