Samstag, 20.04.2019
 
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Politischer Aschermittwoch Müdes Gemecker

Der politische Aschermittwoch als Pflichttermin - die Traditionsveranstaltung habe ihren ursprünglichen Charakter verloren, kommentiert Silke Hellwig im Dlf. Es gehe schon lange nicht mehr darum, dass sich Wähler mit Gewählten auseinandersetzen, sondern einzig um die Selbstvermarktung der Parteien.

Von Silke Hellwig

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Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Bundesvorsitzende, und Vincent Kokert, Landesvorsitzender der CDU Mecklenburg-Vorpommern, stoßen beim 24. Politischen Aschermittwoch der CDU Mecklenburg-Vorpommerns mit anderen Teilnehmern mit Bier an. (dpa / Danny Gohlke)
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nutzte den politischen Aschermittwoch ihrer Partei, um sich in eigener Sache zu äußern (dpa / Danny Gohlke)
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Franz Josef Strauß hätte gestaunt: Der Christsoziale stand von 1953 an 35 Mal auf der Bierzelt-Bühne, erst in Vilshofen, dann in Passau - als CSU-Generalsekretär, Bundesminister, Ministerpräsident und Parteichef. Im Jahr 2019 hätte er feststellen müssen, dass der politische Aschermittwoch nicht mehr das ist, was er einmal war. Das gilt nicht nur für die Veranstaltung der Grünen im baden-württembergischen Biberach, bei der von Blasmusik weit und breit nichts zu hören war und Kaffee ausgeschenkt wurde. 

Die Traditionsveranstaltung hat generell ihren ursprünglichen Charakter verloren beziehungsweise verändert. Das kann niemanden ernsthaft erstaunen: Die Geschichte des politischen Aschermittwochs reicht bis ins Jahr 1919 zurück. Seine Ursprünge liegen in einem Viehmarkt, den Bauern nutzten, um mit der königlich-bayerischen Regierung abzurechnen. Abgerechnet wird bis heute, allerdings geht es schon lange nicht mehr darum, dass sich Wähler mit Gewählten auseinandersetzen: Der politische Aschermittwoch ist ein willkommener Anlass zur Selbstvermarktung für alle Parteien. 

Simultandolmetscher für Europawahlkampf

Und es funktioniert: Mediale Aufmerksamkeit ist den Redner weiterhin gewiss. Zum 100. politischen Aschermittwoch waren 40 internationale Medien und mehr als 200 Journalisten in Passau vertreten. Die CSU hatte erstmals eigens einen Simultanübersetzer verpflichtet, der die Reden ins Englische übertrug. Nicht aber das Jubiläum war der Anlass, sondern der Europawahlkampf, der die Inhalte über weite Teile bestimmte, und der Auftritt des Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber, der EU-Kommissionspräsident werden könnte.

So geriet der politische Aschermittwoch zu einer eher lahmen Wahlveranstaltung vor den jeweils eigenen Parteifreunden. Im Grunde wurde nichts gesagt, was nicht auch schon vorher gesagt wurde und in den nächsten Wochen wiederholt werden wird. Die SPD arbeitete sich an ihrem Koalitionspartner ab, die CDU ebenfalls, die Grünen an der Regierungskoalition, insbesondere an der CDU und ihrer neuen Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. 

Die wiederum äußerte sich in eigner Sache, nämlich zu den Reaktionen auf ihren Fastnachtsscherz über Toiletten für das dritte Geschlecht.

Die CSU attackierte die Grünen und die AfD, die AfD stellte sich gegen alle anderen. 

Die Themen boten ebenfalls wenig Überraschungen: Neben Europa ging es um die Zuwanderungs- und die Sicherheitspolitik, den Klimaschutz, die Grundrente, den Handelsstreit mit den USA und den Umgang mit den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. 

Ton ist generell ruppiger geworden

Der politische Aschermittwoch ist ein Ritual, ein Pflichttermin. Das Interesse der Besucher und Beobachter ist getragen von der Hoffnung, dass die Redner für ihre politische Konkurrenz derbe Vergleiche finden oder drastische Bilder wählen, die in den Zitatenschatz eingehen. Was einst im Ausnahmezustand eines politischen Aschermittwochs trotz aller Derbheit allgemeine Akzeptanz fand und nicht großartig nachgetragen wurde, fußte auf einer gemeinsamen Verabredung: Parteianhänger sollten sich in der Abgrenzung zu anderen ihrer selbst vergewissern können. Statt dröger Programmatik stand der politische Aschermittwoch für das, was man heute Infotainment nennt. Doch daraus ist längst Programm für 365 Tage im Jahr erwachsen.

Pöbeln und polarisieren, Schmähungen und Häme sind schon lange nicht mehr den Bierzelt-Auftritten nach dem Karneval vorbehalten. Die Gesellschaft verroht, der Diskurs im Internet entgleist im Schutz der Anonymität, und der Ton in der politischen Auseinandersetzung ist generell polemischer, provokativer und ruppiger geworden - nicht nur, aber auch durch soziale Netzwerke, nicht nur, aber auch durch die Auseinandersetzungen mit der AfD. 

Der politische Choleriker Franz Josef Strauß würde heutzutage als solcher entsprechend kaum auffallen im Kanon der Stimmen, die in ihrer Kritik an der politischen Konkurrenz die verbale Keule dem Florett vorziehen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Nicht nur Strauß' Verortung "Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben", die Mitte der 1980er-Jahre den Republikanern galt, wäre 2019 in Vilshofen alles andere als deplatziert gewesen. Auch zu Europa hatte Strauß schon 1962 im Bierzelt Stellung bezogen: "Europas Einheit ist nicht eine Bedrohung für irgendjemand. Aber Europas Einheit ist die Rettung für uns alle."

Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig hat volontiert bei der "Hessisch-Niedersächsischen" Allgemeinen und deren (einstiger) Tochter "Mitteldeutsche Allgemeine", danach war sie Redakteurin in Thüringen und Nordhessen. Sie wechselte zum "Weser-Kurier", anschließend ein Jahr bei der "FAZ", danach rund zehn Jahre bei Radio Bremen Fernsehen (Reporterin, CvD, Abteilungsleiterin). Währenddessen eine Zeit lang freie Tätigkeit für die "Zeit". Seit fünf Jahren ist sie Chefredakteurin beim "Weser-Kurier".

  

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