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StartseiteBüchermarktPorträt des Hamburger mairisch Verlags10.09.2010

Porträt des Hamburger mairisch Verlags

Kurzgeschichte wird hier gepflegt

Der Hamburger mairisch Verlag ist ein unabhängiger jungen Verlag. Die drei Gesellschafter kennen sich seit ihrer Kindheit. Gemeinsam entdecken sie junge Autoren und experimentelle Hörspiele. Für ihr Programm erhielten sie 2006 den Verlagspreis der Hamburger Kulturbehörde.

Von Ralph Gerstenberg

Der mairisch-Verlag hat seinen Namen vom hessichen Ausdruck Mairisch - das Unkraut. (Stock.XCHNG Manny Protester)
Der mairisch-Verlag hat seinen Namen vom hessichen Ausdruck Mairisch - das Unkraut. (Stock.XCHNG Manny Protester)
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mairisch – das klingt nach ländlicher Idylle, nach grünen Wiesen, weitem Himmel, Wäldern und Seen. Der gleichnamige Verlag hat seinen Sitz jedoch in Hamburg. Weder Mundart-Dichtung noch Heimatromane werden dort publiziert, sondern Bücher von jungen Autoren, Literatur am Puls der Zeit. Der Name "mairisch" verweist auf den Ursprung des Verlages, ins hessische Rodgau, wo Mitte der neunziger Jahre drei Gymnasiasten, inspiriert von Social Beat und Poetry Slams, Literaturveranstaltungen im örtlichen Kulturzentrum zu organisierten und Texte in selbstkopierten Postillen herausgaben. Daniel Beskos:

"Wir haben einfach Literaturheftchen zusammengeklebt und irgendeine von unseren Omas kam heraus und hat gesagt, wir sollen nicht so einen Quatsch machen, sondern lieber mal das Mairisch im Garten rausrupfen. Das sagen die da so für das Unkraut. Und irgendwie ist dann dieser Name so hängen geblieben. Er ist ganz gut, weil er im Prinzip keine Bedeutung hat, für niemanden außer uns, die dieses Dialektwort kennen, und dadurch verbindet er uns. Andererseits ist es einfach ein Name, okay ist, der schön ist und der noch frei war. Das muss man ja auch immer gucken mit den Domains. Und das hat sich dann im Nachhinein als sinnvoll rausgestellt."

Offiziell betreibt Daniel Beskos den mairisch Verlag im Trio mit Blanka Stolz und Peter Reichenbach seit nunmehr zehn Jahren. Kurz vor der Jahrtausendwende haben die damali-gen Studenten der Literatur- und Medienwissenschaften ihren privaten Literaturvertrieb bei den Behörden als richtigen Verlag eintragen lassen: Daniel Beskos:

"Man geht zum Gewerbeamt, jeder zahlt - damals, ich glaube - 30 Mark, dann hat man eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet. Und das war es. Ich glaube, andere Verlage würden eher einen Businessplan schreiben, hätten einen Grafiker, der das ganze Corporate Design macht, und würden wahrscheinlich zur Bank gehen und mit denen Gespräche machen. Und das haben wir alles nie gemacht. Das ist tatsächlich aus diesem Hobby heraus entstanden, und nachdem wir dann irgendwann mit der Universität fertig waren alle drei, haben wir gemerkt, das ist ja ein richtiges Unternehmen, was da schon läuft. Wir hatten zehn Autoren, fünf Fotografen, wir hatten ganz viele freie Designer, mit denen wir gearbeitet haben, und haben gesagt: Na ja, das bauen wir jetzt weiter aus."

Organisch wachsen wie das namensgebende Unkraut sollte der kleine Verlag. Doch damit das Mairisch richtig sprießen kann, braucht es das richtige Klima. Das fanden die Kleinver-leger nach mehreren Stationen in der Provinz in der Hansemetropole, wo sie ab 2002 fünf Jahre lang junge Autoren in einer eigenen Lesereihe präsentierten. In Hamburg war dann auch bald Schluss mit den semiprofessionell vertriebenen Kleinstauflagen, die sie auf Le-sungen oder im Mailorderversand verkauften. Ab 2005 präsentierte der Verlag seine Pro-dukte erstmals im Buchhandel. Mit Finn-Ole Heinrichs Debüt "Die Taschen voll Wasser" gelang dem Verlag auch gleich ein Überraschungserfolg. Daniel Beskos:

"Ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Wir haben uns völlig verkalkuliert. Die erste Auflage war sofort weg, die Zweite auch innerhalb von einer Woche. Dann war so eine ganz kleine Besprechung irgendwo in einer Zeitschrift, und daraufhin ging’s aber total ab, das Buch. Und wir haben gedacht, he, das funktioniert ja richtig, wenn man das gut aufzieht, wenn man das gründlich lektoriert, wenn man eine langfristige Zusammenarbeit mit den Autoren macht und wenn man es dann noch versucht, in eine möglichst gutgemachte Buchgestaltung zu verpacken, dann haben wir echt gemerkt, dass das eine gute Resonanz gibt, viel mehr als vorher natürlich."

Der mairisch Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Belletristikautoren zu ent-decken, zu fördern und langfristig auf ihrem Weg zu begleiten. Neben Finn-Ole Heinrich, der inzwischen bereits sein drittes Buch bei mairisch veröffentlicht hat, fanden auch Michael Weins und Andreas Stichmann, der im letzten Jahr mit dem Erzählband "Jackie in Silber" debütierte, bei dem Hamburger Kleinverlag ihre literarische Heimat. Mittlerweile raten Daniel Beskos und seine Kollegen davon ab, ihnen Manuskripte zu schicken. Dennoch erhalten sie vier bis fünf Zusendungen wöchentlich. Ihre Autoren finden sie jedoch in der Regel über Empfehlungen oder auf Literaturveranstaltungen. Dem Ent-schluss, ein Buch zu veröffentlichen, geht meist eine längere Entscheidungsphase voraus. Daniel Beskos:

"Komischerweise, obwohl wir alle Literaturwissenschaft studiert haben, habe ich nicht das Gefühl, dass da literaturwissenschaftliche Kriterien eine Rolle spielen. Also wir haben da nicht so einen germanistischen Ansatz. Im Gegensatz zu allen andern Entscheidungen sind die Inhalte immer eine absolute Bauchentscheidung. Man sagt einfach: Ich find den super. Oder: Ich seh’ das irgendwie nicht. Das sind die Argumente. In allen anderen Be-reichen tun wir das aber schon, dass wir sehr rational und argumentativ über Gestaltung über Auflagen oder Sonstiges diskutieren, aber im inhaltlichen ist es eine Bauchent-scheidung. Und zum Glück ist es bisher fast immer so gewesen, dass wir uns inhaltlich einig waren."

Der zweite Schwerpunkt des mairisch Verlages ist das Hörspiel. In der mp3-Anthologiereihe "pressplay", deren erste Folge durch eine Ausschreibung entstand, wird nun regelmäßig eine repräsentative Auswahl von Arbeiten veröffentlicht, die in der freien Hörspielszene entstanden: akustische Collagen, dramatisch-musikalische Miniaturen, dem formalen Soundexperiment meist näher als dem traditionellen Hörspieldialog. In dem Stück "Gelöst, entspannt und locker", mit dem Tom Heithoff vor zwei Jahren den Hör-spielpreis der Frankfurter Buchmesse gewann, werden die Anweisungen eines Ent-spannungstrainers mit den Aggressionen konfrontiert, die beispielsweise beim Auf-schlagen der Zeitung entstehen können:

"Setzen Sie sich bequem hin! Die Arme liegen bequem auf der Lehne oder auf den Oberschenkeln, die Füße stehen bequem auf den Muskeln, die gerade angespannt waren!" - Hier: "Drama um Cindy, Obdachloser hat Hund drei Tage in seiner Gewalt!" Das steht auf der allerersten Seite links oben." – "Schließen Sie die Augen!" – "Ich habe mir eine, eine …" – "Atmen Sie ruhig und tief! Tief ein und aus!" – "Es kommen immer mehr Aus-länder ins Land …"

Daniel Beskos:
"Wir haben irgendwann durch eine eigene Hörspielproduktion mitbekommen, dass es in den letzten Jahren eine große Szene gibt von Leuten, die sich frei mit dem Hörspiel be-fassen und die das nicht im ARD-Auftrag machen. Dadurch, dass die technischen Möglichkeiten besser wurden in den letzten Jahren, dass man einfach zu Hause unauf-wendig gute Qualität produzieren kann oder im kleinen, selbst gemachten Studio, haben wir gemerkt, dass die Stücke einfach auch besser wurden, jetzt nicht nur inhaltlich, sondern auch die technische Umsetzung ist einfach wahnsinnig gut geworden. Wir hatten dann eben die Ausschreibung für die erste Anthologie "pressplay" und haben dann so 130 Hörspiele bekommen. Die haben wir dann an zwei Wochenenden hintereinander durch-gehört. Danach brummt einem so ein bisschen der Kopf, aber es war auch total spannend, was da alles eingeschickt wurde. Und nachdem die Resonanz großartig war und uns das Projekt gefallen hat, wollen wir das einfach weiter fortsetzen, diesen Schwerpunkt."

Natürlich finden derart ambitionierte Projekte nur ein Nischenpublikum, doch da Daniel Beskos und seine Mitstreiter nicht von ihrer Verlagsarbeit leben müssen, können sie sich das leisten. Circa zwei Bücher und eine CD pro Saison, mehr ist für das Verlegertrio, das nebenbei noch jobbt, momentan nicht zu bewältigen. Doch die Umsätze und Auflagen steigen kontinuierlich. Weniger als 2000 Exemplare werden heute von keinem mairisch-Buch mehr gedruckt. Früher wäre das eine Zahl gewesen, von der keiner zu träumen ge-wagt hätte. Der Verlag wächst, meint Daniel Beskos, aber organisch, so wie das Mairisch. Daniel Beskos:

"Ich glaube schon, dass es der Wunschzustand von allen Beteiligten wäre, dass wir nichts anderes mehr machen als den Verlag. Jetzt ist es aber so, dass man das künstlich aufblasen kann. Wir müssten Kapital aufnehmen, wir müssten mehr Leute einstellen, um mehr Bücher produzieren zu können, und dann würden wir mehr Umsatz haben, aus dem heraus wir unsere Gehälter finanzieren würden. Das ist aber, glaube ich, nicht organisch. So, wie es jetzt ist, wenn’s so weiter wächst, ist es in zwei Jahren von selber passiert. Also wir müssen’s jetzt nicht künstlich aufblasen."

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