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StartseiteKommentare und Themen der WocheZu früh für ein Denkmal30.08.2019

Polnische Opfer des NationalsozialismusZu früh für ein Denkmal

Der deutsche Überfall auf Polen vor 80 Jahren sowie der darauffolgende Terror der Nationalsozialisten im Nachbarland sei bisher zu wenig beachtet worden, meint Florian Kellermann. Ein Denkmal aber würde wie ein Schlussstrich wirken - und der käme zu früh.

Von Florian Kellermann

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Junge sitzt in Warschau auf einem Trümmerhaufen (imago / WHA)
Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen, September 1939 (imago / WHA)
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Kein Zweifel: Es sind gewichtige Motive, die zur Idee eines sogenannten Polen-Denkmals geführt haben. Es würde ein Schlaglicht auf einen bisher zu wenig beachteten Aspekt des Zweiten Weltkriegs werfen. Der Terror des deutschen Angriffskriegs und der Besatzung in Osteuropa ist vielen in seinem ganzen Ausmaß bisher nicht bewusst geworden.

Dafür gibt es eine plausible Erklärung: Der Holocaust hat das kollektive Gedächtnis in Anspruch genommen, seine Singularität, seine Unfassbarkeit. So kann man es verstehen, warum der damalige Bundespräsident Roman Herzog an den Aufstand im Warschauer Ghetto dachte, als er zum Jahrestag des Warschauer Aufstands eingeladen war.

Und wer weiß schon, dass die Luftwaffe am 1. September 1939 die polnische Stadt Wielun bombardiert hat? Die Stadt, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag Morgen mit seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda besuchen wird.

Zu viele Fragen ungeklärt

Wir sollten uns also in der Tat bemühen, diese Erinnerungslücke zu füllen. Ein Denkmal ist dafür allerdings nicht das richtige Mittel, jedenfalls nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Das zeigt die Diskussion um das Vorhaben. Ungeklärt ist bisher die Frage, für wen das Denkmal eigentlich sein soll.

Für die polnischen Opfer, heißt es. Aber sind damit dann auch die ermordeten polnischen Juden gemeint? Wenn ja, klingt das merkwürdig, denn für sie gibt es bereits das Holocaust-Mahnmal. Und sie starben in der Mehrzahl, weil sie jüdischer Abstammung waren, nicht, weil sie Polen waren. Oder soll das Denkmal nur für die nicht-jüdischen polnische Opfer sein? Dann würden wir die polnischen Juden ja gewissermaßen ein zweites Mal ausgrenzen.

Auf diese Frage gibt es vielleicht irgendwann eine befriedigende Antwort, aber bisher ist sie alles andere als ausdiskutiert.

Offene Diskussion ist nötig

Die zweite kritische Frage: Warum soll es ein Denkmal für die polnischen Opfer geben und nicht gleichzeitig auch für die ukrainischen, russischen und weißrussischen? Der Krieg und die Besatzung waren dort nicht minder brutal. Sollen nun alle Nationen, die so stark gelitten haben, ein eigenes Denkmal erhalten? Vielleicht ja, vielleicht sollte aber auch eine ganz andere, nicht nationale Form des Gedenkens gesucht werden. Auch hier kann man eine Antwort finden, aber nur durch eine zeitlich nicht begrenzte, offene Diskussion.

Wenn sich eine Nation ein Denkmal gibt, dann setzt sie damit auch einen Schlussstrich. Dann ist sie sich über etwas klar geworden, und möchte das sich und der Welt zeigen. Doch an diesem Punkt sind wir nicht, was die Erinnerung an den Terror insgesamt betrifft, den Deutschland mit Krieg und Besatzung über Osteuropa gebracht hat.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, Jahrgang 1973, hat sich als freier Autor seit Jahren auf Reportagen und Berichte aus den Ländern Mittel- und Osteuropas konzentriert. Grundlage für die Qualität seiner Berichte sind neben langjähriger journalistischer Erfahrung seine exzellenten Kenntnisse der Region, ihrer Kulturen und ihrer Sprachen sowie ein Studium der Philosophie und Slawistik an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau. Er berichtet für Deutschlandradio seit 2008 mit Sitz in Warschau aus Polen, der Ukraine und – gemeinsam mit dem Moskau-Korrespondenten Thielko Grieß - auch aus den baltischen Staaten und Weißrussland.

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