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Startseite@mediasresDie Kunst des guten Interviews10.04.2020

Politischer JournalismusDie Kunst des guten Interviews

Konfrontativ, informativ oder sterbenslangweilig - Interviews können vieles sein. Hier laufen die Befragten zur Höchstform auf oder lassen sich in die Ecke drängen. Doch wie geht der Interviewer vor? Wie bereitet man sich vor, wie hält man durch und was muss getan werden, damit am Ende alle etwas davon haben?

Von Stefan Fries

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) ist zu Gast in der von Bettina Schausten moderierten ZDF-Sendung "Berlin direkt" am 27.08.2017 in Berlin. Das ZDF-Sommerinterview wird am 27.08.2017 um 19.10 Uhr ausgestrahlt. Foto: Jörg Carstensen/dpa | Verwendung weltweit (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)
Moderatorin Bettina Schausten interviewt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) für das ZDF-Sommerinterview 2017 (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)
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Wenn wir etwas wissen wollen, kommen wir oft nur mit Fragen weiter. Um die passenden Antworten zu bekommen, müssen wir die richtigen Fragen stellen.

Für uns Journalisten und Journalistinnen ist das Alltag – und Handwerk. Und doch bekommen wir nicht immer die Antworten, die wir uns erhoffen. Weil wir keine guten Fragen stellen – oder weil unsere Interviewpartnerinnen die nicht beantworten wollen.

Worin liegt die Kunst des politischen Interviews? Wie bereiten sich erfahrene Interviewerinnen und Interviewer darauf vor? Wie sehen sie ihre Rolle? Wie führen sie den Interviewpartner durchs Gespräch, wo greifen sie ein, wo nicht – und wie gehen sie mit den Gesprächsstrategien ihres Gegenübers um?

Jeden Tag werden im deutschen Radio und Fernsehen Dutzende Interviews geführt, jedes Jahr sind es Tausende. Die meisten davon sind unspektakulär. Frage, Antwort, Frage, Antwort. Aber manchmal tanzen beide Seiten aus der Reihe: Der Interviewpartner wendet eine besondere Taktik an, die Interviewerin fällt aus der Rolle.

Diese Interviews interessieren uns, denn an ihnen kann man viel leichter erklären, was so ein Interview eigentlich ist, nach welchen Regeln es funktioniert und was passiert, wenn eine Seite gegen die Regeln verstößt.

Natürlich hat nicht jedes Interview einen hohen Unterhaltungswert. Oft beantworten Politikerinnen durchaus die Fragen von Journalisten. Interessant – und unterhaltsam - wird es dann, wenn sie es nicht tun.

   

Warum eigentlich Interviews?

Sandra Schulz beim 5. Kölner Forum für Journalismuskritik. (David Ertl) (David Ertl)Sandra Schulz, Redakteurin und Moderatorin beim Deutschlandfunk: "Ich glaub, das Interview ist eine spannende, eine wahnsinnig direkte, eine wahnsinnig aufklärerische Formen sind der Berichterstattung und des Journalismus." 

"ZIB 2"-Studio im ORF mit Moderator Armin Wolf (dpa / picture alliance / ORF / Thomas Ramstorfer) (dpa / picture alliance / ORF / Thomas Ramstorfer)Armin Wolf, Moderator der "ZiB 2", dem täglichen Nachrichtenmagazin im österreichischen ORF-Fernsehen, vergleichbar mit den "Tagesthemen" und dem "heute journal": "Interviews sind eine der ganz wenigen Situationen, in denen sich Politiker jetzt jenseits dessen, dass sie vielleicht mal auf der Straße oder irgendwo normale Bürgerinnen und Bürger treffen, wo sie sich mit Widerspruch beschäftigen müssen."

heute journal-Moderatorin Marietta Slomka (dpa/ Axel Heimken) (dpa/ Axel Heimken)Marietta Slomka, Moderatorin des "heute journals" im ZDF: "Ich glaub, solche Interviews sind sinnvoll, weil es natürlich unsere Aufgabe ist, Kritik zu hinterfragen, diejenigen, die politische Entscheidung treffen, dann auch in die direkte Konfrontation zu bringen, dass sie eben auf Rückfragen, auf Nachfragen, vielleicht auch auf mehrere Nachfragen sich erklären müssen und dann hat der Zuschauer die Gelegenheit für sich selbst ein Urteil zu fällen. Wie gut das gelingt, auch manchmal nicht."

Die Interessenlage von Interviewer und Interviewtem ist höchst gegensätzlich, meint Armin Wolf: "Die wichtigste Tatsache über solche Politikerinterviews ist ja die, dass das nur so aussieht wie ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Das ist ja kein Gespräch zwischen zwei Menschen, wie man sich das normalerweise vorstellt. Sondern da geht es um einen öffentlichen Auftritt, da geht es um ein Gespräch, das für Dritte geführt wird. Das heißt, die Politiker kommen nicht ins Studio, weil die besonders daran interessiert wären, die Fragen zu beantworten. Die kommen auch nicht ins Studio, weil sie mich kennenlernen möchten, sondern die kommen ins Studio, weil sehr, sehr viele Menschen vor dem Fernsehapparat sitzen."

Und das hat Folgen, sagt Wolf, der dafür bekannt ist, dass er seine Interviews besonders gründlich vorbereitet. Politikerinnen und Politiker und ihr Pressestab überlegten sich strategisch, ob ihnen ein Auftritt gerade eher nütze oder ob ihnen die lästigen Fragen der Moderatorinnen und Moderatoren eher schadeten.

Kommunikationsprofi trifft Kommunikationsprofi

Armin Wolf: "Aber sie sind nicht interessiert an den Fragen. Sie sind interessiert an der Auftrittsmöglichkeit. Jetzt umgekehrt: Wir sind jetzt auch nicht so - das klingt jetzt ein bisschen zynisch - auch nicht so interessiert an den Antworten, weil ich kenne die Antworten im Normalfall schon. Ich habe alles, was der Gast zu diesem Thema je öffentlich gesagt hat, gelesen, wenn der ins Studio kommt. Ich weiß ziemlich genau, was der sagen wird. Ich stelle diese Fragen nicht für mich, sondern ich stelle die Fragen fürs Publikum. Das kennt ja die Antwort noch nicht. Das hieße jetzt aber für ein Gespräch eine ziemlich ungünstige Situation: Ich stelle Fragen, deren Antwort ich schon kenne, und der Gast will meine Fragen gar nicht beantworten, sondern in Wahrheit eine Wahlrede vor sehr vielen Menschen halten, und dazu läuft noch eine Uhr mit, und es gibt sehr wenig Zeit und im Normalfall ein sehr komplexes Thema."

Deswegen verfolgen Interviewpartner oft ihre eigenen Strategien. Weil die Fragen oft kritisch sind und sich mit Themen bzw. Aspekten beschäftigen, die für den Interviewpartner unangenehm sind, versucht er auf andere auszuweichen.

Beim Radio ist das nicht anders als beim Fernsehen, sagt Deutschlandfunk-Moderatorin Sandra Schulz: "Das sind ja alles auf der Gegenseite natürlich auch Profis, Kommunikationsprofis, die eben, wenn wir als Interviewerin und Interviewer das Ziel haben, Widersprüche kenntlich zu machen und irgendwie noch mal das Argument entgegenzuhalten, die ihre Message rüberbringen wollen. Das ist, denke ich, aus Gesprächspartnersicht vollkommen klar, was so die Punkte sind, die man unbedingt machen will. Und wenn es gut läuft in dem Interview, dann macht man die auch. Aber ich glaube nicht ehrlicherweise, dass ein Politiker, eine Politikerin mit der Erwartung ins Gespräch gehen: Ach, jetzt bin ich aber gespannt, was ich hier für spannende Fragen gestellt bekomme."

   

Wie man fragt

Journalistenschülerinnen und -schüler lernen, verschiedene Typen von Fragen zu unterscheiden. Eine offene Frage wäre so etwas wie: Wie geht's Ihnen? Woraufhin der Gesprächspartner viel oder wenig erzählen kann. Eine geschlossene Frage schränkt ihn auf wenige Alternativen ein, etwa wenn sie lautet: Geht's Dir wieder besser?

Offen oder geschlossen fragen

Sandra Schulz: "Also wenn ich weiß, dass der Gesprächspartner wenig Neigung haben wird, konkret auf meine Fragen zu antworten, dann werde ich viel mit geschlossenen Fragen antworten, also mit Fragen, die man mit Ja oder Nein beantworten kann, einfach um dann im nächsten Schritt die Möglichkeit zu haben, mit einer Nachfrage noch mal reinzugehen."

