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StartseiteCampus & KarriereForscher: Einige Bundesländer vernachlässigen politische Bildung28.03.2019

Politikunterricht im VergleichForscher: Einige Bundesländer vernachlässigen politische Bildung

Während Schülerinnen in Niedersachsen viel Politikunterricht hätten, sei laut einer Studie in Bayern das Gegenteil der Fall. Damit Schüler als kompetente Demokraten die Schule verließen, müsse Politik ab Sekundarstufe I in allen Klassen unterrichtet werden, sagte Sozialwissenschaftler Reinhold Hedtke im Dlf.

Reinhold Hedtke im Gespräch mit Thekla Jahn

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11.02.2019, Berlin: Zwei Schülerinnen melden sich im Unterricht Foto: Annette Riedl/dpa | Verwendung weltweit (dpa / Annette Riedl)
"Gebt den Kindern und Jugendlichen Zeit, sich mit Politik und ihren eigentlichen Werten und Zielen auseinanderzusetzen", forderte Mit-Studienautor Reinhold Hedtke im Dlf (dpa / Annette Riedl)
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Thekla Jahn: Unser Grundgesetz, was steht drin? Die wenigsten wissen es auf Anhieb, weshalb wir im Deutschlandfunk übrigens eine Serie gestartet haben, die näher auf die einzelnen Artikel eingeht und die auf unserer Homepage nachzulesen ist. Aber es ist ja nicht das Grundgesetz allein, das die meisten nicht kennen. Was ist ein Verhältniswahlrecht, wie entstehen Überhangmandate, wer sitzt im Bundesrat, wann kommt die Bundesversammlung zusammen? Fragen, auf die eigentlich jeder von uns sofort eine Antwort parat haben sollte, aber – nun ja, politisches Wissen, wo soll es herkommen? Im besten Fall aus der Schule. Doch in Deutschland ist die politische Bildung nicht allen Bundesländern gleich wichtig, so das Ergebnis eines Rankings, das Forscher der Universität Bielefeld erstellt haben. Und einer davon ist nun am Telefon, Professor Reinhold Hedtke, schönen guten Tag!

Reinhold Hedtke: Schönen guten Tag!

Jahn: Herr Hedtke, wo sind die Schüler politisch weitgehend unbeleckt?

Hedtke: Na ja, wir haben Bundesländer, die extrem wenig politischen Unterricht geben im Vergleich zu anderen Bundesländern und zum Bundesdurchschnitt. Das sind insbesondere Bayern, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Berlin. Und es schwankt immer ein bisschen, welche Schulform man sich genau anguckt. Aber das sind Länder, die man auf jeden Fall nennen muss, sie haben ungefähr 0,5 Prozent der gesamten Lernzeit am Gymnasium in Bayern für Politik zur Verfügung gestellt.

Hedtke: Haben fünf bis sechs Länder, wo man relativ gut aufgestellt ist

Jahn: Und wo leben die politisch hochgebildeten deutschen Schüler?

Hedtke: Wir sagen mal vorsichtig, diejenigen, die relativ viel Politikunterricht bekommen, die leben zum Beispiel in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hessen, Brandenburg auch ein wenig und Bremen. Wir haben also fünf bis sechs Länder, wo man relativ gut aufgestellt ist, was die Stundenzahl angeht.

Jahn: Wie erklären Sie sich das, dass den Bayern das nicht wichtig ist, dass ihre Schüler politische Bildung erlangen, und den Nordländern das viel wichtiger zu sein scheint?

Hedtke: Ich muss ehrlich gestehen, dass wir darauf wissenschaftlich keine genaue Antwort haben. Das wäre eine andere Untersuchung, die man machen müsste. Man kann aber erst mal sagen, dass die Länder Traditionen in der Stundentafel haben, also zum Beispiel wenig Politikunterricht oder mehr Politikunterricht, die sich über die Jahrzehnte hinweg fortpflanzen und fortsetzen, relativ unabhängig davon, wie eigentlich die politische Zusammensetzung der jeweiligen Landesregierung ist.

Jahn: Jetzt ist es ja auch relativ schwierig, politische Bildung zu messen, denn es gibt ja nicht nur den Politikunterricht, sondern politische Bildung taucht ja auch in anderen Bereichen auf, in Geografie, in Sozialkunde, möglicherweise auch im Deutschunterricht. Wie können Sie da überhaupt die politische Bildung der Schüler eruieren?

Hedtke: Sagen wir mal so: Wir haben uns angeschaut, was sind denn die politischen Entscheidungen. Und die politischen Entscheidungen, die fallen im Wesentlichen über die Stundentafel, also wie viele Stunden soll jedes Fach erhalten, welche Fächer gibt es, und dann natürlich über die Lehrpläne. Wir haben uns die Stundentafel angeguckt. Wir haben uns also die politische Entscheidung angeschaut, wie viel Lernzeit soll auf ein Fach entfallen, was politische Bildung macht, wie viel Lernzeit verfällt im Vergleich dazu auf Fächer wie Geschichte oder Geografie, das ist das, was wir uns angeschaut haben. Und damit können wir sehr genau messen, wie eigentlich die bildungspolitische Schwerpunktsetzung ist, was den Bildungspolitikerinnen wichtig ist und was ihnen eher nicht wichtig ist.

