Samstag, 22.09.2018
 
Seit 03:00 Uhr Nachrichten
StartseiteCorso"Rassismus und Sex haben viel miteinander zu tun"08.03.2017

Positionen zum Weltfrauentag"Rassismus und Sex haben viel miteinander zu tun"

In vielen Bereichen der Frauenrechte ist nach Ansicht der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski zu spüren, dass einiges an Fortschritt zurückgedreht wird. Nicht nur deshalb erstarken momentan feministische Strömungen in verschiedenen Ländern - sondern auch aus Protest gegen die vermeintlich politische Korrektheit von Rechtspopulisten.

Margarete Stokowski im Gespräch mit Ulrich Biermann

Margarete Stokowski (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
Margarete Stokowski (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Margarete Stokowski: "Untenrum frei" Der lange Weg zum "Ey, lass das!"

Weltfrauentag Gleichberechtigung global

Weltfrauentag Gewalt gegen Frauen in Flüchtlingsheimen

Ulrich Biermann: Heute haben wir den 8. März, den - man kann es unterschiedlich benennen - Internationalen Frauentag, Weltfrauentag, Frauenkampftag, Internationaler Frauenkampftag oder Frauentag einfach so. Zumindest die Vereinten Nationen haben ihn später einmal als Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden ausgerufen. Über hundert Jahre gibt es ihn schon. Macht das nicht eigentlich schon das Problem deutlich Margarete Stokowski? Was ist das eigentlich?

Margarete Stokowski: Ja, was ist das eigentlich? Gute Frage. Ich sag einfach immer Frauentag, weil das das Kürzeste ist. Dann hat man noch mehr Zeit sonstige Dinge zu sagen, die man eigentlich sagen wollte, wofür man so kämpft. Ich glaube es geht an diesem Tag immer wieder um sehr unterschiedliche Dinge, je nachdem, in welchem Jahrzehnt und an welchem Ort man sich befindet. Manchmal sind es sehr grundlegende Fragen, von zum Beispiel Abtreibungsrechten, überhaupt gleicher Bezahlung und lauter solche Sachen. Und manchmal sind es eher so feinere Sachen, um die es geht. Und ich glaube im Moment sind wir wieder an einer Stelle, wo es um sehr, sehr grundlegende Fragen geht und darum zu zeigen, dass hier sehr viele Leute sind, die einigem wiedersprechen, was gerade in der Welt passiert.

"Ich hatte ein klischeehaftes Bild von Feminismus"

Biermann: Margarete Stokowski, Sie sind aktuell "Spiegel-Online"-Kolumnistin, haben früher in der "taz" eine eigene Kolumne gehabt, "Luft und Liebe". Ihr aktuelles Buch hat den Titel "Unten rum frei", eine auch sehr persönliche Untersuchung über die Mechanismen sexueller Unterdrückung. Man würde ja denken, bei einer Frau die 1986 geboren ist, Sie haben lange gedacht: "Feminismus muss doch kein Thema mehr sein". Und, wann sind Sie eines besseren belehrt worden?

Stokowski: Bei mir war das so, dass ich an vielen kleinen Stellen gemerkt habe, dass bestimmte Probleme nicht weggehen, wenn ich einfach nur dazu schweige. Also, seien es Kleinigkeiten, die mir passieren, wo ich gemerkt habe, ich werde belästigt und versuche das zu ignorieren. Oder sei es, dass ich an der Uni weniger rede als die männlichen Kommilitonen und dann aber keinen Job bekomme. Ja, das heißt ich muss einfach irgendwie mehr machen und nicht einfach nur darauf warten, dass es passiert. Und insgesamt habe ich irgendwann gemerkt, ich hatte so ein klischeehaftes Bild von Feminismus und wofür das steht. Als ich angefangen habe mich damit zu beschäftigen, habe ich gemerkt: Oh, das sind genau die Werte, für die ich eigentlich genau auch stehe. Gleichheit und all diese Sachen. Niemand soll über dich bestimmen. Das ist einem eigentlich als Kind alles klar und später verlernt man das, wenn man sich an Sachen gewöhnt.

"Es geht irgendwie rückwärts"

Biermann: Margarete Stokowski, weniger reden war gerade ihr Stichwort. Ich habe aber den Eindruck: Frauen werden derzeit viel lauter – der Women's March in den USA vor wenigen Wochen. Der wurde zu einem Ereignis mit einer sehr großen Strahlkraft. Beflügelt das ihrer Meinung nach auch feministische Strömungen in Europa?

Stokowski: Ganz sicher. Ich glaube die verschiedenen Strömungen in verschiedenen Ländern beflügeln sich gerade ziemlich stark gegenseitig. Und es ist sehr gut zum Beispiel diese Bilder zu sehen vom Women's March gegen Trump. Einfach weil es so viele Menschen sind. Wann haben wir zuletzt so riesengroße Demonstrationen in einer Frauensache oder Geschlechtersache gesehen? Natürlich sind da nicht nur Frauen dabei, umso besser. Und im Moment haben ja viele das Gefühl, es wird einiges an Fortschritt zurückgedreht. Es geht irgendwie rückwärts. Rassismus wird in weiten Kreisen wieder salonfähig. Und wir sehen sowieso schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, rechte Stimmung machen gegen das, was sie als Genderwahn bezeichnen. Was einfach nur heißt, dass man Vielfalt feststellt und gut findet. Und die sitzen in Talkshows, die schreiben Bestseller, die gelten als Leute, denen man ruhig mal zuhören kann, weil die auch was Interessantes zu sagen haben und dann kommt aber hauptsächlich Diskriminierung dabei raus. Und es ist sehr gut zu sehen, dass es noch sehr viele andere Menschen gibt, die nicht auf diesen Scheiß reinfallen.

Am 21.1.2017 demonstrierten weltweit hunderttausende Menschen für Frauenrechte. (picture alliance / MAXPPP/dpa)Am 21.1.2017 demonstrierten weltweit hunderttausende Menschen für Frauenrechte. (picture alliance / MAXPPP/dpa)

Ist Feminismus ein Luxusproblem?

Biermann: Aber es ist ja spannend das Gender oder Geschlechteridentität – auch der Feminismus – immer wieder als Luxusprobleme einer Gesellschaft abgetan werden. Gleichzeitig haben genau diese Themen einen riesen Einfluss und sorgen für – das was sie eben erwähnt haben – Regress. Rückentwicklung.

Stokowski: Also das mit den Luxusproblemen, das ist natürlich eine einfache Art Dinge wegzudrängen, um die man sich nicht kümmern möchte. Aber andererseits ist es so, dass Geschlechterfragen oder Geschlechteridentität ein Bereich ist, der alle in der Gesellschaft irgendwie betrifft. Zu dem jeder irgendwas sagen kann und von dem jeder auch irgendwie etwas versteht. Und bei Rassismus und Antisemitismus zum Beispiel kriegen das Leute im Zweifel, wenn sie nicht davon betroffen sind, sehr spät mit. Obwohl das dann zu dem Zeitpunkt schon sehr verbreitet ist in der Gesellschaft – bis es vor ihren eigenen Augen passiert. Und eventuell nicht mal dann. Und bei rechtem Denken ist es aber so – und wenn das im Moment stärker wird, dann sehen wir das immer mehr –, dass sowieso schon Rassismus und Sex miteinander zu tun haben. Das ist eine Verknüpfung, die vielen Leuten nicht so bewusst ist, aber Rassismus hat im Kern natürlich immer damit zu tun, wer sich eigentlich mit wem fortpflanzen soll – und was eine vermeintlich natürliche oder gute Form von Sexualität ist. Und Rechte oder Rechtspopulisten haben ein sehr klares Bild davon, welche Lebensweisen als korrekt empfinden oder richtig ansehen und welche nicht. Und paradoxerweise sprechen sie dann aber bei anderen immer von politischer Korrektheit, dabei haben sie selbst eine sehr klare Vorstellung davon, was für sie korrekt ist. Und was ihnen definitiv entgegensteht, sind freie Selbstbestimmung in sexuellen Fragen und Vielfalt. Und genau das ist es, was Leute heute leben wollen und wofür wir am Frauentag auch kämpfen.

Gemeinsam einstehen gegen rechte Strömungen

Biermann: Wären das die wesentlichen Ziele, für die demonstriert werden sollte am Weltfrauentag, ihrer Meinung nach?

Stokowski: Also was die wesentlichen Ziele sind, da werden Sie sehr unterschiedliche Antworten kriegen – je nachdem ob Sie eine Hebamme fragen oder eine Prostituierte oder Leute aus dem linksradikalen Block. Aber ich glaube, was die alle eint – und was ich auch als wichtigsten Punkt im Moment sehen würde – ist ein sehr starkes Einstehen gegen den momentanen rechten Backlash, den wir überall sehen können. Und zwar gegen Sexismus und Rassismus und die Verknüpfung von beidem.

Biermann: Margarete Stokowski zum Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau. Danke Ihnen für das Gespräch.

Stokowski: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk