Dienstag, 16. August 2022

Umgang mit Krisen
Wie ehrliche politische Kommunikation gelingen kann

In der Politik geht es darum, das Zusammenleben zu gestalten. Doch politische Debatten würden sich meist nur um Zustimmungswerte und Personenfragen drehen, meint Medienpsychologin Maren Urner. Sie schlägt drei Zutaten vor, mit denen echte politische Kommunikation gelingen kann.

Ein Gastkommentar von Maren Urner, Medienpsychologin | 25.06.2022

Ministerpraesidentenkonferenz im Bundeskanzleramt: Bundeskanzler Olaf Scholz gemeinsam mit Ministerpräsident Markus Söder und Finanzminister Christian Lindner
Wir brauchen eine politische Kommuniktion, die sich nicht in Eitelkeiten und Machtkämpfen verliert, kommentiert Maren Urner (IMAGO/Political-Moments)
Die Zeiten, in denen Politiker:innen eine Krise nach der anderen abarbeiten konnten, sind vorbei. Stattdessen stehen sie – und damit wir alle – vor einer Art Jenga-Turm aus vielen Krisenbausteinen. Wie bei dem beliebten Gesellschaftsspiel droht der Turm jederzeit einzustürzen, vor allem wenn der Fokus auf einem falschen Baustein landet.

Zustimmungswerte und Personenfragen statt politischer Debatten

Die Psychologie lehrt uns: Wenn alles zu viel zu werden scheint, hilft vor allem eins – Ruhe bewahren. Also das, was dann am schwersten fällt. Doch nur dann können wir den Blick aufs große Ganze richten - und die vermeintlich naive Frage zu stellen: Was war nochmal die Aufgabe von Politik und damit auch von politischer Kommunikation?

Politik ist „auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Handeln von Regierungen, Parlamenten, Parteien und Organisationen“ weiß der Duden. Es geht also darum, unser Zusammenleben zu gestalten. Doch drehen sich politische Debatten meist um Zustimmungswerte und Personenfragen einzelner Politiker:innen und Parteien. Es geht zu oft um Farbenspiele rund um die Frage, wer mit wem kann oder nicht können wird. Das ist angesichts der eigentlichen Aufgabe von Politik nicht nur unangemessen, sondern schlichtweg falsch. Die wichtigste Frage lautet also: Wie sieht echte politische Kommunikation aus, die ihrer Aufgabe und Verantwortung gerecht wird?

Sie braucht vor allem drei Zutaten – orientiert an drei Fragen:

Zutat 1: Konstruktive Kritik mit Blick nach vorn statt Sündenbocksuche

Hand aufs Hirn: Wer ist die elenden Debatten auch leid, in denen sich Politiker:innen im Tanz mit Journalist:innen in Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen verlieren? Was wir stattdessen angesichts von Klimakrise, Kriegen und anderen Konflikten dringend benötigen, ist eine nach vorn gerichtete Kommunikation, die fragt „wofür“ statt „wogegen“. Die sich nicht in Eitelkeiten und Machtkämpfen verliert, sondern immer ehrlich fragt und diskutiert: Worum geht es eigentlich wirklich? Nur dann kann eine sachorientierte Diskussion über die Gestaltung des jeweiligen Aspekts unseres Zusammenlebens gelingen.

Zutat 2: Grautöne abbilden und gemeinsame Interessen in den Fokus stellen statt Grabenkämpfe und Lagerdenken

Aus der Psychologie und den Neurowissenschaften wissen wir, wie schnell wir in Gruppen denken. So auch, wenn es um Parteizugehörigkeiten und damit verbundene Schwarz-Weiß-Zuordnungen geht. So sind wir ständig für oder gegen etwas. Echte politische Kommunikation, die sich wirklich darum dreht, wie wir arbeiten, wohnen und reisen wollen, darf nicht die Frage nach parteipolitischer Zugehörigkeit in den Fokus stellen, sondern muss stets fragen: Was, wenn wir es wirklich wollen? Nur dann können die komplexen Fragen unserer Zeit, zukunfts- und gemeinwohlorientiert diskutiert werden.

Zutat 3: Auswirkungen anerkennen statt Parolen und Slogans

Freiheit, Nachhaltigkeit, Normalität, … – egal, was auf Wahlplakaten steht oder mit welchen Begriffen Politiker:innen mal nachlässig und mal sehr kalkuliert um sich werfen. Sie bedienen dabei stets bestimmte Vorstellungen und Narrative in den Köpfen der Empfänger:innen. Denn jede Information verändert das Gehirn. Darum reichen Begriffe allein nicht aus, sondern muss echte politische Kommunikation sich ihrer Verantwortung auch darin bewusst werden, dass sie Menschen immer beeinflusst. Wie könnte sie das angesichts der zentralen Aufgabe unser Zusammenleben zu gestalten, besser tun, als zu fragen: Was kann jede und jeder Einzelne – was kann ich – tun? Mit diesen drei Zutaten kann echte politische Kommunikation gelingen, denn die ist vor allem eins: Ehrlich. Warum genau das mehr als ein netter Schachzug ist: Weil angesichts von Klimakrise und den damit einhergehenden globalen Veränderungen, die ohnehin auf uns alle zukommen, zu viel auf dem Spiel steht. Nämlich alles.