"Wir nennen das eine Kultur der Mittelmäßigkeit"

Jahn: Wie wichtig ist denn politische Bildung in Ihren Augen?

Hedtke: Ich glaube, wir haben einige Bundesländer, die politische Bildung – gemessen am Schulfach und der Zeit dafür – wirklich vernachlässigen. Dazu gehören die schon genannten, Bayern, Thüringen, Berlin, aber auch Rheinland-Pfalz, und wir haben einige, die das so mehr oder weniger nicht besonders interessiert. Wir nennen das eine Kultur der Mittelmäßigkeit, also zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und andere Länder. Wir glauben einfach, dass es eines wirklichen politischen Programms, eines politischen Projektes bedarf, die Herausforderung zu sehen und zu sagen, wir müssen uns mal angucken, wie ist die politische Bildung bei uns eigentlich aufgestellt und was müssen wir tun, damit die Kinder und Jugendlichen wirklich als kompetente Demokratinnen und Demokraten die Schule verlassen.

Jahn: Ist das denn manchen Landesbildungsministern und –ministerinnen nicht klar?

Hedtke: Diejenigen, die relativ wenig Zeit für das Schulfach der politischen Bildung geben, die reden sich ja gerne raus mit dem, was sie vorhin angesprochen haben. Ja, auch in Geschichte und Geographie findet natürlich politische statt, politische Bildung ist ein Unterrichtsprinzip in allen Fächern, alle Lehrerinnen und Lehrer sind für die Demokratie verantwortlich. Aber dafür müssten die Lehrerinnen und Lehrer ja auch alle ausgebildet sein. In ihrem Studium hätten sie also politische Bildung auch studieren müssen, ein wenig zumindest. Das ist aber nicht der Fall – und sie sagen ja nicht umgekehrt, wir brauchen gar nicht so viel Geschichtsunterricht, weil Geschichte findet auch in Deutsch statt, findet in Musik statt, in Kunst, in Englisch, da können wir von der Geschichte ein bisschen bei den Stunden kürzen. Das ist ein Spezialargument, was immer für die politische Bildung angewendet wird, um sie kleinzuhalten.

Jahn: Gibt es eigentlich ein Recht auf politische Bildung in Deutschland?

Hedtke: Wir haben einige Landesverfassungen, die ausdrücklich festschreiben, dass Sozialkunde oder Staatsbürgerkunde oder politische Bildung regulär an den Schulen zu unterrichten ist, manchmal sogar als Schulfach. Und wir haben die Situation, dass die Regierungen, die Länderregierungen, sich verpflichtet fühlen sollten, doch die Jugendlichen als kompetente Demokratinnen in das Erwachsenenleben zu entlassen. Und da sehen wir ein Problem: Wenn das in einigen Ländern so gut wie gar nicht geschieht – oder vergleichsweise schlecht, sagen wir vorsichtig, vergleichsweise schlecht –, sodass sie eigentlich ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, weil wir leben in einem einzigen Staat, in einer Bundesrepublik, in einer Demokratie, und da sollten alle Bürgerinnen und Bürger politisch ungefähr gleich kompetent sein.

"Glauben, dass das Ranking 2018 auch weitere Wirkungen erzielen wird"

Jahn: Damit sie an der Demokratie auch teilhaben können, sich engagieren können. Sie haben dieses "Ranking Politische Bildung" schon einmal gemacht, 2017. Es hat sich, wie die Ergebnisse zeigen, nicht sehr viel seither verändert. Was glauben Sie, wird beim nächsten Ranking herauskommen im nächsten Jahr, ist da Besserung in Sicht, können Sie das abschätzen?

Hedtke: Ja, wir können sehen, dass unser erstes Ranking für das Jahr 2017 durchaus Verbesserungen in der Bildungspolitik erzielt hat. Wir sehen in Berlin, in Sachsen und in Rheinland-Pfalz eine Verbesserung der Stundenzahl für das Fach der politischen Bildung oder dass die politische Bildung jetzt schon in der Klasse 7 anfängt und nicht erst in der Klasse 9. Und wir glauben, dass das Ranking 2018 auch weitere Wirkungen erzielen wird. Wir hoffen also darauf, dass wissenschaftliche Ergebnisse politische Entscheidungen nach sich ziehen.

Jahn: Welche Forderungen stellen Sie auf, damit sich beim Ranking etwas verbessert in Richtung Egalität zwischen den Bundesländern?

Hedtke: Wir glauben zum einen, dass die Entwicklung einer politischen Identität und des demokratischen Denkens und politischer Grundorientierung Zeit braucht. Deswegen sagen wir, politische Bildung muss durchgängig in allen Klassenstufen, in allen Klassen der Sekundarstufe I unterrichtet werden, das wäre die erste Forderung. Gebt den Kindern und Jugendlichen Zeit, sich mit Politik und ihren eigentlichen Werten und Zielen auseinanderzusetzen! Und die zweite Forderung, die wir sagen: Stellt eine Mindestzahl zur Verfügung, gebt mindestens vier Prozent der gesamten Unterrichtszeit in der Sekundarstufe I für politische Bildung! Dann sind wir einigermaßen gut aufgestellt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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