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StartseiteKultur heutePolnische Farbenlehre in München29.03.2009

Polnische Farbenlehre in München

Johan Simons inszeniert "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" an den Kammerspielen

Johan Simons inszeniert an den <papaya:link href="http://www.muenchner-kammerspiele.de/" text="Münchener Kammerspielen" title="Münchner Kammerspiele" target="_blank" />- und wird dabei von den Kritikern kritisch beäugt werden. Denn der niederländische Regisseur wird ab dem nächsten Jahr als Nachfolger von Frank Baumbauer die Intendanz in München übernehmen. Simons wagt sich an einen hochdekorierten Filmstoff: Drei Farben: Blau, weiß, rot von Krystof Kieslowski.

Von Cornelie Ueding

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Münchner Kammerspiele

Ein schwerer Kombi kracht senkrecht, Kühler voran, aus dem Schnürboden auf die Bühne, durchbricht die Holzbretter, die immer noch und immer wieder die Welt bedeuten sollen, und bleibt drin stecken. Der nachgestellte Unfall, bei dem eine Frau Mann und Kind verliert. Innerlich abgestorben lebt sie allein weiter, meidet jede neue Bindung, leugnet und zerstört die alte Beziehung zu ihrer Mutter.

Ein Mensch ohne Herz, Ticks statt Affekte: Immer wieder überprüft und zählt sie die Knöpfe an ihrem Mantel, der blau ist. Die Farbe der Freiheit nach der an der Trikolore entwickelten Farbenlehre des früh verstorbenen polnischen Filmemachers Kieslowski. In allen drei Teilen der Filmtrilogie und ihrer von Koen Tachelet bearbeiteten, an den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Theaterfassung geht es um das Leben nach einem schweren Verlust.

Der zweite, der Farbe Weiß für Gleichheit gewidmete Teil ist dem Looser Karol gewidmet; der geborene Underdog, so scheint es: impotent, heimatlos, autolos, fraulos. Im Focus des 3. Teils Rot schließlich steht ein verbitterter Richter mit seinem verquälten Rachebedürfnis, dem einst, vor vielen Jahrzehnten, die Liebe seines Lebens untreu wurde. Von wegen Brüderlichkeit: seitdem hört er zur Bestätigung seines düsteren Weltbilds die Telefongespräche seiner Nachbarn ab.

Alle drei Figuren sind aus der Welt gefallen - und Kieslowski fragt danach, wie es unter solch extremen Lebensbedingungen mit den idealen Werten, zum Beispiel denen der Französischen Revolution, aussieht. Botschaften, das hat er immer wieder betont, wollte er nicht vermitteln. Nur Fragen stellen. Regisseur Johan Simons hat sich daran gehalten. Es ist, als ob der Übersetzungsvorgang vom Film auf die Bühne zu einer überbordenden Vielstimmigkeit der theatralischen Möglichkeiten geführt hätte, und das neue Medium virtuos all diese Möglichkeiten ausspielen wollte: ernstes Ehedrama, karges Protokoll, Morality Play, grelle Groteske, commedia dell'arte, witzige Farce - Simons polnische Pointen-Revue kennt keine Berührungsängste.

Und das kalkulierte Risiko dieser Übertragung geht im zweiten Teil fulminant auf. Im Koffer aus der ungastlichen französischen Wahlheimat nach Polen zurückexpediert, scheinen dem von Thomas Schmauser zum Verzweifeln brillant Gespielten neue Kräfte zuzuwachsen: Zwischen Profiteuren, Geldwechslern, Schiebern, Zuhältern, zwischen unterschiedlichsten geschlechtlichen Transvestiten lavierenden und allen möglichen anderen comic-artig schrägen Vögeln entdeckt der Versager sein Potenzial, mutiert der Underdog nach kurzer Killer-Laufbahn zum quirligen Überflieger, der mal eben zwei ausgebuffte Spekulanten abzockt, eine Import-Export-Firma gründet, den eigenen Todesfall gekonnt inszeniert - nur um die als Universalerbin eingesetzte, geliebt-gehasste Dominique unter Mordverdacht ins Gefängnis zu bringen. Rache - die in diesem Fall nicht süß, sondern mit schräg angedeuteter Reue endet. Rache, Vergeltung ist auch der Stoff für den drittenTeil dieser Revue der Werte: Liberté, Égalité, Fraternité.

Doch ach, dieses zähe Endlos-Verhör "Wo ist das Recht, wo bleibt die Gerechtigkeit", dem eine ebenso liebe wie ungeliebte, sehr ernsthafte junge Frau den unliebenswürdigen und ungeliebten Richter unterzieht, ist allzu schlicht geraten. Schon der erste Teil war zu lang und hat eigentlich mit der tiefgekühlten Unfall-Überlebenden im Zentrum vor allem den theatralischen Beweis dafür angetreten, wie leblos ein Theater ohne Affekte ist. Kein Zweifel: im Bemühen, den bei derartig großen Themen lauernden Kitsch zu vermeiden. Denn, so will es das Drehbuch, die versteinerte Witwe möchte schließlich die Europa-Hymne ihres Komponistengatten doch lieber vollenden statt die Fragmente zu verbrennen, und dann, Gipfel der neu entdecken Möglichkeiten ihrer Freiheit, alles dem noch ungeborenen Kind seiner Geliebten hinterlassen.

Doch erst nach der vorausgegangenen, überbordend schwerelosen Groteske des Mittelteils trifft den Zuschauer der Verlust der Leichtfüßigkeit besonders hart. Nur im Mittelteil ist es Simons gelungen, dem etwas abgestandenen systemkritischen, aber irgendwie doch von Europa-Euphorie getragenen Text den Nach-Wende-gestählten Zynismus zu entlocken.

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