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StartseiteKultur heutePostmigrantisches Theater06.05.2009

Postmigrantisches Theater

Das Tiyatrom und das Ballhaus Naunynstrasse in Berlin auf der Suche nach kultureller Integration

Kaum beachtet von der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft wird im Kreuzberger Tiyatrom seit zwei Jahrzehnten türkischsprachiges Theater gespielt. Das Haus spielt auch heute noch eine wichtige Rolle bei der Kultur- und Sprachvermittlung - doch die zweite und dritte Generation der Migranten will mehr vom Theater. Diese postmigrantische Theatergemeinde trifft sich im Berliner Ballhaus Naunynstrasse.

Von Jutta Schwengsbier

Eine neue Generation von postmigrantischen Theatermachern will mehr, als Schauspiel für ethnische Minderheiten inszenieren.  (© Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth)
Eine neue Generation von postmigrantischen Theatermachern will mehr, als Schauspiel für ethnische Minderheiten inszenieren. (© Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth)

Wie erleben die Kinder von Migranten Deutschland? In "Klassentreffen - Die zweite Generation", spielen erfolgreiche Deutschtürken ihre eigene Lebenswirklichkeit. Das Ballhaus Naunynstrasse in Berlin experimentiert mit neuen Formen und Erzählweisen. Die künstlerische Leiterin des Ballhauses, Shermin Langhoff, hat lange als Regieassistentin bei Filmproduzent Fatih Akin mitgearbeitet. Jetzt will sie das Erfolgsrezept der Kinomacher auch auf die Bühne übertragen.

"Eine zweite, dritte Generation von Menschen, die hierher migriert sind, hier leben, hat hier noch keine Zugänge dazu, Kultur zu produzieren und Kultur zu rezipieren. Keine maßgeblich auch staatlich subventionierte, geförderte. In diesem unseren gemeinsamen Land gibt es Geschichten, gibt es Perspektiven, die so noch nicht erzählt sind. Das ist künstlerisch interessant."

Viele der Aufführungen, so Shermin Langhoff, basieren auf Interviews und zeigen eine Gratwanderung zwischen verschiedenen Kulturen und Identitäten. Auch die sehr erfolgreiche Inszenierung "Schwarze Jungfauen".

"Es war so ein Bild, was mir begegnet war hier in Berlin, von jungen Frauen um die 16, 17 , 18 oder auch ein paar Jahre älter, die wirklich aufgehübscht bis zum geht nicht mehr sind: Wunderbare Klamotten. Meist sehr eng anliegend, hochstöckige Stiefel. Komplett geschminkt im Gesicht, aber dann wirklich ein Kopftuch. Wie eine Nofretete, wo man sagt, es geht um Verhüllung auf der einen Seite und auf der anderen Seite sehen sie aus, als könnten sie direkt auf der Oranienburger Straße stehen, mit den Kolleginnen, die das gewerblich tun."

Eine neue Generation von postmigrantischen Theatermachern will mehr, als Schauspiel für ethnische Minderheiten inszenieren. Das Konzept eines "Theaters für Türken", wie es seit zwei Jahrzehnten das Tiyatrom in Berlin Kreuzberg bietet, betrachten einige inzwischen als veraltet.

Anders als das Ballhaus Naunynstrasse versteht sich das 1984 vom Theaterpädagogen Yekta Arman gegründete Tiyatrom eher als Integrations- denn als Kulturprojekt.

"Ich mache hier mehr soziale Arbeit als kulturelle. Wir haben Streetprojekte, selbst habe ich sechs Klassen hier. Ich bin eigentlich ein Soldat gewesen für diese Integration seit 37 Jahren als ein Berliner Türke."

Täglich betreut Yekta Arman im Theater mehr als 150 Kinder und Jugendliche aus ganz verschiedenen Nationen.

"Hodzha, das können wir auch machen, dass der Hund auch kommt und der will auch Geld haben ..."

Hodzha - Lehrer - nennen Yezim Gamsezürün und Dilala Aydin Yekta Arman respektvoll. Sie sind zwei von 15 Jugendlichen, die mehrmals in der Woche an seiner Schreibwerkstatt im lichten Vorraum des Theaters teilnehmen. Doch Integration durch Theater. Dieses Konzept erscheint dem Berliner Senat inzwischen als überholt. Christiane Ziesecke ist beim Berliner Senat zuständig für die Förderung freier Kulturprojekte.

"Nach mehr als 20 Jahren und vielen Reformbemühungen, waren wir der Ansicht, dass das kein zeitgemäßes Theater mehr ist. Man hat mehrfach versucht, das Theater zu reformieren, irgendwie andere Aspekte reinzubringen und das ist im wesentlichen gescheitert."


Yekta Arman: "Aber jetzt, seit fast einem Jahr ohne finanzielle Unterstützung, was machen wir jetzt? Sie machen die Arbeit kaputt, was wir bisher gemeinsam geleistet haben. Das geht nicht. Das kann ich nicht akzeptieren!"

Während Yekta Arman um die weitere Existenz seines Integrationstheaters bangt, beansprucht das postmigrantische Theater inzwischen einen festen Platz in der Kulturlandschaft in Deutschland. Viele der Künstler, die zuerst im Ballhaus Naunynstrasse in Berlin entdeckt wurden, sind mit ihren Themen inzwischen auch in andere Schauspielhäuser bundesweit eingezogen.

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