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StartseiteCorsoDie Krise des Pop-Journalismus verschärft sich30.05.2020

Pop-JournalismusDie Krise des Pop-Journalismus verschärft sich

Renommierte Musikmagazine wie "Spex" und "Groove" sind hart getroffen von den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Anzeigenerlöse sind weggebrochen, die Magazine brauchen dringend neue Abos, aber bislang ist kaum Rettung in Sicht.

Von Christoph Möller

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Ausgaben des Classic Rock Magazins mit der Band Led Zeppelin auf dem Cover. (imago/Marius Schwarz)
Egal ob Print oder Online - Musikmagazine kämpfen ums Überleben (imago/Marius Schwarz)
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"Für mich ist es vor allem emotional schlimm", sagt Laura Aha - sie ist freiberufliche Musikjournalistin aus Berlin und war bis zur Corona-Krise freie Redakteurin für das Magazin "Groove". Jetzt ist ihre Stelle weggespart worden, das Magazin hat kein Geld mehr.

"Groove war der erste Job, den ich in der ganzen Branche überhaupt jemals hatte, da habe ich mein erstes Praktikum gemacht 2015. Und das war mein Ausgangspunkt für alles. Ich bin dem Magazin schon sehr lange verbunden. Das ist für mich persönlich einfach traurig, dass es der Branche gerade so schlecht geht und dass es uns so schlecht geht."

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

"Groove" ist ein Online-Magazin für elektronische Clubmusik und hart getroffen von der Corona-Situation. Anzeigen sind von heute auf morgen weggebrochen. Und wer auf die Webseite geht, wird mit einem Hilfeaufruf begrüßt: "Unsere letzte Chance" steht da. 1.500 neue Abonnentinnen und Abonnenten braucht "Groove", um die nächsten zwölf Monate zu überstehen. Aktuell sind es gerade mal 400 neue. Der Künstler Wolfgang Tillmans unterstützt das Magazin mit Plakaten, die er gestaltet hat und die es als Abo-Prämie gibt.

Auch britische Magazine in der Krise

Es steht schlecht um den Musikjournalismus. Auch in Großbritannien, eigentlich ein Land mit einer vielfältigen Musikpresse, sieht es teilweise düster aus. Das Magazin "The Wire" kann sich nur noch mit Müh und Not halten, erklärt Herausgeber Tony Herrington.

"Die Werbeeinnahmen sind weg. Für ein kleines Magazin haben wir aber eine große Zahl an Abonenntinnen und Abonnenten - nur dadurch können wir überleben."

Auch das "Q Magazine", das die deutsche Bauer Media Group verlegt, steht verlagsintern zur Disposition. "Loud & Quiet", ein kleines, unabhängiges Heft, kämpft wie "Groove" um neue Abos. Offenbar erfolgreich. Dreiviertel der benötigten Abos sind in kurzer Zeit zusammengekommen.

"Kleine Magazine haben es leichter als große Magazine, weil sie geringere Kosten haben. Sie sind viel flexibler und können auf veränderte Umstände schneller reagieren", so Herrington.

Cover des Magazins Spex aus dem Jahr 1991 (Quelle: www.spex.de) (Quelle: www.spex.de)Musikmagazine in der Krise - Retro als Rettungsanker
Der Musikjournalismus in Deutschland ist noch nicht tot – er riecht nur etwas komisch. Um zu überleben, setzten Musikzeitschriften verstärkt auf alte Helden. Was sie letztendlich auch nicht retten wird, sagt Linus Volkmann.

Diverserer Pop-Diskurs im Netz

Dass die Krise der Pop-Schreibenden vielleicht auch eine Krise der Pop-Lesenden ist, glaubt der Journalist allerdings nicht. Er meint, ein Heft wie "The Wire", das besonders experimenteller Musik eine Stimme gibt, sei gerade in Zeiten von Corona ein wichtiger Teil der kulturellen Daseinsvorsorge.

"Wir fühlen eine große Verantwortung, weiter über Musik zu berichten - auch, weil wir unserer Community solidarisch zur Seite stehen wollen. Dieses Ding wird wieder verschwinden und wir müssen bereit sein, die Infrastruktur der Musik wiederaufzubauen, sobald die Pandemie vorbei ist."

Womöglich ist die Krise der Musik-Magazine aber auch eine Chance für eine vielfältigere Berichterstattung. Laura Aha hat kurzerhand einen Corona-Krisen-Podcast gestartet, sie spricht in Livestreams über feministische Themen, etwa wie Menstruation in Musik thematisiert wird. Und die Pop-Journalistin Christina Mohr beobachtet, dass Kulturjournalistinnen wie Laura Aha charakteristisch sind für eine junge Generation, die im Internet einen viel diverseren Pop-Diskurs führt. Abseits bekannter Publikationen wie "Spex", "Groove" oder dem "Rolling Stone".

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Prekäre Lage für analytischen Musikjournalismus

"Dadurch entstehen dann natürlich auch wieder neue Lesergruppen, die dann vielleicht sagen: Ach, naja, was der Typ da immer im ‚Rolling Stone‘ geschrieben hat, das kann mein Kumpel mit seinem Blog aber auch ganz gut. Also, dass durch die Fülle und Verschiedenheit der Stimmen die Sonderposition der früheren Autoren, dass die so ein bisschen bröckelt."

Musikmagazine halten normalerweise musikalische Szenen zusammen. Doch worüber sollen sie berichten, wenn diese Szenen brach liegen? Wenn Konzerte abgesagt und Alben verschoben sind? Es ist schwer zu sagen, ob ein Magazin wie "Groove" die Krise überleben wird und vielleicht sogar mit einer stärkeren Community weitermachen kann - oder ganz in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Die Lage für analytischen Musikjournalismus ist prekär. Christina Mohr meint allerdings, so wichtig wie jetzt war ein Magazin wie "Groove" vielleicht noch nie.

"Die Musik ist ja nicht tot. Was ich jetzt so beobachte: dass jetzt Plattenfirmen, Promo-Leute, Musiker selbst sehr, sehr, sehr bestrebt sind, dass wenigstens berichtet wird, dass man nach Wegen sucht, wie die Musik trotzdem unters Volk kommt, in Zeiten wie jetzt."

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