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StartseiteDeutschland heuteMit neuen Smartphones raus aus der technischen Steinzeit27.12.2018

Polizei in Baden-WürttembergMit neuen Smartphones raus aus der technischen Steinzeit

Das Polizeirevier 6 in Stuttgart-Bad Cannstatt soll neue Smartphones erhalten. Bislang nutzten die Beamten bei Einsätzen häufig private Handys - und konnten so manche Katastrophe verhindern. Das soll nun anders werden. Doch Skeptiker sagen schon jetzt: Weder reicht die Menge noch der technische Standard aus.

Von Uschi Götz

Smartphones beim Polizeieinsatz in Bad Cannstatt (Deutschlandradio / Uschi Götz)
Raus aus der digitalen Steinzeit im Polizeirevier 6 in Bad Cannstatt (Deutschlandradio / Uschi Götz)
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Die Stimmung ist heiter, auf einem Tisch stehen in Form eines Tannenbaums kleine weiße Päckchen. Der Inhalt ist kein Geheimnis: Heute bekommt das Polizeirevier 6 in Stuttgart-Bad Cannstatt Smartphones. Eine Großstadtwache mit besonderen Herausforderungen, sagt Dietrich Moser von Filseck, stellvertretender Landespolizeipräsident:

"Wir haben hier ja eine zusätzlich, örtlich verankerte Verantwortung. Mit der Mercedes-Benz-Arena, mit der Hanns-Martin-Schleyer Halle, Porsche-Arena, Cannstatter Wasen, also da spielt noch in ganz anderer Weise, als im normalen Großstadtrevier die Musik."

Der Weihnachtsmann ist Baden-Württembergs CDU-Innenminister Thomas Strobl. Kaum hat er seinen gepanzerten Schlitten vor dem Revier geparkt, sagt er mit Blick auf eine Schar in Polizeiuniform gekleideter Beamter:

"Heute ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg erreicht."

Zwei Jahre Entwicklung fürs neue Diensttelefon

Gemeint ist dabei der mühevolle Weg, den das Smartphone in seiner Entwicklung hinter sich gebracht hat. Über zwei Jahre wurden das Handy entwickelt, es gab Probleme mit der Hardware, dann war vor allem die IT-Sicherheit ein großes, zeitraubendes Thema. Schwamm drüber: 

"Nun haben wir einen Punkt erreicht, an dem wir unsere Polizistinnen und Polizisten dieses neue Arbeitsmittel auch landesweit guten Gewissens an und in die Hand geben können."

In ihren Händen hielten die Polizisten bislang häufig private Handys, sonst wäre mancher Einsatz in einer Katastrophe geendet. Das berichten Einsatzkräfte, aber natürlich nicht an diesem Tag.

"In der digitalen Welt befinden wir uns in der polizeilichen Steinzeit." Sagt Ralf Kusterer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Baden-Württemberg. Jedes Handy in Privatbesitz sei besser als die Smartphones, die nun die Polizei bekommt:

Keine Messenger-Dienste verfügbar

"Diese Handys, die jetzt ausgegeben werden, die haben zum Beispiel kein Whatsapp oder Messenger-Dienst, also das, was wir so nutzen. Sie haben nicht die Funktionalität, die Sie in ihrem Handy schon seit Jahren haben."

Hat die Polizei in Baden-Württemberg gar die falschen Geschenke bekommen?

"Nicht die falschen Geschenke, sondern man muss einfach zur Kenntnis nehmen, die Philosophie heißt natürlich auch, wir machen vieles selber und nehmen nicht das, was auf dem Markt verfügbar ist."

Niedersachsen etwa habe ein hervorragendes System, lobt Kusterer, der auch stellvertretender Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft ist:

"Sie haben ein Handy dabei und nutzen das auch in diesem Bereich. Abgeschlossene Gruppen, Dienstgruppen können miteinander kommunizieren, man kann Fahndungsfotos oder andere Dinge über diese Gruppen versenden. Wir in Baden-Württemberg wollen einen anderen Weg gehen."

Nicht an anderen Bundesländern orientieren

Das heißt, sich eben nicht an anderen Bundesländern orientieren, die bereits funktionierende Systeme haben. Baden-Württemberg sei einfach in fast allen Bereichen noch im Analogbereich, so das Fazit des Gewerkschafters:

"All das, was der Bürger in seinem täglichen Arbeitsumfeld kennt, hat die Polizei so nicht. Das fängt im Computerbereich an, dass wir abgeschnitten sind, und das haben wir auch in diesem Bereich mit den Smartphones und das Handy, das der normale Bürger täglich nutzt, und wir eben nicht haben und nicht nutzen können."

Dafür hat das baden-württembergische Polizeihandy Funktionen, die der Bürger nicht hat:

"Ein bundesweites Novum wird die Pilotierung einer App sein, die einen direkten Zugriff auf das Einsatzleitsystem der Polizei ermöglicht, über das alle Einsätze beim jeweiligen Präsidium bearbeitet werden."

Eine Streifenbesatzung bekommt so etwa ein Gesamtbild über ein Ereignis, an dem mehrere Einsatzkräfte beteiligt sind. Bislang wurde über Funk informiert. Vor Ort könnten künftig auch die Meldedaten einer Person überprüft werden, erklärt Innenminister Strobl den Polizisten von Revier 6:

"Es werden nämlich Zeit und Ressourcen gespart, wenn eine Streife schon vor Ort, die Meldedaten einer kontrollierten Person überprüfen oder direkt im polizeilichen Informationssystem gehen kann."

Die neuen Smartphones wurden zuvor in drei Polizeipräsidien getestet, symbolisch überreicht Strobl jetzt Smartphones an zwei junge Beamte des Reviers 6: 

"Sollen wir es gleich mal ausprobieren?" Nein, ausprobieren geht nicht, bekommt der Innenminister erklärt, die Beschenkten seien noch gar nicht eingewiesen in die neue Technik. Zurzeit werden insgesamt 1.000 Smartphones landesweit in den Polizeirevieren verteilt:

"Es reicht natürlich bei weitem nicht aus, was da unter dem Weihnachtsbaum liegt. 1.000 sind viel zu wenig." Kritisiert Kusterer von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Doch der Innenminister hat Nachschub versprochen und zwar bereits im kommenden Jahr. Im Nachtragshaushalt seien rund drei Millionen Euro für die Ausstattung der Polizei vorgesehen.

Und so hoffen viele Polizistinnen und Polizisten in Baden-Württemberg, der Weihnachtsmann werde ein paar Sonderschichten einlegen.

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