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StartseiteForschung aktuellRöntgentomographie macht geschlossene Briefe lesbar03.03.2021

Post aus der RenaissanceRöntgentomographie macht geschlossene Briefe lesbar

In den Archiven der Welt lagert manch ein historischer Schatz, zum Beispiel jahrhundertealte ungeöffnete Briefe. Um diese beim Öffnen nicht ernsthaft zu beschädigen, hat ein Forschungsteam aus den USA jetzt eine neue Methode entwickelt - eine Kombination aus Röntgengerät und Rätsel-Algorithmus.

Von Frank Grotelüschen

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Computer-generated unfolding sequence of sealed letter DB-1538 (Unlocking History Research Group archive/MIT)
Forschende aus den USA haben einen jahrhundertealten Brief virtuell aufgefaltet (Unlocking History Research Group archive/MIT)
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Den Brief kurz gefaltet, in den Umschlag gesteckt, Marke drauf und ab in den Briefkasten. So läuft es mit der Post seit gefühlten Ewigkeiten. Doch Briefumschläge, die wirkungsvoll vor allzu neugierigen Blicken schützen, gibt es noch nicht so lange.

"Briefumschläge sind eine relativ junge Errungenschaft, um das Jahr 1830 wurden sie in England erfunden. Davor haben die Menschen das Papier einfach zusammengefaltet, um eine Art selbstschließenden Umschlag zu machen. Und manchmal haben sie noch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen eingebaut."

Schlitze, Laschen und eine raffinierte Falttechnik

Schlitze und Laschen sorgten in Kombination mit einer raffinierten Falttechnik dafür, dass niemand einen Brief unbemerkt lesen konnte, erzählt Jana Dambrogio, Konservatorin am MIT in Boston. Manche Briefe waren so kompliziert gefaltet, dass sie in zwei Teile zerrissen, wenn sie nicht mit äußerster Sorgfalt geöffnet wurden. Für die Geschichtswissenschaft durchaus ein Problem: Immer wieder mal stößt sie auf ungeöffnete historische Briefe. Um den Inhalt entziffern zu können, müssen sie die Fachleute bislang öffnen – und zerstören dadurch zwangsläufig das sorgsam gefaltete Kunstwerk. Doch nun hat sich Dambrogio gemeinsam mit einem interdisziplinären Team eine Alternative einfallen lassen. Sie basiert auf einem speziellen Röntgenverfahren, sagt Dambrogios Kollegin Holly Jackson.

"Dieses Röntgengerät wird eigentlich für die Zahnmedizin verwendet. Aber aufgrund seiner hohen Auflösung liefert es auch hochwertige Aufnahmen von Briefen. Und früher wurden viele Briefe mit sogenannter Gallustinte geschrieben. Die hat einen hohen Anteil an Eisen und ist deshalb in den Röntgenscans gut zu erkennen."

Software sortiert Buchstaben-Puzzle

Doch mit den Rohdaten aus dem Röntgenscanner alleine ließ sich noch nicht allzu viel anfangen. Schließlich war das Papier mehrfach gefaltet, weshalb die Buchstaben und Sätze kreuz und quer im Röntgenbild lagen, teils verdeckten sie sich gegenseitig. Um das zu entwirren, nahmen die Fachleute bereits bekannte Briefe in Visier und analysierten deren Faltung und Struktur. Dann schrieben sie eine Software, die das Buchstaben-Puzzle sortieren kann.

"In einem ersten Schritt erkennt der Algorithmus, was Papier ist und was nicht. Allerdings sind die verschiedenen Lagen nicht immer so leicht zu unterscheiden, weil sie sehr eng übereinander liegen. Um dieses Problem zu lösen, simulieren wir die mechanischen Kräfte, die durch die Faltung entstehen. Dadurch können wir die verschiedenen Lagen des Papiers identifizieren, den Brief virtuell auffalten und den Text erkennen."

Zunächst testete das Team ihre Software an Briefen, die schon mal geöffnet waren, deren Inhalt also bekannt war, und die dann wieder zusammengefaltet wurden. Als das gut klappte, wagten sich die Fachleute an ein bislang ungeöffnetes Dokument – einen Brief aus dem Jahr 1697.

"Er beschreibt eine alltägliche Geschichte aus dem Europa des 17. Jahrhunderts: Ein Kaufmann bittet jemanden um eine Sterbeurkunde für dessen Cousin. Offenbar brauchte er diese Urkunde, weil sich 1697 die französischen Versicherungsgesetze geändert hatten. Und wir vermuten, dass er beweisen wollte, dass diese Person gestorben war, bevor sich die Erbschaftsgesetze geändert hatten."

Noch aberhunderte ungeöffnet Briefe in Archiven

Doch der einigermaßen profane Inhalt des Briefs war nicht das Einzige, was das Team aus den Röntgendaten herausdestillieren konnte. Auch das genaue Faltungsmuster wurde rekonstruiert, insgesamt neun Mal hatte der Absender den Brief gefaltet. Zudem trat das Wasserzeichen des Papierherstellers zu Tage – ebenso wie das Loch eines Bücherwurms, der sich durch das Dokument gefuttert hatte. Reiche Beute also für Jana Dombrogio und ihre Leute. In Zukunft, hofft sie, soll die Software noch weitere ungeöffnete Briefe enträtseln. Aberhunderte davon liegen in den Archiven, an die sich bislang niemand herangetraut hat, um die empfindlichen Dokumente bloß nicht zu zerstören.

"Wir können jetzt ein Werkzeug anbieten, mit dem sich ein Brief studieren lässt ohne ihn zu öffnen. Dann nämlich können wir den Brief so belassen wie er heute ist. Und in Zukunft werden wir ihn dann vielleicht sogar mit Technologien analysieren können, von denen wir heute noch nicht einmal träumen."

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