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StartseiteInformationen am MorgenEine fast heilige Institution17.02.2015

Politische Satire in IsraelEine fast heilige Institution

Satire darf in Israel fast alles - auch die politische. Allerdings gibt es Grenzen, wenn es um Witze über das Judentum geht. Verwechselt der Satiriker Bühne und echtes Leben, ist schnell Schluss mit lustig.

Von Torsten Teichmann

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lacht auf einem Wahlkampftermin. (AFP / Jack Guez)
Die Satiriker hauen auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in die Pfanne. (AFP / Jack Guez)
Weiterführende Information

Französische Juden - Aus Angst nach Israel
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 18.01.2015)

Juden in Paris - Trauern und bleiben
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 16.01.2015)

Politische Satire durchbricht in Israel manchmal Schmerzgrenzen. Die bekannteste Sendung im Fernsehen heißt "Erez Nehederet" - "Wunderbares Land". Ein Beispiel daraus: Nach den Anschlägen von Paris forderte Israels Regierungschef Netanjahu jüdische Franzosen auf, nach Israel auszuwandern. Obwohl das Land seit dem Gaza-Krieg im vergangenen Sommer nicht zur Ruhe gekommen ist. Also schlüpft einer der Schauspieler der Sendung in die Rolle eines Franzosen. Er spricht Hebräisch mit starkem Akzent:

"Ich bin Patrick Cavaisan, ich bin in Israel eingewandert. Ich wohne in Jerusalem, Netanya, Ashdod. In Paris fühlte ich mich nicht sicher wegen Moslems. Darum in Israel - ein starker Staat, wir haben eine starke Armee. Darum bin ich hier in Israel am Leben."

Der Mann dreht sich um, ihm steckt ein Messer im Rücken und er bricht zusammen. Manchmal ist es erstaunlich, was alles geht. Dabei hatte erst jüngst das Büro von Ministerpräsidenten Netanjahu in die Zusammensetzung einer Literaturjury eingreifen wollen. Vertreter der Mitte werden im Wahlkampf als Linksextreme, Terroristen-Versteher und Anti-Zionisten verhöhnt. Aber politische Satire sei für Politiker etwas anderes, sagt der Produzent der Sendung Muli Segev.

"Die respektieren die Satire als Einrichtung in Israel. Die Kultur der Satire ist beinahe heilig. Das ist auch eine jüdische Tradition."

Ein Witz vor jeder Thora-Stunde

Im Judentum seien Religion und Humor kein Gegensatz, schreibt der Autor Yitzhak Buxbaum. Vielmehr müsse ein Rabbiner dringend Sinn für Humor haben. Buxbaum beruft sich auf den Talmud - die Auslegung der Texte der Thora. Danach erzählt ein guter Lehrer seinen Schülern vor jeder Thora-Stunde einen Witz. Um den Verstand der Lernenden zu erweitern.

Allerdings gibt es bei Humor über jüdische Religion eine rote Linie. Sehr genau wird in Israel darauf geachtet, bis wohin Satire in diesem Fall geht und ab welchem Punkt antisemitische Klischees beginnen.

Und noch etwas: Verwechselt der Satiriker Bühne und echtes Leben, ist schnell Schluss mit lustig. Im vergangenen Sommer hatte die Schauspielerin Orna Barnai das Vorgehen der israelischen Armee während des Gaza-Krieges infrage gestellt. Sie wurde öffentlich beschimpf und bedroht. Im Vergleich dazu wirkt die Satire kurz vor der Wahl dann doch häufig zahm und gefällig:

"Wir haben die Charaktere und Kandidaten beobachtet. Wir machen unser Ding. Und welche Schlüsse unsere Zuschauer ziehen, ist deren Sache."

Die Kommunikationswissenschaftlerin Meital Balmas-Cohen von der Hebräischen Universität hat herausgefunden, dass die Sendung bei Zuschauern vor allem die Entfremdung und den Zynismus gegenüber Politikern fördert. Doch die Begeisterung über die Späße ist so groß, dass die Strategen um Regierungschef Netanjahu nun selbst auf Comedy-Einspieler setzten. In einem Wahlkampfspot ist Netanjahu der Bibi-Sitter, statt Babysitter. Der Mann, dem das Volk seine Kinder anvertraut. Womöglich ist das aber nur eine neue Vorlage für Satire in Israel.

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