Marietta Slomka: "Und eine geschlossene Frage kann zuspitzend wirken und eine Antwort auch erzwingen oder ein Ausweichen deutlicher machen als eine offene Frage. Manchmal stelle ich aber auch ganz bewusst eher weiche, offene Fragen, damit der andere erst mal das loswerden kann, was er loswerden will. Das wird er eh. Das lässt sich gar nicht verhindern. Ein Politiker geht mit einer Botschaft in Gesprächen und die wird der los, egal wie. Und dann vielleicht besser, er lädt einmal ab und dann kann man loslegen und die geschlossenen Fragen stellen."

Nachfragen

Aber: Geschlossene Fragen, etwa vom Typ Ja/Nein, kann man nicht einfach so stellen – man muss bereit sein zu Nachfragen.

Das war Friedrich Nowottny in seinem legendären Interview von 1972 nicht. Der WDR-Fernsehjournalist und Moderator des "Berichts aus Bonn" führte ein kurzes Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt – nach dessen Konsultationen mit dem französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou.

Friedrich Nowottny: "War die Währungsfrage, die ungelöste europäische Währungsfrage, das schwierigste Problem der Konsultationen?"
Willy Brandt: "Ja."
Nowottny: "Und Sie haben dem Präsidenten keine Lösung von unserer Seite aus mit auf den Weg geben können?"
Brandt: "Doch."
Nowottny: "Haben Sie ihm die Termine genannt, die so wichtig sind, die Termine, die Festlegung des Wechselkurses der D-Mark?"
Brandt: "Nein."
Nowottny: "Und Sie sind sicher, dass er trotzdem befriedigt war?"
Brandt: "Ja."

Der damalige Studioleiter des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Friedrich Nowottny, aufgenommen während seiner Sendung "Bericht aus Bonn" am 19. September 1973.  (dpa / picture alliance / Heinrich Sanden)Moderator Friedrich Nowottny bei einer Aufzeichnung im Bonner Fernsehstudio (dpa / picture alliance / Heinrich Sanden)

Halboffen fragen

Für ORF-Moderator Armin Wolf gibt es neben offenen und geschlossenen Fragen auch eine Form dazwischen, die er halboffene Fragen nennt, etwa nach konkreten Fakten wie Wann oder Wo – einzusetzen vor allem bei Interviewpartnern, die gewöhnlich viel reden.

"Interviewprofis, also Interviewtenprofis fallen auf das natürlich nicht hinein, sondern sind in der Lage, auch auf die geschlossenste Frage eine sehr lange Antwort zu geben, wenn sie das möchten. Und der einfachste Trick ist natürlich zu sagen, so einfach kann man das nicht beantworten, sondern... Und dann kann man beliebig lang sprechen. Also insofern spielt die Art der Fragen bei wirklichen Profis unter den Interviewten weniger Rolle als man glauben möchte."

   

Die Rolle des Interviewers

"Ich spiele eigentlich im Interview immer den Gegner, ganz unabhängig von meiner eigenen Meinung. Ich habe immer den Hut des Widerspruchs auf", sagt Marietta Slomka. "Da geht es immer darum, Gegenposition abzufragen und kritisch nachzuhaken, was dann auch gern mal dazu führt, dass, wenn ich einen SPD-Politiker interviewe, freuen sich dessen politische Gegner und sagen: genau richtig. Während die eigenen Anhänger sagen, die ist ja bestimmt total konservativ, die Frau Slomka, 'ne Schwarze. Und umgekehrt kommt dann genau das Gleiche von der ganz anderen Seite."

Die Gegenpostition

Um diese Position einnehmen zu können, lesen sowohl Marietta Slomka als auch Armin Wolf und Sandra Schulz in ihrer Vorbereitung teils mehrere Stunden lang möglichst viel, was sie zum Thema finden können: um das Thema zu verstehen, um es einzugrenzen, um die Position des Gesprächspartners zu verstehen und die seiner Gegner.

Armin Wolf: "Es geht einfach darum, zur Position des Politikers Gegenargumente zu entwickeln. Die sind entweder ohnehin bekannt, weil sie in der politischen Diskussion schon vorhanden sind, und da kann man die Politiker einfach auch konfrontieren mit dieser Kritik. Und ansonsten, wenn sie noch nicht da sind, ist ja trotzdem jeder von uns in der Lage, völlig unabhängig von seiner eigenen politischen Meinung, zu jedem politischen Argument, sich auch Gegenargumente zu überlegen."

Der Meinungsvorwurf

Trotzdem passt es mancher Politikerin gelegentlich in den Kram, den Zuschauer oder Zuhörer glauben zu lassen, der Journalist halte ihr nicht einfach Gegenargumente vor, sondern mache sie zu seiner eigenen Meinung, so etwa CDU-Politikerin Julia Klöckner im Jahr 2016 im Interview im Deutschlandfunk:

Julia Klöckner: "Ich glaube, Frau Schulz, wir müssen jetzt die Geschichte mal ein bisschen sortieren. Denn die Geschichte, die Sie jetzt erzählen, ist die Lesart der Landesregierung."

Dabei sieht es Sandra Schulz als ihre Aufgabe, genau diese Rolle einzunehmen – im Idealfall die genaue Gegenposition zu der ihrer Interviewpartnerin, "weil wir davon überzeugt sind, dass ein Gespräch zwischen zwei Leuten, die sich in der Sache einig sind, dass die im schlimmsten Fall furchtbar langweilig zu hören ist - und dass es viel spannender ist, wenn du eine Argumentationslinie hörst und dann vom Interviewer aber quasi mit der Nase auf die Widersprüche gestoßen wirst, mit der Nase darauf gestoßen wirst, was jetzt vielleicht an Argumenten noch weggelassen wurde und was man vielleicht auch noch mit betrachten würde. Und deswegen versuchen wir uns immer die Gegenargumente zurechtzulegen."

Sandra Schulz: "Frau Klöckner, ich wollte noch die Verständnisfrage stellen. Sie sagen es ja selbst: Es ist noch sehr viel im Dunkeln. Wäre es dann nicht logischer zu sagen, wir klären erst mal auf, wir machen erst mal einen Untersuchungsausschuss, und je nachdem, was da rauskommt, kann man dann mit dem Misstrauensantrag kommen?"
Julia Klöckner: "Das ist auch wieder die Lesart der Landesregierung, der Ampelkoalition."

Einen ähnlichen Versuch unternahm Klöckner in der Diskussion über das Verhältnis der CDU zur Linkspartei, nachdem die CDU in Thüringen im Februar 2020 zusammen mit FDP und AfD einen Ministerpräsidenten gewählt hatte. Darüber sprach Klöckner im Deutschlandfunk-Interview mit Sarah Zerback

Sarah Zerback: "Ich wollte noch mal an das Schwarz-Weiß-Denken anknüpfen, Frau Klöckner. Muss man nicht zu diesem Zeitpunkt sagen, dass es höchste Zeit ist für eine Grundsatzdebatte über genau das, was Sie gerade beschreiben, nämlich über das Verhältnis zur Linkspartei? Ist es nicht Zeit, weniger dogmatisch zu sein, oder ist für Sie ein Björn Höcke genauso schlimm wie ein Bodo Ramelow?"
Julia Klöckner: "Es ist schön, dass es viele Anwälte aus dem Journalismus für Herrn Ramelow gibt, die für ihn in die Bresche springen."
Zerback: "Ich selber verstehe mich als Anwältin der Hörerinnen und Hörer, und es ist ja eine Frage, die vielen unter den Nägeln brennt, warum die CDU sich so stur an diesen Beschluss hält. Mich interessiert einfach, wie Sie das sehen."

Fragen für die Zuschauerinnen und Zuhörer

Eine Rolle, die auch Sandra Schulz, Marietta Slomka und Armin Wolf für sich in Anspruch nehmen: Fragen stellen, die auch die Zuschauerinnen und Zuhörer haben. Und das sind eben oft die kritischen Fragen, die mit den Gegenargumenten.

Sandra Schulz: "Also das könnte sein, dass wir manchmal mit dieser fehlerhaften Erwartung in das Interview reingehen, dass man das Gefühl hat, ich frage jetzt hier so lange nach, bis mein Interviewpartner, meine Interviewpartnerin auch zugibt: Ja, stimmt, das ist nicht so plausibel, ich werde das ab jetzt anders sehen. Aber wir wissen natürlich alle bei Lichte betrachtet, dass das niemals passieren wird. Und es ist auch professionellerweise natürlich nicht unser Ziel."

Vorbereitung

Interviewer überlegen sich vorher eine Reihe von Fragen, die sie ihrem Interviewgast stellen wollen. Dabei gehen Armin Wolf, Sandra Schulz und Marietta Slomka unterschiedlich vor. Während sich Wolf und Schulz durchaus ein paar konkrete Fragen überlegen, erstellt sich Slomka aus all dem, was sie gelesen hat, nur einen Zettel mit Stichworten.

Marietta Slomka: "Ein Zettel mit Fakten und natürlich so ein paar Stichworte mit Fragezeichen. Und die Einstiegsfrage, die formuliere ich in der Regel aus, die muss sitzen. Dann folgt eine Antwort auf die Einstiegsfrage, und dann spiele ich frei. Und ich glaube, dass das auch die bessere Variante ist. Also ich halte überhaupt nichts davon, sich an vorher ausformulierten Fragen entlangzuhangeln. Das macht dann unfrei, man hört dann auch nicht richtig zu. Man kann dann auch nicht mehr spontan formulieren, das sollte man nicht tun als Interviewer." 

   

Die Konfrontation

Die Konfrontation ist das Mittel zum Zweck. Zum Beispiel bei der schon erwähnten, denkwürdigen Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten im Februar 2020 mit den Stimmen von FDP, CDU und auch AfD. Besonders FDP-Politiker gaben sich nach der Wahl überrascht über das Abstimmungsverhalten der Rechtspopulisten – darunter auch Kemmerich selbst sowie der Bundesvorsitzende Christian Lindner.

Im ZDF-"heute journal" verwies Moderatorin Marietta Slomka im Interview mit Thomas Kemmerich auf ausdrückliche Warnungen davor, dass die AfD mit für den FDP-Kandidaten stimmen würde.

Thomas Kemmerich: "Wir haben sehr detailliert in den Parteigremien besprochen, diese Kandidatur gegen Kandidaturen von links und rechts der demokratischen Mitte anzubieten, und wir mussten damit rechnen, dass dieses passiert. Wir werden jetzt eine Politik machen contra AfD, auch gegen linke radikalistische Forderungen, Enteignungsphantasien. Wir werden durch Taten überzeugen..."
Marietta Slomka: "Moment, hab ich Sie richtig verstanden, Sie haben damit gerechnet, dass das passiert, das heißt, Sie waren nicht überrascht, deshalb hatten Sie ja auch schon eine Rede vorbereitet."
Kemmerich: "Nein, die Rede hab ich nicht vorbereitet. Frau Slomka, Sie brauchen jetzt nicht versuchen, mir das in den Mund zu legen. Ich habe mich einer demokratischen Wahl gestellt. Und in Ihrem Bericht konnten wir Herrn Möller erleben, wie er offensichtlich die Demokratie verhöhnt, indem er jetzt einen Popanz aufbaut seiner Taktik. Ich bin mit Mehrheit dieses Thüringer Landtags gewählt, ich werde mich der Verantwortung stellen, das ist eine Politik der Mitte mit guten Lösungen und guten Möglichkeiten für Thüringen."
Slomka: "Das heißt, Sie haben sich bewusst in diese Situation hineinbegeben? Nochmal, damit wir das einfach klären."
Kemmerich: "Frau Slomka, ich wiederhol es..."
Slomka: "Das war jetzt keine Naivität, sondern Sie ahnten, die AfD würde das so machen."
Kemmerich: "Nein, davon bin ich nicht ausgegangen."
Slomka: "Tatsächlich nicht?"
Kemmerich: "Es gibt..."
Slomka: "Ich meine, das lag doch eigentlich auf der Hand."
Kemmerich: "Frau Slomka, wir diskutieren seit Tagen über die Möglichkeiten, wie eine Ministerpräsidentenwahl zustande kommen kann, im Extremfall mit einer Ja-Stimme. Ich habe nicht... Es gibt kein Angebot, es wird keine AfD-Politik geben, dazu stehe ich, und daran können Sie mich messen."
Slomka: "Wie eng haben Sie sich denn mit Herrn Lindner abgestimmt? Er sagte heute, das liegt alles in der Verantwortung und auch in der alleinigen Verantwortung der Thüringer."
Kemmerich: "Wir haben ständigen Kontakt gehalten. Und natürlich sagt Christian Lindner, sagt die Bundespartei, die letzte Entscheidung trifft der Thüringer Verband."
Slomka: "Aber Herr Lindner war damit einverstanden, dass Sie diese Wahl antreten?"
Kemmerich: "Er wusste darum, dass wir diese Entscheidung getroffen haben."

Wichtig sei dabei, gut zuzuhören, sagt Marietta Slomka: "Um schnell reagieren zu können. Also, wenn zum Beispiel in der Thüringen-Geschichte der FDP-Fraktionschef sagt: 'Ja, das ahnten wir', da muss ich natürlich sofort eingreifen und sagen: 'Wie, das ahnten Sie? Also war Ihnen klar, was passieren würde'. Und solche kleinen Nebensätze, die hören Sie nur, wenn sie ganz genau zuhören und nicht schon ihre nächste Frage vor Augen haben."

Einen Tag nach dem Interview mit Thomas Kemmerich sprach Marietta Slomka im "heute journal" mit dem FDP-Bundeschef Christian Lindner. Ihn konfrontierte sie mit Erkenntnissen, die sie aus dem Interview mit Kemmerich gewonnen hatte. Lindner bestritt wiederholt, dass es eine Zusammenarbeit mit der AfD gegeben habe.

Marietta Slomka: "Noch einmal, davor wurde ja gewarnt. Haben Sie ihn davor gewarnt? Und warum haben sie ihm nicht geraten, wenn das passieren sollte, dann sei wenigstens so schlau und sag: Ich nehm die Wahl nicht an."
Christian Lindner: "Ja, auch in Gremien haben wir davor gewarnt. Ich selbst... Man darf sich nicht in eine Abhängigkeit der AfD begeben. Die Einschätzung war, die AfD hat einen eigenen Kandidaten, die werden wohl ihren eigenen Kandidaten wählen. Jetzt können wir beide, Sie und ich, im Nachhinein analysieren, man hätte die Wahl gar nicht annehmen dürfen. Das ist immer so bei den Beobachtern, danach, Stunden später, ist man viel schlauer und weiß, was man tun muss. Herr Kemmerich war offensichtlich übermannt und hat spontan eine Entscheidung getroffen, die Wahl anzunehmen. Und jetzt, einen Tag später, hat er diese Entscheidung selbst korrigiert. Und ich finde, dann muss man menschliche Maßstäbe anlegen und auch erlauben, dass jemand sich selbst korrigieren darf."
Slomka: "Aber wenn es um das Amt eines Ministerpräsidenten geht, dann ist das doch kein Spiel, bei dem man mal eben so übermannt wird. Und die Erkenntnis, dass man so eine Wahl nicht annimmt, die hatten viele in ihrer Partei, zum Beispiel Alexander Graf Lamsbdorff, schon sehr schnell, schon gestern."
Lindner: "Danach, ja. Danach."

Mit dem Nachfragen ist das aber so eine Sache. Man kann zwar hinterfragen, was noch nicht ganz klar geworden ist, wo sich der Interviewpartner in Widersprüche verwickelt. Einen Anspruch auf eine Antwort, die zur Frage passt, hat man aber nicht – auch wenn man die Frage noch so oft stellt.

   

Das Nachhaken

Den inoffiziellen Rekord im wiederholten Fragen hält BBC-Moderator Jeremy Paxman. Er hatte 1997 Michael Howard, den damaligen britischen Innenminister und späteren Chef der konservativen Tories zu Gast. Es ging um eine Personalfrage in der Gefängnisverwaltung.

Auch für Menschen, die nicht Englisch sprechen, wird eines deutlich: Paxman stellt Howard immer wieder dieselbe Frage, auf die er kein einziges Mal eine direkte Antwort bekommt. Die Frage lautet: "Did you threaten to overrule him?" – auf Deutsch: "Haben Sie gedroht, ihn zu überstimmen?"

Jeremy Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Michael Howard: "I was not entitled to instruct Derek Lewis, and I did not instruct him."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "The truth of the matter is that Mister Marriott was not suspended."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "I did not overrule him."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "I took advice on what I could and could not do..."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "...in accordance with that... I did not overrule him."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "...Mister Marriott was not suspended."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "I have accounted for my decision to dismiss Derek Lewis..."
Paxman: "Did you threaten to overrule him?"
Howard: "...detail before the House of Commons."
Paxman: "I note you’re not answering the question whether you threatened to overrule him."
Howard: "The important aspect of this..."
Zum kompletten Interview

Insgesamt zwölfmal innerhalb von knapp zwei Minuten stellt Jeremy Paxman diese Frage – mehrmals mit dem Hinweis, dass die Frage nicht beantwortet wurde, einmal sogar mit einer Entschuldigung, dass er erneut fragt. Am Ende sagt er "Right" und macht weiter.

Jeremy Paxman 1997 in einem BBC-Studio (dpa / Photoshot / Universal Pictorial Press Photo)"Did you threaten to overrule him?" - BBC-Moderator Jeremy Paxman im Jahr 1997 (dpa / Photoshot / Universal Pictorial Press Photo)

Hier liegt die Erkenntnis nicht in der Antwort – oder vielmehr doch darin, dass sie verweigert wird.

Mit der Verweigerung umgehen

So wie 2018, als WDR-Moderator Philipp Menn die AfD-Co-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alice Weidel, befragte. Es ging um eine Mail mit rassistischem und demokratieverachtendem Inhalt, die Weidel zugeordnet wurde. Zunächst hatte sie bestritten, die Mail geschrieben zu haben, später zog die AfD diesen Widerspruch zurück, ohne jedoch Weidels Urheberschaft zu bestätigen. Zum Ende des Interviews fragt Menn noch mal nach der Mail.

Philipp Menn: "Können Sie ausschließen, dass Sie diese Mail geschrieben haben?"
Alice Weidel: "Dazu wurde bereits alles gesagt."
Menn: "Können Sie ausschließen..."
Weidel: "Ich dachte, wir wollten... Ich dachte, wir wollten über Politik reden."
Menn: "Können Sie ausschließen, dass diese Mail von Ihrem Account geschickt wurde?"
Weidel: "Dazu wurde bereits alles letztes Jahr gesagt."
Menn: "Können Sie das ausschließen?"
Weidel: "Ich hab dazu alles gesagt."
Menn: "Also hat sie jemand anderes geschrieben."
Weidel: "Ich hab dazu alles gesagt."
Menn: "Also können Sie das ausschließen oder können Sie es nicht ausschließen?"
Weidel: "Sie können mich zehntausendmal danach fragen. Ich wurde letztes Jahr danach gefragt, und es wurde zu diesem Thema alles gesagt."
Menn: "Das heißt, Sie geben darauf keine Antwort."
Weidel: "Richtig."
Menn: "Vielleicht wollen Ihre Wähler wissen, ob Sie das geschrieben haben."
Weidel: "Darauf wurde alles schon gesagt."
Menn: "Vielleicht machen wir das dann in der nächsten Sendung..."

Eine Frage lässt sich aber auch auf andere Weise beantworten als durch Verweigerung. 2019 wählte Anton Hofreiter, der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, viele Worte, um einer Frage von Deutschlandfunk-Moderator Christoph Heinemann auszuweichen. Heinemann wollte wissen, ob Hofreiter die Schulstreiks für die Klimabewegung "Fridays for future" unterstützt. Mehr als neun Minuten lang versuchte Heinemann eine Antwort auf diese Frage zu bekommen.

Christoph Heinemann: "Herr Hofreiter, was bedeutet Schulpflicht?"
Anton Hofreiter: "Ich glaube, dass das eine klassische Debatte ist, um abzulenken, um diese jungen Menschen klein zu machen, um ihr Anliegen nicht ernst zu nehmen."
(...)
Heinemann: "Herr Hofreiter, was bedeutet Schulpflicht?"
Hofreiter: "Wie gesagt! Ich sagte bereits: Das ist diese klassische Debatte, um diese jungen Menschen nicht ernst zu nehmen..."
(...)
Heinemann: "Herr Hofreiter, wieso können Sie diese ganz einfache Frage nicht beantworten? Was bedeutet Schulpflicht?"
Hofreiter: "Ich könnte Ihnen diese Frage beantworten. Aber es geht diesen jungen Menschen nicht um die Schulpflicht..."
(...)
Heinemann: "Also, Sie können die Frage offenbar nicht beantworten. Wie sollen Schulen reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler freitags demonstrieren?"
Hofreiter: "Ich finde das wunderbar sozusagen, dass diese jungen Menschen über die Klimakrise sprechen wollen..."
(...)
Heinemann: "Wieso können sich Lehrerinnen und Lehrer, die die Schulordnung aufrechterhalten wollen, nicht auf die Grünen verlassen?"
Hofreiter: "Wie gesagt, Sie machen es jetzt zum vierten Mal. Den jungen Menschen geht es um die Klimakrise. Ihnen geht es nicht um die Klimakrise. Ihnen geht es darum, diese jungen Menschen mit zu infantilisieren..."
(...)
Heinemann: "Herr Hofreiter, Sie haben jetzt auch diese Frage nicht beantwortet. Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer denn reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler heute unentschuldigt fehlen? Ich drücke es noch mal etwas einfacher aus."
Hofreiter: "Wie gesagt, wir werden da nicht zusammenkommen. Nämlich, ich möchte über die Klimakrise sprechen. Sie möchten diese jungen Menschen reduzieren darauf, ob sie in die Schule gehen oder nicht. Kluge Schüler haben mal gesagt, die Lokführer streiken ja auch nicht während ihrer Freizeit."
Heinemann: "Herr Hofreiter, entschuldigen Sie bitte! Ich hatte Sie nach Lehrerinnen und Lehrern gefragt. Wie sollen die reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler heute oder an Fridays for Future nicht zum Unterricht erscheinen?"
Hofreiter: "Lehrerinnen und Lehrer sollen schlichtweg vernünftig mit ihren Schülerinnen und Schülern darüber reden, was sie unternehmen können, damit die jetzt herrschenden Menschen nicht ihre Zukunft zerstören."
(...)
Heinemann: "Herr Hofreiter, sollten Jugendliche nur dann die Schule besuchen, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben?"
Hofreiter: "Das ist, wie gesagt, auch diese klassische Argumentation, an der man erkennen kann, dass man die Jugendlichen nicht ernst nimmt..."
(...)
Heinemann: "Herr Hofreiter, würden Sie denn auch Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern während der Schulzeit befürworten, die ganz andere Ziele zum Inhalt hätten, zum Beispiel gegen Zuwanderung oder gegen die Europäische Union?"
Hofreiter: "Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich das nicht befürworte. Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich der Meinung bin, dass diese Schülerinnen und Schüler in ihrem Anliegen ernst genommen werden müssen und nicht eine Hauptablenkungsdebatte geführt wird, die Sie auch ganz offensiv hier führen."
Heinemann: "Sie befürworten die Demonstrationen Fridays for Future nicht? Habe ich das jetzt richtig verstanden?"
Hofreiter: "Ich befürworte die Demonstrationen."
Heinemann: "Ja was denn jetzt?"
Hofreiter: "Es ist ja wirklich amüsant, wie wir uns hier im Kreis drehen. Ich habe nur gesagt, dass das die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden müssen und dass man ihr Anliegen ernst nehmen muss."
Heinemann: "Gut! – Anton Hofreiter von Bündnis 90/Die Grünen."
Zum Kompletten Interwiew.

Nicht immer versucht der Interviewpartner so offensiv davon abzulenken, dass er nicht über dasselbe Thema sprechen möchte wie der Interviewer. Meistens geschieht das wesentlich subtiler.

Nach der thüringischen Landtagswahl 2014 hatte sich die amtierende Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht im "Tagesthemen"-Interview offenbar vorgenommen, drei Botschaften unterzubringen – völlig egal, was Moderatorin Caren Miosga fragt. Eine der Botschaften: Die Menschen haben Stabilität und Verlässlichkeit gewählt.

Caren Miosga: "Frau Lieberknecht, nach derzeitigem Stand hätte Schwarz-Rot eine Stimme mehr. Reicht Ihnen das zum Regieren?"
Christine Lieberknecht: "Die Menschen haben Stabilität und Verlässlichkeit gewählt. Und ich bin sicher, dass Stabilität und Verlässlichkeit sich auch in den nächsten Koalitionsverhandlungen wiederfindet. Das ist ein Wählerauftrag und diese Verantwortung möchte ich gerne übernehmen. Und ich bin sicher, dass wir auf dieser Basis auch eine gute Koalitionsbildung hinkriegen."
(...)
Lieberknecht: "Wir machen eine Koalition auf der Basis von Stabilität und Verlässlichkeit. Und das ist genau, was die Wählerinnen und Wähler wollen."
(...)
Lieberknecht: "Ich sage, wir sind die stärkste Partei mit Abstand. Die Wählerinnen und Wähler haben Stabilität und Verlässlichkeit gewählt, und deswegen bin ich sicher, dass dies auch die nächsten Koalitionsgespräche das Votum sein, und da werden wir zu guten Ergebnissen kommen, ganz sicher."

Das Unterbrechen

Im tagesaktuellen politischen Interview ist in der Regel wenig Zeit. Im ORF-Magazin "ZiB 2" sind es auch mal zehn bis zwölf Minuten. "Tagesthemen" und "heute journal" haben dafür meistens drei bis sechs Minuten. Da sind nur wenige Fragen möglich, deswegen haben die Interviewer ein Interesse daran, ihren Interviewpartner zu unterbrechen, sobald klar wird, dass er die Frage nicht beantworten wird und stattdessen versucht, so viel wie möglich der vorhandenen Zeit selbst zu reden.

Marietta Slomka nennt das die Wortreich-Strategie, "also einen relativ einfachen Zusammenhang sehr, sehr, sehr, sehr, sehr ausführlich zu beschreiben, da bleibt auch nicht so viel Platz und Zeit für Nachfragen. Weshalb ich dann auch unterbreche, was mir gerne als Unhöflichkeit, weniger von den Politikern, die wissen ja, was da gespielt wird, mehr von Zuschauern ausgelegt wird, während ich die Uhr im Blick habe, die rückwärts läuft. Also dieses sehr, sehr ausführlich werden, ist beliebt. Dann darüber reden, was man alles geschafft hat, also Wahlkampfthemen zum Beispiel unterbringen, obwohl es doch eigentlich um die Frage blieb, was ist denn da in Thüringen los. Und dann erzählt Herr Lindner, was sie eigentlich alles während der Bundestagswahl und Landtagswahl für tolle Themen hatten, also auf Nebengleise führen ist beliebt oder eben auch so tun, als würde sich eine Frage gar nicht stellen. Also: Die Frage stellt sich doch gar nicht. Oder: Das ist ganz falsch gefragt - ist dann auch eine ganz beliebte Methode. Und wenn mein Name ganz oft genannt wird, dann weiß ich auch, da ist jemandem auf der anderen Seite gerade ein bisschen eng um den Hals."

Auch ORF-Moderator Armin Wolf sieht sich oft mit dieser Strategie konfrontiert – und mindestens zweimal auch mit einem speziellen Gast, der das Prinzip von Frage und Antwort nicht verstehen wollte.

Im Jahr 2012 und 2013 war der österreich-kanadische Industrielle Frank Stronach zu Gast, der mit seiner eigenen Partei, dem Team Stronach, bei Wahlen antreten wollte.

Frank Stronach: "Ich möchte das einmal vorlesen, was ich im Ausschuss gesagt habe, das wurde recordet..."
Armin Wolf: "Aber..."
Stronach: "...und dann bin ich bereit, diese Frage zu beantworten..."
Wolf: "Aber das war ja eine ganz klare Frage. Das war eine ganz einfache Frage, die ist so im Ausschuss nicht gestellt worden."
Zum kompletten Interview.

Stronach bestand darauf, erst seine fünfminütige Erklärung zu verlesen. Erst als Wolf mehrmals damit drohte, das Interview abzubrechen, ließ sich Stronach auf Fragen ein, attackierte Wolf und den ORF aber immer wieder.

Ähnlich in einem zweiten Interview ein knappes halbes Jahr später. Stronach hielt längere Reden, die nichts mehr mit der Frage zu tun hatten, bis Wolf das Interview unterbrach.

Armin Wolf: "Herr Stronach, kennen Sie den Schriftsteller Mark Twain?"
Frank Stronach: "Ja, natürlich, hab schon viel von ihm gehört."
Wolf: "Ja, Mark Twain... Gut. Mark Twain hat einmal geschrieben: Ein Interview besteht üblicherweise aus dem Interviewer, der Fragen stellt, und dem Interviewten, der sie beantwortet."
Stronach: "Nein, nein..."
Wolf: "Jetzt Ihre Antwort hat überhaupt nichts mit meiner Frage zu tun gehabt. Ich würde noch mal gern wissen, wie viel der österreichische Verwaltungsapparat im ganzen einsparen kann."
Stronach: "Sie haben ein Problem. Sie wollen immer Ja oder Nein. Ich könnte auch sagen..."
Wolf: "Nein, ich will gar nicht Ja oder Nein, ich will eine Zahl."
Stronach: "...ist der ORF... ist der ORF... Sagen Sie mir Ja, ist der ORF wirtschaftlich gut geführt. Sagen Sie mir Ja oder Nein."
Wolf: "Herr Stronach, Herr Stronach, ein Interview besteht aus einem Interviewer, der die Frage stellt, das bin ich in diesem Fall..."
Stronach: "Sie sind Staatsangestellter, ich bin Steuer..."
Wolf: "Nein, ich bin kein Staatsangestellter..."
Stronach: "Doch, Sie sind beim ORF. Dann ist es eben eine verdeckte Anstellung..."
Wolf: "Herr Stronach!"
Stronach: "Sie können doch nicht sagen, dass Sie jetzt privat angestellt... dass das eine private Firma ist."
Wolf: "Herr Stronach."
Stronach: "Das ist einmal ganz... Das stimmt nicht, was Sie jetzt sagen."
Wolf: "Ich bin kein Staatsangestellter, das spielt auch keine Rolle."
Stronach: "Sie... Sie... Sie arbeiten... Wissen Sie, was Korruption ist?"
Wolf: "Ja, das glaub ich, weiß ich."
Stronach: "Ja, Korruption. Na, ich glaub... ich glaub nicht. Korruption ist auch, Leute, die bewusst... Korruption... Korruption, Strukturen und Werte unterstützen, und ich glaub, mag im Herzen, im Denken, gebt Ihr mir recht, aber Ihr wisst, wenn Ihr nicht nach den Parteien, wenn Ihr Euch so verhält, dann habt Ihr diese Stellung nicht. Weil dieser Verein oder der ORF nur von Politfunktionären geführt wird."
Wolf: "Herr Stronach, Sie haben Unrecht, aber ich will mit Ihnen nicht über den ORF diskutieren, diskutieren wir über die Währungsunion..."

In diesem Interview sah sich Armin Wolf übermäßig oft dazu gezwungen, seinen Gast zu unterbrechen. In Österreich eine heikle Sache, sagt Wolf, schließlich gebe es dort eine besonderen Tradition, die manche als autoritätshörig bezeichnen würden: Unterbrechen gelte als unhöflich.

Armin Wolf im "ZIB 2"-Studio (dpa / picture alliance / ORF / Thomas Ramstorfer)„Es sind ja nicht alle Interviewpartner gleich schlimm, das muss man schon sagen.“ - Armin Wolf vom Österreichischen Rundfunk ORF. (dpa / picture alliance / ORF / Thomas Ramstorfer)

Deswegen könne er normalerweise nicht sofort dazwischen gehen, wenn er merke, dass das keine Antwort werde, sagt Wolf: "Und wenn das ein Gast sehr geschickt macht, wie zum Beispiel unser gegenwärtiger Bundeskanzler Sebastian Kurz, der wirklich ein Meister in dieser Taktik ist, nämlich, dass er, scheinbar bezugnehmend auf die Frage, haarscharf an der Frage vorbei antwortet und sehr ausführlich und lang das erzählt, was er eigentlich erzählen möchte, und das aber recht interessant und geschickt formuliert, dann wird das ganz schwierig. Weil da sitzen dann ganz, ganz viele Zuseher vor dem Apparat und denken sich, das ist aber sehr interessant, was der sagt. Und wenn ich dann unterbreche, denken sich viele Zuseher, dann lass den doch reden. Ja, und warum habt ihr den eigentlich eingeladen, wenn Ihr ihn dann nicht ausreden lasst?"

Sebastian Kurz: "Aber lassen's mich eins nur ausführen. Ich war zum Beispiel schon in einer Koalition mit der Sozialdemokratie. Da gab’s von der sozialistischen Jugend grausliche Proteste gegen den Papst, und sie haben den Lenin verehrt, der Millionen..."
(ab hier durcheinander)
Armin Wolf: "Aber, Herr Kurz, jetzt weiß ich..."
Kurz: "Bitte, Herr Wolf, lassen’s mich kurz..."
Wolf: "Jetzt weiß ich, dass Sie gerne über die SPÖ reden wollen, ich möchte mit Ihnen über die Regierung reden."
Kurz: "Nein, ich möcht's... Ja..."
Wolf: "Über die SPÖ werde ich mit Frau Rendi-Wagner reden, das ist sinnvoller."
Kurz: "Das hab ich gerade versucht, lassen’s mich den einen Satz..."
Wolf: "Nein, ich würd gern bei der Regierung bleiben. Es fehlt ja..."
Kurz: "Ich möchte aber Ihnen etwas erklären. Wenn Sie einen Koalitionspartner haben, dann werden Sie immer wieder erleben, dass Ihnen etwas dort nicht passt, nicht gefällt, widerstrebt. Wenn die Sozialdemokratie Lenin verehrt, dann widert mich das an. Und wenn ein Rattengedicht in der FPÖ veröffentlich wird, widert mich genauso dieses an."
Wolf: "Und wenn Herr Strache Bevölkerungsaustausch sagt, widert Sie das auch an?"
Kurz: "Das ist etwas, das mir nicht gefällt."
Wolf: "Aber es widert Sie nicht an?"
Kurz: "Es ist ein Wort, das ich ablehne."

   

Der taktische Angriff

Gelegentlich müssen Interviewer damit rechnen, von ihren Interviewpartnern ordentlich Contra zu bekommen.

Eine beliebte Strategie vor allem vom langjährigen SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Ob im ZDF-Interview mit Bettina Schausten 2015 ...

Sigmar Gabriel: "Ich finde Ihre Frage total merkwürdig"
(...)
Gabriel: "Nichts von dem, was Sie sagen, ist richtig, Frau Schausten. Entschuldigung, dass ich das in aller Klarheit sage."
(...)
Bettina Schausten: "Was nicht falsch ist, Sie haben es gerade noch mal getan, ist, dass Sie durchaus und anders als die Bundeskanzlerin eine Obergrenze benennen und sagen, die liegt bei einer Million, mehr ist bei uns nicht zu schaffen."
Gabriel: "Entschuldigen Sie, ich muss Sie unterbrechen, auch das ist falsch."
Schausten: "Dann erklären Sie es, dann erklären Sie, was Sie damit meinen, so wird es wahrgenommen."
Gabriel: "Nein, Sie nehmen es so wahr und senden es so."
(...)
Gabriel: "Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen..."
(...)
Gabriel: "Das ist richtig falsch, Entschuldigung..."
(…)
Gabriel: "Kein Mensch kann Ihnen diese Frage beantworten..."

… im Dlf-Interview mit Silvia Engels im Jahr 2012 … 

Sigmar Gabriel: "Schon der erste Satz von Ihnen stimmt nicht. Wir haben noch nie..."
Silvia Engels: "Na so was!"
(...)
Gabriel: "Nee. Das ist nun wirklich eine glatte Erfindung, die Sie hier gerade produzieren. Das gab es noch nie in Deutschland."
(...)
Gabriel: "Entschuldigung, das ist doch nicht wahr, was Sie gerade erzählen."
(...)
Gabriel: "Sie setzen derzeit Meldungen in die Welt, die Wählerinnen und Wähler ziemlich verunsichern."
(...)
Gabriel: "Ihre Auffassung ist schlicht falsch. Entschuldigung! Ich kann nichts dafür. Ich würde es lieber so sehen, dass Sie es richtig erzählen."
Engels: "Ah, das freut mich doch sehr zu hören."

… oder im Dlf-Interview mit Christoph Heinemann zur SPD-Afghanistan-Konferenz im Jahr 2010: 

Christoph Heinemann: "Schwingt da mit Blick auf Herrn zu Guttenberg auch Neid mit? Der Mann ist ausgesprochen beliebt und so einen hat die SPD gegenwärtig nicht zu bieten."
Sigmar Gabriel: "Wissen Sie, das ist ja bei Ihnen offensichtlich so wie bei meiner Großmutter. Die hat immer gesagt, ..."
Heinemann: "Die kenne ich nicht."
Gabriel: "Das weiß ich, aber der Spruch ist ganz interessant: ‚Was ich denk und tu, das trau ich jedem andern zu.‘ Wenn das Ihre Form der Auseinandersetzung in der Politik wäre, dann ist es gut, dass Sie im Journalismus geblieben sind. Unsere ist es jedenfalls nicht."
Heinemann: "Und es ist gut, dass Sie SPD-Vorsitzender geworden sind und nicht Journalist."
Gabriel: "Ja, selbstverständlich. Ich habe mich nie beworben dafür!"
Heinemann: "Na denn! Ich mich auch nicht für den Parteivorsitz. So hat ein jeder seine Aufgabe."

Legendär auch das Interview von Sigmar Gabriel mit ZDF-Moderatorin Marietta Slomka im Jahr 2013. Die SPD wollte über den Koalitionsvertrag mit CDU und CSU abstimmen lassen, Gabriel stellte den Vertrag selbst auf einer Regionalkonferenz vor.

Screenshot der ZDF-Nachrichtensendung «heute journal» vom 28.11.2013 zeigt den aus der Stadthalle in Hofheim am Taunus (Hessen) am Rande einer Regionalkonferenz zugeschalteten SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel während er der Moderatorin Marietta Slomka ein Interview gibt. (picture alliance / dpa)Viel diskutiert: Das "heute journal"-Interview von Moderatorin Marietta Slomka mit dem damaligen SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel (picture alliance / dpa)

Slomka trug den Einwand von Verfassungsrechtlern an Gabriel heran, dass ein Mitgliederentscheid als eine Art zweite Bundestagswahl angesehen werden könnte, weil allein die Parteimitglieder über das Zustandekommen einer Koalition entscheiden würden.

Sigmar Gabriel: "Und bei anderen Parteien, Frau Slomka, bei anderen Parteien, Frau Slomka, entscheiden kleine Gruppen, da entscheiden noch weniger Menschen über das Schicksal - in ihrer Argumentation – Deutschlands, und bei uns tut das eben immerhin 470.000 Mitglieder. Ich weiß nicht, warum das schlecht sein soll."
Marietta Slomka: "Herr Gabriel, ich dachte... Ich dachte eigentlich, dass in Deutschland alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, und dass das Wahlvolk entscheidet."
Gabriel: "Ja, was macht denn dann die CDU? Wie hat denn der Wähler nun entschieden? Er hat entschieden, Frau Merkel vertritt die stärkste Fraktion und die stärkste Partei. Aber der Wähler hat nicht entschieden, dass sie die absolute Mehrheit hat. Und nun gibt es Koalitionsverhandlungen, um zu klären, mit wem wird eine Mehrheit gebildet. Und in der CDU entscheidet darüber auch nicht die Wähler, sondern der Parteivorstand der CDU und der Parteivorstand der CSU. Das sind viel weniger Menschen als bei der SPD. Tun Sie mir den Gefallen, lassen Sie uns den Quatsch beenden, das hat doch mit der Wirklichkeit nix zu tun…"
Slomka: "Also, Herr Gabriel, dieser Quatsch, der wird von sehr ernsthaften..."
Gabriel: "Wir kriegen, wir kriegen..."
Slomka: "Dieser Quatsch wird von sehr ernsthaften Verfassungsrechtlern diskutiert..."
Gabriel: "Wir kriegen in zwei Wochen, wir kriegen..."
Slomka: "…und dem kann man sich dann auch mal stellen."
Gabriel: "Ja. Das mach ich doch gerade."

Slomka: "Das war in vieler Hinsicht eine interessante Gesprächssituation, die jetzt aber auch nicht beispielhaft ist. Die war schon sehr besonders. Es war eine besondere Situation, weil die SPD und ihr Parteichef unter hohem Druck standen und er auch ein bisschen so etwas wie einen externen Feind brauchte zur Integration der Binnengruppe. Es ist eine relativ einfache soziale Funktionsweise, und er hatte schon in der Halle auf diesem Parteitag, auf der Delegiertenkonferenz gegen die Medien geschimpft und auch jetzt dann auch schon mal erwähnt, und jetzt gleich würde er noch dem ZDF ein Interview geben, da würden schon auch wieder blöde Fragen gestellt. Sinngemäß. Das wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht, das habe ich erst im Nachhinein erfahren. Das heißt, da war schon sehr viel Dampf im Kessel und der Wunsch, jemandem zu finden, gegen den man sich jetzt gemeinsam sozusagen solidarisieren kann. Der war also schon auf 180, als das Interview anfing."

