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StartseiteEuropa heutePostelberg will endlich Ruhe vor dem Zweiten Weltkrieg22.06.2009

Postelberg will endlich Ruhe vor dem Zweiten Weltkrieg

Ein tschechischer Ort und sein Umgang mit der Vergangenheit

Das tschechische Postoloprty, zu deutsch: Postelberg - steht für über 700 ermordete Sudetendeutsche. Für Menschen, die sich ihr Grab selbst schaufeln mussten. Die mutmaßlichen Täter sind bekannt - doch die Aufarbeitung scheuen die Einwohner.

Von Kilian Kirchgeßner

Sudetendeutsche auf dem Weg zum Bahnhof in Liberec, ehemals Reichenberg, im Juli 1946. (AP Archiv)
Sudetendeutsche auf dem Weg zum Bahnhof in Liberec, ehemals Reichenberg, im Juli 1946. (AP Archiv)
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Die Sonne scheint über dem kleinen Garten in Postoloprty, Walter Urban hat sich mit seinem Bruder Erich ein friedliches Idyll geschaffen für die Familie und den jungen Dackel.

"Wir sind schon hier geboren worden, unser ganzes Leben haben wir hier verbracht. Seit Menschengedenken ist unsere Familie hier zu Hause, und unsere Eltern haben sich ein Häuschen gekauft."

Walter Urban ist der letzte Deutsche in dem böhmischen Ort. Zumindest nennen sie ihn hier so, dabei hat er schon seit Jahrzehnten kein Wort Deutsch mehr gesprochen. Die Familiengeschichte der Urbans ist eine dramatische Geschichte seit jenem Tag im Juni 1945.

"Da gab es diese Bekanntmachung, dass sich alle Deutschen in der Kaserne einfinden sollten, erzählt Walter Urban. Mein Vater hat sich gedacht: Ich bin ja kein Nazi, habe niemandem etwas getan – was sollen die schon von mir wollen?"

Aber Franz Urban wird ermordet und mit Hunderten anderen Sudetendeutschen in Massengräbern verscharrt. Er liegt irgendwo dahinten, sagt Walter Urban, und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Wiesen, die sich rings um seinen Garten erstrecken. Der Ort Postoloprty, zu Deutsch Postelberg, wurde zum Schauplatz für eines der größten Massaker, das bei der Vertreibung der Sudetendeutschen stattgefunden hatte. Tausende Deutsche aus der weiten Umgebung wurden in die örtliche Kaserne eingesperrt, sie mussten ihre Gräber selbst ausheben und wurden dann niedergemetzelt. 763 Morde sind belegt, die Dunkelziffer ist weitaus größer. Die Polizei hat jetzt die Spur zu den inzwischen verstorbenen Tätern gefunden. Sprecherin Sarka Polackova:

"Erst jetzt ist es gelungen, ausreichend Beweise zu finden, auf deren Basis zumindest ein Teil der Morde aufgeklärt werden konnte. Konkret geht es um den Mord an fünf Jugendlichen."

Nicht einmal 15 Jahre alt waren sie, und sie wurden erschossen, weil sie sich von der Kaserne entfernt hatten, um ein paar Äpfel zu pflücken. Zwei Männer aus der Region waren es, die sie erschossen hatten – und diese Erkenntnis wirbelt jetzt den Ort Postoloprty gehörig auf. Über die Vergangenheit der eigenen Stadt erschrickt allerdings kaum jemand. Die meisten rollen einfach mit den Augen und wollen ihre Ruhe haben. Eine kleine Kommission hat ein Denkmal angeregt, aber der Widerstand ist groß. Auch Ludvik Mlcuch ist dagegen, einer der Ratsherren.

"Die jungen Leute haben sowieso keine Vorstellung davon, was hier los war. Und dann vergisst man leicht, was von 1938 bis 1945 passiert ist. Die Vertreibung haben sich die Tschechen ja nicht ausgedacht, das war ja eine Folge von etwas anderem. Wenn es um das Denkmal geht, sagen deshalb die älteren eindeutig: Nein."

Warum man denn der deutschen Opfer gedenken solle, wenn doch zuvor so viele Tschechen getötet worden seien – diese Frage steht in vielen Briefen, die Ratsherr Mlcuch in den vergangenen Wochen bekommen hat und die er jetzt vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hat. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist ein schwieriges Thema, sagt er – und noch immer reagieren viele Tschechen gereizt, wenn sich herausstellt, dass unter ihnen nicht nur Opfer waren, sondern auch Täter. Die Brüder Urban, deren Vater damals ermordet worden ist, haben sich daran gewöhnt. Bis heute, sagen die beiden, konnten sie mit niemandem über ihre Traumata sprechen, die sie mit sich herumtragen. Und dann bricht es aus Erich Urban heraus.

"Ich weiß es noch wie heute, dass ich mich damals mit einer Frau in der Stadt unterhalten habe, ich war acht Jahre alt. Mein Vater war in der Kaserne gefangen, und wir haben jeden Tag die Schüsse von den Hinrichtungen gehört. Da kam ein tschechoslowakischer Soldat zu uns und sagte stolz: Heute habe ich 40 von denen geschafft – und ich dachte nur an meinen Vater und bin weggelaufen."

Wenn es einen Gedenkstein gäbe, sagen die Brüder Urban, dann hätten sie wenigstens einen Platz, wo sie Blumen für ihren Vater ablegen könnte, dessen Grab sie bis heute nicht kennen. Um mehr gehe es ihnen nach all den Jahren gar nicht. Im Ort Postoloprty allerdings ist der Widerstand gegen das Denkmal bislang zu groß. Ratsherr Ludvik Mlcuch:

"Die Vergangenheit können wir sowieso nicht ändern. Das ist zwar eine ernste Sache, aber gegenwärtig müssen wir hier ganz andere Probleme lösen."

Und seinen Wählern, sagt er, könne er es nicht erklären, warum man große Summen für einen Gedenkstein ausgibt – schließlich könne man für das Geld auch ein paar Meter Bürgersteig renovieren.

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