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StartseiteKultur heuteFeind und Freund21.05.2019

Postkarte aus CannesFeind und Freund

Cannes, Berlin und Venedig – diese drei sind die ganz Großen unter den internationalen Filmfestivals. Sie kommen sich immer wieder in die Quere, konkurrieren sie doch um dieselben Filme, Regisseurinnen und Schauspieler. Offiziell aber beschwört man natürlich immer wieder die Freundschaft.

Von Maja Ellmenreich

Ein antikes Kinderkarussell am Hafen von Cannes. (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)
Ein bisschen Venedig schmückt sogar das Karussell am Hafen von Cannes (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)

Februar, Mai und September sind die Fixpunkte im jährlichen Filmkalender. Festes Schuhwerk, Mütze und Schal sind Anfang des Jahres gefragt, wenn man sich durch Schneematsch und eisige Böen kämpfen muss, um rechtzeitig ins Kino zu kommen. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um Tickets zu bekommen – egal für welchen Film. Bei der Berlinale heißt es: Dabeisein ist alles!

Im Mai reist dann alle (Film-)Welt in einen kleinen Küstenort nach Südfrankreich, der jenseits seiner Strandpromenade gar nicht so glamourös ist wie der Klang des Namens Croisette vermuten lässt. Das Festival in Cannes feiert die Filmkunst, arrivierte Künstlerinnen und Künstler – doch am liebsten feiert es sich selbst.

Und wenn die große Sommerhitze vorbei ist, beginnt das entspannteste Festival der Branche: Für kurze Zeit wird Venedig zur Hauptstadt des Kinos.

Berlin, Cannes und Venedig. In jeder Stadt ist dem Film ein Prachtbau gewidmet. Ein Palast am Potsdamer Platz für den Bären, ein Palais aus Beton und Glas für die Palme, und ein venezianischer Palazzo für den Löwen. Trotz all der royalen Ähnlichkeit will doch jeder Festivalchef ein König sein – und zwar der einzige.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Deshalb gilt, sich ausgerechnet dann in Erinnerung zu bringen, wenn die Aufmerksamkeit abzudriften droht. Naht die Berlinale, trifft garantiert Post aus Frankreich ein mit den neuesten Neuigkeiten zum nächsten Festival. Und wenn es Zeit für Cannes ist, hat man in Berlin offensichtlich das dringende Bedürfnis, mit einer Pressemitteilung aufzutrumpfen. Eine neue Festivalsektion, die Mitglieder der Jury, der Name der Ehrenpreisträgerin – jede Bekanntgabe zur rechten Zeit ist willkommen. Dieses Gebaren erinnert an ein Kind, das es nicht ertragen kann, wenn ihm gerade mal nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil wird. Zappeln und quengeln hilft – so wie Pressemeldungen.  

Die Berlinale hat sich in diesem Jahr auf ganz besondere Art und Weise in den Festivalpalast von Cannes geschmuggelt. Eine gute Woche vor seinem letzten Arbeitstag als Berlinale-Chef hat sich Dieter Kosslick an der Côte d'Azur auf der Leinwand gezeigt: in Terrence Malicks Wettbewerbsdrama "The Hidden Life". In NS-Uniform sitzt Kosslick – neben Bruno Ganz in dessen letzter Rolle – auf der Richterbank und ist Zeuge einer Urteilsverkündung. Nur, wer hellwach dem dreistündigen Moralepos gefolgt war, konnte den Cameo-Auftritt von Dieter Kosslick bemerken. Überraschend subtil, dieser Abgang des Mr. Berlinale in Cannes.

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