Donnerstag, 16.08.2018
 
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Porträt von Delhi"Im Rausch des Geldes"

"Delhis Fantasien sind feudal", schreibt der indisch-englische Schriftsteller Rana Dasgupta in seinem Sachbuch "Delhi. Im Rausch des Geldes". Entstanden ist dieses literarische und soziale Porträt aus zahlreichen Interviews mit Delhis Mittel- und Oberschicht, mit Hindus, Muslimen oder Sikhs.

Von Sonja Ernst

BDichter Verkehr herrscht am 15.10.2012 auf einer Straße im Slum Shastri Park am Fluß Yamuna im Osten von Delhi. (Christian Charisius/dpa)
Delhi stehe beispielhaft für einen globalen Kapitalismus, den es bald auch in London oder Paris geben wird, schreibt Rana Dasgupta. (Christian Charisius/dpa)
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Delhi, Indiens Hauptstadt, mit seinen fünfzehn, vielleicht achtzehn Millionen Menschen? Wer weiß das schon genau. Viele leben in blanker Armut, das ist gewiss. Und, dass es immer mehr Millionäre gibt.

Man könnte meinen, ein Ort so tief verwurzelter Ungleichheit wie Delhi müsse eine Sehnsucht nach demokratischen Verhältnissen wecken, doch das ist nicht der Fall: Delhis Fantasien sind feudal.

Diese feudalen Fantasien hat Rana Dasgupta niedergeschrieben – in seinem Buch "Delhi – im Rausch des Geldes". Dafür führte er zahlreiche Interviews – vor allem mit Menschen der Mittelschicht und mit den Reichen der Stadt. Warum? Das erklärt er im Gespräch:

"Hauptsächlich wollte ich das Buch schreiben, um mir jene Leute näher anzuschauen, die die Regeln aufstellen. Und jene, die von der aktuellen Situation in Indien profitieren. Denn ihr Einfluss auf diesen Ort und letztlich auch international, wird künftig bedeutsam sein. Ich wollte herausfinden, welchen Kapitalismus wir erwarten müssen – unter dem Einfluss dieser Klasse der Wohlhabenden in Neu-Delhi."

Sagt Rana Dasgupta. Einundvierzig Jahre alt. Schriftsteller. Halb indisch-halb englisch. Er wuchs in England auf, ging nach New York und kam im Jahr 2000 nach Delhi – der Liebe wegen. Er fand eine Stadt im Aufbruch – alles schien möglich. 1991 hatte Indien seine Wirtschaft liberalisiert. Zuvor hatte man sich Jahrzehnte lang vom Weltmarkt abgeschottet. Jetzt sollte vieles besser werden. Doch spätestens 2010 wird Dasgupta klar, dass alle Hoffnungen dahin sind. Er schreibt:

Landraub und die altbekannte Korruption, die in diesen späteren Jahren so ins Kraut schossen, der Machtzuwachs der Eliten auf Kosten anderer, die Umkehr alles Langsamen, Vertrauten, Charakteristischen ins Schnelle, Monumentale, Anonyme – das machte es schwer, noch von einer Zukunft voller Überraschungen zu träumen.

Geschichte Delhis und Indiens

Aber, was bleibt dann? Das will Dasgupta wissen. Er fragt nach bei Hindus, Muslimen und Sikhs, auch bei den Nicht-Korrupten und den sozial Engagierten. Bei einem Modemacher, einem Metallhändler, bei Patienten einer Privatklinik. Manche von ihnen treten im Buch unter Klarnamen auf, andere unter Pseudonym.

Da ist zum Beispiel Sukhvinder. Geschäftsfrau aus vermögender Familie. Ihre arrangierte Ehe scheitert an der traditionellen Frauenrolle, in die sie schlüpfen soll. Die Ehe endet in Gewalt und Trennung. Oder Mickey. Ende 20. Wirklich reich. Das Familienunternehmen macht einen Jahresumsatz von einer Milliarde US-Dollar. Er will Ländereien in Afrika kaufen und bewirtschaften lassen - von indischen Bauern. Während des Gesprächs will Dasgupta von ihm wissen, wer der mächtigste Mann Delhis sei:

Das hängt ganz von der Politik ab. Man kann eine Milliarde besitzen, aber wenn man keine Beziehungen hat, heißt das gar nichts. Meine Familie baut seit zwei Generationen Beziehungen auf, und wir kennen jeden. Wir kennen Leute in jeder Partei, und es schadet uns nie, wenn die Regierung wechselt.

Da sind sie – diese feudalen Fantasien, die Dasgupta eingefangen hat. Gut 460 Seiten umfasst sein Buch, sein erstes Sachbuch. Kraftvoll geschrieben, spannend zu lesen. Mal gelingt es ihm, die Erzählenden prägnant herauszuarbeiten, mal bleiben sie unscharf. Dennoch: Beim Lesen bekommt man ein Gespür dafür, was da vor sich geht in dieser Stadt – bei den Reichen und in der Mittelschicht, die nur einen kleinen Teil von Delhis Bevölkerung ausmachen. Wie denken sie, wie leben sie? Was treibt sie an, was stört sie?

Dabei geht das Buch über die Interviews weit hinaus. Skizziert wird auch die Geschichte Delhis und Indiens. Anhand der Vergangenheit wird erklärt, wieso Delhi heute ist, was es ist. Einen Grund dafür sieht Dasgupta in der Teilung des britischen Territoriums, 1947, in Indien und Pakistan. Mit der Unabhängigkeit kamen eine Million Flüchtlinge aus dem dann pakistanischen Punjab nach Delhi – das vierhundert Kilometer von der Grenze entfernt ist.

Delhi als Symbol für globalen Kapitalismus

"Sie kamen als Flüchtlinge – und sie besaßen überhaupt nichts. Sie mussten ihre Leben wieder von Neuem aufbauen. Das ist absolut zentral, um zu verstehen, welche besondere Rolle Geld und Eigentum in dieser Stadt spielen."

Doch diese Flüchtlinge aus dem Punjab bleiben im Buch teils stereotyp. Außerdem: Die Teilung ist nur eine historische Größe. Es ist vor allem die Gegenwart – nämlich ein hochgerüsteter Kapitalismus, der die vielen jungen Menschen in Delhi prägt. Dennoch: Für Dasgupta steht fest, dass sich Delhi, eben aufgrund seiner besonderen Geschichte, nicht entwickeln wird wie London oder Paris. Die bittere Armut wird nicht enden.

Aggressiv und selbstgerecht werden die Wohlhabenden ihre Macht ausbauen – so Dasgupta. Und er geht einen Schritt weiter. Delhi ist für ihn ein Symbol. Die Stadt stehe beispielhaft für einen globalen Kapitalismus, den es bald auch in London oder Paris geben wird.

"Mir fällt auf, dass wir an einen Punkt gelangt sind – nach rund zwei Jahrhunderten, in denen der Westen bestimmt hat, wie Kapitalismus ausschaut. Jetzt gibt es neue Länder, die dieses System, dem wir alle angehören, verändern werden."

Abbild der Gesellschaft Delhis als Warnung an den Westen

Zu diesen neuen Ländern gehört Indien mit Delhi. Und hier wird es spannend. Dasgupta dreht alles auf den Kopf. Nicht die Städte des Westens sind das Wachstumsmodell, sondern Delhi. Ein Modell, das sich niemand wünscht, der nicht zur Elite gehört. Dasgupta tritt als Warner auf – zu viele soziale Errungenschaften würden im Westen zurzeit abgebaut.

Doch hier hakt seine Argumentation. Denn wenn Delhis Kapitalismus eine Folge der besonderen Geschichte der Stadt ist, dann kann Delhi keine Blaupause sein für Städte im globalen Kapitalismus. Diesen Widerspruch löst Dasgupta nicht auf.

Dennoch hat er ein starkes Buch vorgelegt, das eindrücklich Delhis Gesellschaft abbildet. Und für die Leser im Westen ist es auch für die Binnensicht relevant. Denn bei der Lektüre stellen sich zwei Fragen: Wie viel soziale Gerechtigkeit wollen wir im Westen, in Deutschland erhalten? Und wie viel soziale Gerechtigkeit wollen wir für den Rest der Welt? Denn der Konsum von Billigprodukten aus Indien und anderen Ländern fördert die soziale Ungleichheit.

Rana Dasgupta: "Delhi. Im Rausch des Geldes"
(Übersetzung: Rudolf Hermstein, Barbara Heller)
Suhrkamp Verlag, 462 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42457-5

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