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StartseiteEuropa heuteDas Dorf der blonden Frauen18.10.2018

Portugal der 40er-Jahre (4/5)Das Dorf der blonden Frauen

Portugal kämpfte nicht für die Nazis. Aber wie aus alten Abrechnungen hervorgeht, finanzierte es Frauen und Kindern von NS-Diplomaten zwischen 1945 und 1948 den kompletten Aufenthalt im Land. Offenbar waren sie nach der Ausweisung aus Argentinien auf See von Deutschlands Kapitulation überrascht worden und änderten ihren Kurs.

Von Tilo Wagner

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Caldas da Felgueira ist einer der Orte, in denen das Salazar-Regime zwischen 1945 und 1948 Frauen und Kinder geflüchteter NS-Diplomaten unterbrachte (imago stock&people)
Caldas da Felgueira ist einer der Orte, in denen das Salazar-Regime zwischen 1945 und 1948 Frauen und Kinder geflüchteter NS-Diplomaten unterbrachte (imago stock&people)
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Dichter Regen fällt auf die Lissabonner Altstadt, Autos spritzen dreckiges Wasser von der Straße auf den Gehsteig. Margarida Ramalho kümmert das schlechte Wetter wenig. Sie ist auf einer heißen Spur – und die führt ins historische Archiv des portugiesischen Finanzministeriums. Ramalho gilt als Expertin für alle Fragen, die mit den Flüchtlingsströmen im Portugal der 1940er-Jahre zusammenhängen. Doch diesmal geht es nicht um jüdische Bürger, die vor Hitler fliehen. Diesmal geht es um die Nationalsozialisten.

Ana Gaspar, die Archivdirektorin, erwartet sie bereits. Gaspar holt mehrere dicke Ordner hervor und liest die Kennzeichnung der portugiesischen Geheimpolizei.

"Diese Dokumente sind ja nur Abrechnungen aus der Verwaltung. Wir haben deshalb ein offizielles Schreiben, das uns erlaubt, diese Papiere zu vernichten. Als wir allerdings den Inhalt gesehen haben, haben wir sofort daran gedacht, dass hier ein außergewöhnliches Ereignis dokumentiert ist, und deshalb haben wir die Dokumente aufbewahrt."

Ausländische Gäste in einer Ortschaft interniert

Die Historikerin Margarida Ramalho blättert durch Hunderte Rechnungen und Zahlungsanweisungen. Hotels, Pensionen, Taxis, Arztbesuche, Wäscherei. Zwischen 1945 und 1948 hat die portugiesische Geheimpolizei Dutzenden deutschen Bürgern den Aufenthalt in Portugal komplett finanziert. Ramalho fährt sich durch ihre dunkelblond gefärbten Locken. Das sei sehr ungewöhnlich:

"Es gibt tatsächlich auch die Dokumentation von Hotelrechnungen und anderen Kosten, die die jüdischen Flüchtlinge in Portugal während des Zweiten Weltkrieges verursachten. Doch diese Dokumente liegen in Amerika bei den großen jüdischen Hilfsorganisationen wie Joint. Denn es waren diese Organisationen, die den Aufenthalt jüdischer Flüchtlinge in Portugal finanzierten. Der portugiesische Staat hat kein Geld für diese Menschen zur Verfügung gestellt."

Die Rechnungen stammen bis weit in das Jahr 1948 hinein fast ausschließlich aus zwei kleinen Kurorten im Landesinnern: Curia und Caldas da Felgueira. Ähnlich hatte das Salazar-Regime während des Krieges schon die Verteilung jüdischer Flüchtlinge vorgenommen:

"In beiden Fällen bringt das Regime die ausländischen Gäste in eine Ortschaft und fixiert eine Außengrenze von drei bis vier Kilometern, die die Gäste nicht überschreiten dürfen. Und wenn sie sich außerhalb dieser Zone aufhalten wollen, müssen sie m Erlaubnis bitten. Das war natürlich ein Mittel, um die Flüchtlinge besser zu kontrollieren."

Diplomatisches Korps der Nazis auf der Flucht

Margarida Ramalho hat ein weiteres Puzzlestück gefunden. In Cascais, rund 20 Kilometer westlich von Lissabon, besucht sie den Sohn einer Frau, die in den 1940er-Jahren mit den Deutschen in Caldas da Felgueira aufwuchs.

João Rato blättert in einem großen, alten Fotoalbum. Auf einem Schwarzweiß-Bild eine Gruppe junger Frauen. Ein paar große Blondhaarige stechen aus der Menge heraus:

"Meine Mutter und meine Tante sind im Februar 1946 aus dem belgischen Kongo nach Caldas zurückgekehrt. Und dort trafen sie auf diese Gruppe von Deutschen, die zum Teil in einer Pension untergebracht waren, die meiner Familie gehörte. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt, meine Tante 24, und die gleichaltrigen jungen deutschen Frauen wurden bald sehr gute Freunde."Die Historikerin Margarida Ramalho, bei einer Präsentation 2015 (imago stock&people)Die Historikerin Margarida Ramalho (imago stock&people)

Schon nach kurzer Zeit in der portugiesischen Provinz scheint es für die Deutschen keine Sprachprobleme gegeben zu haben. Margarida Ramalho hat dafür eine Erklärung gefunden:

"Die Deutschen scheinen Teil des diplomatischen Korps in Argentinien gewesen zu sein. Argentinien war neutral, sympathisierte aber lange Zeit mit den Nazis. Erst kurz vor dem Kriegsende erklärte das Land, auch auf Druck der Alliierten, Nazideutschland den Krieg. Damit mussten die deutschen Diplomaten wohl das Land verlassen, aber auf offenem Meer kapitulierten die Nazis und die Deutschen wussten wohl nicht mehr, wohin sie fahren sollten."

Aber wo sind die Männer geblieben?

Auf den alten Familienfotos von João Rato sieht man junge Frauen, Kinder, ältere Damen. Aber keine Männer. Das deckt sich mit den Rechnungsbelegen, die Margarida Ramalho im Archiv gefunden hat.

Wo waren also die deutschen Männer, fragte sich die Historikerin? Festgenommen und in britische Kriegsgefangenenlagern überführt? Und warum bezahlt dann die portugiesische Geheimpolizei einen über dreijährigen Aufenthalt ihrer Familien in Portugal? Ramalho folgt einer anderen Spur:

"Eine Zeugin, die Mutter einer bekannten portugiesischen Historikerin, die auch aus Caldas stammte und mit Joãos Mutter und Tante befreundet war, diese Zeugin also erzählt, dass die deutschen Männer zunächst in Lissabon gefangen wurden, ihnen aber dann mit der Hilfe der portugiesischen Geheimpolizei die Flucht gelang und sie mit einem Schiff hier aus der Bucht in Cascais aufgebrochen sind. Vielleicht ist das nicht viel mehr als nur ein Gerücht, aber es könnte durchaus möglich gewesen sein."

Unterstützung nach 1948 eingestellt

Anfang 1949 war der Traum vom unbeschwerten Leben in der portugiesischen Provinz für die deutschen Frauen und Kinder vorbei. In einer Karte an João Ratos Mutter schreibt eine deutsche Freundin aus Lissabon:

"Am 30. Dezember waren wir bei der Polizei, um Rechnungen zu begleichen. Sie sagten uns, dass es von nun an kein Geld mehr geben würde. Wir sind von Konsulat zu Konsulat gegangen, aber haben nichts erreicht. Und die Schiffe, die in Lissabon andocken, sind alle ausgebucht."

Eine Dlf-Produktion von 2016

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