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StartseiteKalenderblattDie Poetin, die ihr Land kulturell revolutionieren wollte06.11.2019

Portugiesische Dichterin vor 100 Jahren geborenDie Poetin, die ihr Land kulturell revolutionieren wollte

Die portugiesische Dichterin Sophia de Mello Breyner Andresen gilt als eine der wichtigsten Lyrikerinnen der portugiesischen Sprache. Vor 15 Jahren ist sie gestorben, heute wäre sie 100 geworden. Ihre Poesie und ihre Märchen haben heute noch einen wichtigen Platz in der portugiesischen Kultur.

Von Tilo Wagner

Ein Portrait der verstorbenen Sophia de Mello Breyner Andresen  (imago stock&people)
Sophia de Mello Breyner Andresen ist im Juni 2004 gestorben (imago stock&people)
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Am Anfang ihrer Dichtung war das Meer. Die Brandung, die Weite, die algenbewachsenen Steine an einem Strand südlich von Porto, wo Sophia de Mello Breyner Andresen die Sommer ihrer Kindheit und Jugend verbrachte. 

"Von allen Ecken und Enden dieser Welt lieb ich mit stärkster tiefster Liebe den nackten, den verzückten Strand, wo ich eins wurde mit dem Meer, dem Wind, dem Mond."

Das Gedicht erschien 1944 in ihrem ersten publizierten Band "Poesia". Doch bereits zehn Jahre zuvor begann Andresen, die in Portugal unter ihrem Vornamen Sophia bekannt ist, die Natur in eine poetische Sprache zu gießen. "Die Poesie ist für mich eine lebhafte Notwendigkeit in Bezug auf alle Dinge, in Bezug auf mich selbst und in Bezug auf den Anderen. Die Poesie bezieht sich auf das grundlegende Bedürfnis der Sprache. Denn der Mensch lebt und verwirklicht seine Identität durch die poetische Sprache", beschrieb Andresen ihren Ansatz für ihr Werk.

Sophia de Mello Breyner Andresen, geboren am 6. November 1919, wuchs in einer einflussreichen Familie in Porto auf. In einer Zeit, als rund zwei Drittel der portugiesischen Frauen Analphabeten waren, nutzte Sophia die Gunst ihrer privilegierten Herkunft: Sie besuchte eine katholische Privatschule und begann später ein Studium der klassischen Philologie in Lissabon.

Und sie fand in den Bibliotheken ihrer belesenen Familie auch einen ersten großen dichterischen Bezugspunkt: Mit Friedrich Hölderlin teilte sie in Form und Inhalt die Bewunderung für das klassische Griechenland, das neben der Natur zu einer zweiten Säule ihrer Poesie wurde:

"[...] aus Waldes-Schatten und vom Saum des Meeres ging ich nach Delphi, weil ich des Glaubens war, die Welt sei heilig und habe einen Mittelpunkt, bezeichnet durch zwei Adler in reglos bronze-schwerem Flug. Doch als ich dorthin kam, lag der Palast zerschmettert und zerstört."

Widerstand gegen das Regime

Als Sophia diese Zeilen im Mai 1970 in Delphi schrieb, hatte sie mit dem unbeschwerten Leben im Kreis ihrer großen konservativen Familie teilweise gebrochen. Noch in den 40er-Jahren hatte sie den Lissaboner Anwalt Francisco de Sousa Tavares geheiratet, der sich bald dem Widerstand gegen das autoritäre Regime von Diktator António de Oliveira Salazar anschloss. Tavares verlor seinen Job und saß im Gefängnis, und Sophia musste sich alleine um ihre fünf Kinder kümmern. Sie übersetzte Shakespeare und Dante und begann eine Reihe von Märchen zu schreiben, die bis heute zu den schönsten Werken der portugiesischen Kinderliteratur gehören.

In Lissabon wurde ihr Haus zu einer Insel für Widerständler und Intellektuelle, darunter auch der spätere Sozialistenchef Mário Soares. Als am 25. April 1974 die Militärs das autoritäre Regime in Portugal beendeten und die Demokratisierung des Landes einleiteten, notierte Sophia noch am selben Tag:

"Dies ist das Morgenrot, das ich ersehnte, der Tag des Neubeginns, vollkommen, rein, an dem wir aufgestanden sind aus Nacht und Schweigen: Und frei bewohnen wir die eigentliche Zeit."

Die Poetin ging in die Politik und saß für die Sozialisten in der verfassungsgebenden Versammlung. Sie kämpfte für eine kulturelle Revolution in Portugal und musste dafür Repressionen aushalten:

"Aus dem letzten Interview, das ich zur Zeit des autoritären Regimes gegeben habe, hat die Geheimpolizei einen Satz rausgestrichen. Ich sagte: 'Poesie ist radikale Erkenntnis.' Die Poesie appelliert daran, dass der Mensch in jedem Moment nach der Wahrheit der Dinge suchen soll. Also appelliert sie an menschliche Beziehungen, die wahrhaftiger sind. Und das, was wahrhaftiger ist, ist auch gleichzeitig gerechter und freier."

Ihren Anspruch an Wahrhaftigkeit konnte das politische System in Portugal jedoch nicht erfüllen, Sophia widmete sich wieder ganz ihrer Poesie. 1999 erhielt sie als erste Portugiesin den Prêmio Camões - den wichtigsten Literaturpreis des portugiesischen Sprachraums. Trotzdem war ihr Werk dem deutschsprachigen Leser lange Zeit unbekannt: Erst 2010 erschien im Verlagshaus Langewiesche-Brandt ein zweisprachiger Gedichtband. Nach ihrem Tod im Juni 2004 wurden Sophias sterbliche Überreste ins Nationale Pantheon in Lissabon überführt, wo sie als zweite Frau begraben liegt, neben der Fado-Sängerin Amália Rodrigues.

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