Marietta Slomka: "Aber lassen Sie uns noch über etwas anderes reden. Wenn Sie Ihre Partei… Ja, Sie sagen jetzt, das ist Quatsch, das ist ne besondere Form der Argumentation. Aber wenn Sie Ihre Parteimitglieder so ernst nehmen…"
Sigmar Gabriel: "Ja, ich hab Ihnen versucht, Frau Slomka."
Slomka: "Wenn Sie Ihre Parteimit..."
Gabriel: "Es wird ja nicht besser, wenn wir uns gegenseitig..."
Slomka: "Wenn Sie Ihre Parteimitglieder so ernst nehmen..."
Gabriel: "Es wird ja nicht besser, wenn wir uns gegenseitig so behandeln."
Slomka: "Ich behandle Sie gar nicht schlecht, ich stelle Ihnen Fragen, die hab ich mir auch nicht ausgedacht, diese Kritik."
Gabriel: "Ich nehme die Mitglieder SPD ernst, weil ich der Vorsitzende der SPD bin, und ich habe Ihnen Argumente... ich habe argumentiert, warum ich das nicht für sehr tragfähig habe, und ich kenne auch keinen Verfassungsrechtler, der sich dieser Debatte öffentlich stellt. Und deswegen sage ich: Das ist doch Quatsch. In anderen Ländern..."
Slomka: "Herr Professor Degenhardt schon und noch einige andere, die stehen ja auch heute alle in den Zeitungen..."
Gabriel: "In anderen Ländern... in anderen..."
Slomka: "Aber die interessante Frage ist doch, wenn Sie Ihre Parteimitglieder..."
Gabriel: "Frau Slomka, das stimmt nicht, was Sie sagen."
Slomka: "Doch. Das können Sie nachlesen."
Gabriel: "Es ist nicht das erste Mal, dass Sie in Interviews mit Sozialdemokraten nix anderes versuchen, als uns das Wort im Mund umzudrehen."
Slomka: "Herr Gabriel, Sie werden mir jetzt bitte nichts unterstellen."
Gabriel: "Gucken Sie ins Parteiengesetz... Gucken Sie... Doch, das machen Sie ja auch."
Slomka: "Die Kritik, die ich genannt habe, steht in Zeitungen, von Professoren, die darüber diskutieren, und das ernst nehmen, ist das eigentlich okay."
Gabriel: "Ja, ich doch auch."
Slomka: "Man muss das nicht so sehen, aber man kann zumindest darüber diskutieren."

Slomka: "Ich war sauer, weil er mir Parteilichkeit unterstellt und sagte, wir wissen ja, wie sie mit SPD-Politikern umgehen. Das ist eine Unverschämtheit. Das hab ich ihm übel genommen. Das würde ich auch jederzeit so sagen, wenn er vor mir steht. Ich glaube, das würde er auch annehmen, die Kritik. Und das fand ich nicht in Ordnung, weil das geht mir dann auch an meine journalistische Ehre. Ich bin nicht parteipolitisch. Ich nehme nicht SPD-Politiker anders heran als Politiker anderer Parteien. Das ist einfach nicht wahr, und das weiß er eigentlich auch. Und das fand ich unlauter, und an der Stelle wurde ich dann wirklich auch sauer. (...) Was man aber natürlich eigentlich nicht werden soll, man soll natürlich professionell dann immer ganz ruhig bleiben. Aber wir sind ja auch nur Menschen, ja, und nicht nur die Interviewten, auch die Interviewer, und in der Situation war dann sehr viel Menschlichkeit auf beiden Seiten zu sehen. Das macht es wahrscheinlich auch so ungewöhnlich und hat deshalb so nachhaltig für Aufsehen gesorgt, dieses Gespräch."

   

Der strategische Angriff

Ein Gespräch mit hohem Unterhaltungswert, aber mit mäßigem Erkenntnisgewinn und ohne nennenswerte Folgen. Anders bei einem Interview von ORF-Moderator Armin Wolf im Frühjahr 2019 mit einem Politiker der rechtspopulistischen FPÖ, die dem öffentlich-rechtlichen ORF gegenüber ablehnend eingestellt ist.

Diese Konfliktlinie gab es also bereits, als im April 2019 der FPÖ-Spitzenkandidat für die Europawahl, Harald Vilimsky, zum Interview in das abendliche Nachrichtenmagazin "ZiB 2" kam.

Die FPÖ-Spitze hatte sich gerade von einem rassistischen Gedicht eines lokalen Funktionärs distanziert. Moderator Armin Wolf wollte Harald Vilimsky daher fragen, wie er zu einem rassistischen Plakat der FPÖ-Jugendorganisation aus der Steiermark steht. Vilimsky distanzierte sich nicht, sondern ging zum Gegenangriff über.

Harald Vilimsky: "Diese Geschichte ist in der Steiermark ein Jahr bekannt, niemand in der Steiermark, im Landtag regt das auf. Wir können aber auch heute bei einer Diskussion über europapolitische Fragen mit dieser Gschichten die Zeit verwenden..."
Armin Wolf: "Es steht heute noch..."
Vilimsky: "...genauso wie Sie das letzte Mal Sie nur versuchen, irgendwo dieser Regierung Schaden zuzufügen."
Wolf: "Herr Vilimsky..."
Vilimsky: "Und ich weiß das auch, dass Sie auf Twitter, in den sozialen Netzwerken permanent Stimmung gegen uns machen. Das sei Ihnen auch unbenommen. Ich sag nur, für einen ORF-Moderator ist das nicht das Beste."

Wolf bestand darauf, dass Vilimsky die Frage beantwortete. Um das Rassistische des Plakats zu verdeutlichen, ließ er zum Vergleich eine antisemitische Karikatur des NS-Blatts "Der Stürmer" einblenden, woraufhin Vilimsky neue Vorwürfe erhob.

Harald Vilimsky: "Also hier diese Parallelität zu ziehen, Herr Wolf, ist also allerletzte Schublade. Indem Sie hier vom ‚Stürmer‘ hier ein Bild nehmen, das gegenüber dem Jugendplakat gegenüberstellen und den Eindruck erwecken, dass wir in der Nähe des Nationalsozialismus..."
Armin Wolf: "Nein, ich..."
Vilimsky: "...waren, ist etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann."
Wolf: "Ich wüsste nur gerne... Für die FPÖ in der… oder für die Jugendorganisation in der Steiermark, nehme ich an, oder?"
Vilimsky: "Es ist seit einem Jahr bekannt, niemand in der Steiermark regt sich auf."
Wolf: "Sie regen sich auch nicht auf?"
Vilimsky: "Es ist offensichtlich... bei europapolitischen..."
Wolf: "Es stört Sie nicht?"
Vilimsky: "Ich würd’s nicht so machen, aber Sie laden mich hier ein anlässlich der Präsentation unserer Europa-Kampagne und kommen mir mit solchen Sachen, mit einer Gegenüberstellung des Stürmer, das ist überhaupt etwas, das ich noch nicht erlebt hab im ORF. Es hat eine Qualität, die nach unten offen ist. Es ist jenseitig, Herr Wolf, was Sie da machen."
Wolf: "Ich frag sie deshalb, weil Sie Generalsekretär der FPÖ sind…"
Vilimsky: "Ja."
Wolf: "...und Sie als Generalsekretär auch der Spitzenkandidat sind."
Vilimsky: "Ja, was sehen Sie Verwerfliches? Sagen Sie es mir. Was ist für Sie das Verwerfliche daran?"
Wolf: "Ich sehe hier... Ich sehe hier eine Darstellung von offenbar ausländisch gedachten Menschen, die sehr ähnlich aussieht wie die optische Darstellung im Stürmer damals von Juden."
Vilimsky: "Ja, das halt ich derart geschmacklos, ich halte das für skandalös…"
Wolf: "Ja, ich halte das auch für geschmacklos."
Vilimsky: "Ja, hier diese Unterstellung zu machen. Das ist ein Jahr alt."
Wolf: "Macht es das besser?"
Vilimsky: "Sie kommen heute damit, als wäre das irgendeine Geschichte, die jetzt neu gekommen wäre. Die niemand enerviert hat, ja. Die Sie jetzt einen Monat vor der EU-Wahl versuchen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hochzuziehen und zu skandalisieren. Ich halte das für einen Skandal der Sonderklasse."
Zum Kompletten interview.

Als Harald Vilimskys damit droht, das könne nicht ohne Folgen bleiben, lässt Moderator Armin Wolf den Angriff an sich abperlen und bezieht ihn auf das rassistische Plakat.

Wolf: "Also ich wusste natürlich, dass Vilimsky das anders meint und meinte, es könnte nicht ohne Folgen für mich bleiben. Das war mir schon klar, so gut kenne ich Herrn Vilimsky, und ich hab ja nun wirklich oft genug in den letzten 17 Jahren FPÖ-Politiker interviewt."

FPÖ-Chef Strache (r.) und der Fraktionsvorsitzende Gudenus zusammen bei einer Pressekonferenz.  (imago stock&people) (imago stock&people)FPÖ attackiert Armin Wolf 
Die FPÖ fordert die Entlassung des ORF-Journalisten Armin Wolf, nachdem dieser dem Europapolitiker Harald Vilimsky live im Fernsehen unangenehme Fragen gestellt hatte. Für den Publizisten Armin Thurnher ist klar: "Diese Kampagnen haben System."

Deshalb rechnet Wolf auch immer wieder mit derartigen Angriffen von FPÖ-Politikern, die den ORF grundsätzlich ablehnen und oft nur einen Anlass suchen, dessen Arbeit zu skandalisieren. Die Debatte nach dem Vilimsky-Interview 2019 war allerdings die heftigste zwischen FPÖ und ORF, die wochenlang Österreichs Medien und Politik beschäftigte, bis sie vom Korruptionsskandal um FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit dem Ibiza-Video abgelöst wurde, die Regierung zerbrach und die ORF-Reform zunächst nicht weiter verfolgt wurde.

Attacken von beiden Seiten

Auch Deutschlandfunk-Moderatorin Sandra Schulz weiß, dass solche Attacken Teil der Strategie von Interviewten ist, wenngleich sie in Deutschland in dieser Deutlichkeit immer noch eher selten vorkommen.

Schulz: "Also, ich reg mich nicht drüber auf, denn ich finde es absolut legitim, dass jeder Gesprächspartner auch rhetorisch mit unterschiedlichen Methoden und mit unterschiedlichen Stilen arbeitet. Ich versuche zu verhindern, dass der Gesprächspartner über diesen Angriff die Deutungshoheit oder überhaupt die Moderation des Gesprächs in die Hand bekommt. Also, ich würde mich dann nie auf längeres Streitgespräch einlassen. Aber dass man dann noch mal kurz erwidert, ich frag das hier jetzt im Interesse der Hörerinnen und Hörer, weil sich viele das jetzt möglicherweise auch gefragt haben, so ne Replik könnte ich mir da schon vorstellen."

Es hänge von beiden Seiten ab, ob es zu Provokationen komme, sagt Armin Wolf. Sein Interviewstil sei ein anderer als der von Marietta Slomka, Claus Kleber oder Caren Miosga, und auch die Interviewpartner agierten sehr unterschiedlich.

Wolf: "Und natürlich wird ein Interview mit jemandem, der sehr provokant argumentiert, der sehr polarisiert, der sehr kantig ist, atmosphärisch anders verlaufen als mit einem Gast, der auf jede Frage bereitwillig antwortet, nicht versucht, Ausflüchte zu machen, Fragen zu umgehen oder gar den Interviewer, die Interviewerin zu attackieren."

   

Fragen im Ausnahmezustand

Alle Interviewer sehen sich in der Rolle derjenigen, die kritisch hinterfragen, was politisch entschieden wurde oder geplant wurde. Die Coronakrise hat aber auch hier Koordinaten verschoben.

So unterscheide sich die Auswahl der Interviewpartner und der Umgang mit ihnen vom Alltagsgeschäft, sagt ZDF-Moderatorin Marietta Slomka. Sie spreche öfter mit Virologen und anderen Fachleuten – und weil eine Krise die Stunde der Exekutive sei, auch öfter mit Vertretern von Regierungen in Bund und Ländern. Es gebe viele Wissensfragen und wenig politischen Schlagabtausch, stattdessen ein gemeinsames Suchen nach Lösungen und Antworten.

3D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2  (Imago/ Rob Engelaar / Hollandse Hoogte ) (Imago/ Rob Engelaar / Hollandse Hoogte )Dossier: Folgen und Entwicklungen von COVID-19 
Die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 steigt trotz Gegenmaßnahmen vieler Regierungen weiter. Das Robert Koch-Institut hat das Gesundheitsrisiko für Deutschland inzwischen als hoch eingestuft. In fast allen Bundesländern wird das öffentliche Leben drastisch eingeschränkt.

Slomka: "Die Fragen sind jetzt, ja, vorsichtiger formuliert, würde ich sagen, das ist auch in Ordnung. Das kann man in so einer Krise auch eine Zeitlang mal machen. Das heißt nicht, dass man nicht hinterfragt. Also, ich hab auch jetzt in der Zeit kritische Fragen zum Beispiel an den Regierenden Bürgermeister von Berlin gestellt: 'Warum waren Sie da so zögerlich?' und 'Und?' und 'Oder?' Oder Fragen an Herrn Söder: 'Ist das gut, wenn ein Bundesland so vorprescht?' Also solche Fragen finden natürlich statt, wir stellen nicht plötzlich jede Kritik ein, jedes kritische Hinterfragen. Aber es ist nicht dieses konfrontative Grundziel eines Interviews, dafür ist diese Krise einfach ungeeignet. Und natürlich haben wir wahnsinnig viele Experteninterviews und dass sind sowieso ganz andere Gespräche."

Wie etwa ein Interview mit der deutsch-italienischen Politikerin Laura Garavini, die während der staatlich verordneten Quarantäne in Italien per Internet zugeschaltet war. Weniger als Politikerin, vielmehr als Zeitzeugin, sagt Slomka. Garavini berichtete von der Lage in den Städten und in den Krankenhäusern, von der Ausgangssperre und von Hilfslieferungen. Und am Ende wurde es persönlich.

Marietta Slomka: "In der Tat. Frau Garavini, alles Gute, passen Sie auf sich auf und danke für das Gespräch."
Laura Garavini: "Ich bedanke mich."

Slomka: "Und gleichzeitig als Politikerin - als deutschsprachige Politikerin, da ist natürlich das entscheidende Auswahlkriterium, warum wir sie angefragt haben - ist sie jemand, der gewöhnt ist, öffentlich zu reden und auch eine öffentliche Funktion hat, im italienischen Senat, und jetzt nicht at random irgendwer. Also, sie war Betroffene und Politikerin gleichermaßen."

   

Der Ausstieg

Für Interviews gibt es nicht ewig Zeit, vor allem nicht eingebettet in einem Nachrichtenmagazin wie bei Tagesthemen, "heute journal" und "ZiB 2".

Wann aber ist alles gesagt? Wann ist ein Interview zu Ende? Da sind sich Armin Wolf und Sandra Schulz einig.

Armin Wolf: "Wenn die Zeit aus ist." (lacht) "Naja, bei Interviews zu wirklich komplexen Themen mit Interviewprofis reichen sechs, sieben oder acht Minuten im Normalfall nicht. Also, ich könnte immer auch 20 Minuten oder 25 Minuten machen, in dem Sinn ist es nicht zu Ende."

Sandra Schulz: "Das Interview ist zu Ende, wenn bei uns der von uns sogenannte Backtimer läuft oder die Musik, die ja wenige Sekunden vor den Nachrichten bei uns kommt. Beklagenswerterweise ist es annähernd immer so, dass wir noch zehn bis 700 Fragen auf unserem Zettel haben, wenn die Nachrichten kommen oder auch wenn wir wissen, ja, dass die zehn, zwölf wir haben ja auch längere Interviewstrecken, die 13 Minuten Interviewzeit um sind, allerspätestens ist es dann zu Ende. Ich würde sagen, bei uns ist eher die Ausnahme, dass man mal einen Punkt ist, an dem man sagt so, jetzt war jetzt wirklich alles gesagt. Mir hat's jetzt gereicht. Ich fand es jetzt langweilig. Ich hatte jetzt kein Bedürfnis, da noch weitere Fragen zu stellen. Also bei uns ist es schon oft, würde ich sagen, die Zeit der limitierende Faktor, der das vorgibt, dass jetzt das Interview zu Ende ist oder zu Ende gehen muss.

@mediasres spezial vom 10.04.2020
"Lassen Sie uns den Quatsch beenden" – Die Kunst des guten Interviews
Eine Sendung von Stefan Fries
mit Marietta Slomka, Sandra Schulz und Armin Wolf
Redaktion: Bettina Schmieding
Eine Produktion des Deutschlandfunk 2020

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