Samstag, 21.09.2019
 
Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteEuropa heutePortugal fürchtet den Brexit08.04.2016

Portugiesisch-britische BeziehungenPortugal fürchtet den Brexit

Hunderttausende Briten machen regelmäßig Urlaub an der Algarve im Süden Portugals oder verbringen ihren Lebensabend hier. Gleichzeitig hat es viele Portugiesen gerade in der jüngsten Krise auf die Insel gezogen. Doch was passiert, wenn Großbritannien tatsächlich die EU verlässt? Was verändert sich für eine der ältesten Allianzen des Kontinents?

Von Tilo Wagner

Ein Farbfoto von einer Felsküste am Meer im Sonnenuntergang in Portugal an der Algarve-Küste (IMAGO/Westend61)
Portugal, Algarve-Küste in der Nähe von Porches (IMAGO/Westend61)
Mehr zum Thema

Fluchtpunkt Lissabon Exil im Portugal der 1940er-Jahre

Die Sänger António Zambujo und Telmo Pires Fado ohne Staubschicht

Flüchtlinge in Portugal "Die Leute behandeln uns wie Familie"

Schriftsteller Luiz Ruffato Lissabon - ein modernes Babylon

Von der alten Militärstraße im Norden Lissabons fällt der Blick auf eine zersiedelte Landschaft. Felder, Autobahnen, Vorstädte. Vor mehr als 200 Jahren ließ der britische Feldmarschall Wellington hier drei Befestigungslinien errichten. Sie sollten die Hauptstadt vor Napoleons einfallenden Truppen schützen. Im Jahr 1810 erlangten die britisch-portugiesischen Streitkräfte schließlich einen entscheidenden Sieg – die spanischen und französischen Soldaten traten den Rückzug an.

Britische Unterstützung war lange zentral für Portugal

An der Universität Lissabon beschäftigt sich Isabel Lousada seit Jahrzehnten mit den portugiesisch-britischen Beziehungen. Den Beginn der strategischen Partnerschaft zwischen Lissabon und London datiert Lousada auf das Jahr 1386. Ob im Mittelalter oder zu Zeiten Napoleons – die britische Unterstützung hatte für Portugal eine zentrale Bedeutung, um sich gegen die Machansprüche des großen Nachbarn Spanien zu behaupten und die Unabhängigkeit zu bewahren. Doch für das militärische Bündnis musste Portugal über die Jahrhunderte hinweg teuer bezahlen:

"Portugals Wirtschaft hat unter dieser Allianz gelitten. Studien in der Wirtschaftsgeschichte haben gezeigt, dass die Außenhandelsbilanz zwischen beiden Ländern immer zugunsten der Briten ausfällt. Und der Kernpunkt dieser, wenn man so will, wirtschaftlichen Ausbeutung war der Methuen-Vertrag."

EU-Mitgliedschaft mit dem Ziel einer Perspektive in Kontinentaleuropa

Der Vertrag von 1703 garantierte unter anderem den ungehinderten Verkauf von britischen Textilien nach Portugal und in die portugiesischen Kolonien – und für manche Historiker liegt hier ein wichtiger Grund für die späte Industrialisierung Portugals.

Erst im 20. Jahrhundert konnte sich die kleine iberische Nation aus dem engen Griff der Allianz befreien. Im Zweiten Weltkrieg blieb Portugal neutral, und nach der Nelkenrevolution in den 1970er-Jahren strebten portugiesische Politiker wie Mário Soares eine Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft an – auch um dem Land neben seiner atlantischen Ausrichtung endlich eine Perspektive in Kontinentaleuropa zu eröffnen. Und damit unterschied sich von nun an auch die außenpolitische Ausrichtung der beiden Staaten, sagt Isabel Lousada. Portugal wünschte sich mehr Integration, Großbritannien weniger:

130.000 Portugiesen leben heute offiziell auf der Insel

"Portugal kann Großbritannien heute wieder als gleichberechtigter Partner begegnen. Mit der Mitgliedschaft in der EU wird Portugals Wille nach Autonomie nicht mehr nur von einer Macht unterstützt, sondern von einem ganzen Staatenbund. Gleichzeitig hatte Großbritannien ja in der EU schon immer eine Sonderrolle gespielt, zum Beispiel bei der Gründung der EU oder später, als sich London gegen den Euro entschied."

Durch die Mitgliedschaft beider Staaten in der EU ist die alte diplomatische Allianz auch für die Bevölkerung greifbarer geworden. Gerade in den Krisenjahren sind viele junge Portugiesen nach Großbritannien ausgewandert, mittlerweile leben dort offiziell knapp 130.000, fast 50.000 mehr als noch vor vier Jahren.

1,7 Millionen Briten verbringen ihre Ferien in Portugal

Gleichzeitig ist Portugal für die Briten ein beliebtes Ferienziel: 1,7 Millionen haben im vergangenen Jahr Portugal besucht, darunter auch Premierminister David Cameron, der seinen Urlaub regelmäßig an der Algarve-Küste im Süden des Landes verbringt. Zudem haben Tausende von britischen Rentnern ihre Insel verlassen, um im äußersten Südwesten Europas ihren Lebensabend zu verbringen. Welche Konsequenzen ein möglicher Brexit haben könnte, zum Beispiel für die lokale Wirtschaft an der Algarveküste, ist bisher unklar. Der portugiesische Außenminister Augusto Santos Silva ließ in einem Interview mit Deutschlandradio jedoch erkennen, dass sich Lissabon große Sorgen macht:

"Die Europäische Union wäre ohne Großbritannien nicht mehr wiederzuerkennen. Das klingt offensichtlich, aber für Portugal steckt noch viel mehr dahinter. Die Geschichte zeigt uns, dass Portugal seine europäische Politik immer irgendwo zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa angesiedelt hat. Die Konsequenzen eines möglichen Austritts Großbritanniens aus der EU wären so katastrophal, sowohl für das Vereinigte Königreich als auch für Europa, dass wir nur eine Möglichkeit haben, damit umzugehen: Wir müssen alles daran setzen, dass Großbritannien in der EU bleibt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk