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StartseiteEuropa heuteBrasilianer in Portugal wollen Rechtsruck verhindern25.10.2018

Präsidentschaftswahl in Brasilien Brasilianer in Portugal wollen Rechtsruck verhindern

In Portugal leben so viele Exil-Brasilianer wie nirgendwo sonst in Europa. Viele von ihnen hatten schon in der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl den umstrittenen Kandidaten Jair Bolsonaro unterstützt. Andere versuchen sein Wahl noch zu verhindern.

Von Tilo Wagner

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Exil-Brasilianer warten in einer Schlange vor einem Hotel im portugiesischen Porto um zur 1. Wahlrunde der brasilianischen Präsidentschaftswahl ihre Stimme abzugeben, am 07.10.2018 (imago/Maria Daniela)
Auch in der portugiesischen Stadt Porto standen am 7. Oktober Exil-Brasilianer Schlange, um an der ersten Wahlrunde zur brasilianischen Präsidentschaftswahl teilzunehmen. (imago/Maria Daniela)
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In der Lissabonner Altstadt haben sich auf einem zentralen Platz rund 200 Leute zu einer Kundgebung versammelt. Sie halten Plakate in die Luft, skandieren den Namen der ermordeten brasilianischen Bürgerrechtlerin Marielle Franco und tanzen zu den Capoeira-Rhythmen einer Musikgruppe.

"Wir sind gegen jede Form von Hass," sagt die brasilianische Kulturwissenschaftlerin Samara Azevedo, die mit ihrem Bürgerverein die Veranstaltung mitorganisiert, um ein Zeichen gegen den rechtsextremen brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro zu setzen.

"Mit unserer Veranstaltung in Lissabon erreichen wir auch die brasilianische Öffentlichkeit viel einfacher. Sonst ist es nicht leicht, die Medien-Blase in Brasilien zu durchstechen, aber wenn wir Fotos und Videos über eine Demo im Ausland machen, greifen die Medien in Brasilien das auf."

Die Demonstranten wollen aber auch die brasilianische Gemeinde in Portugal erreichen.

Besonders große Unterstützung in Portugal

Im ersten Wahlgang Anfang Oktober erhielt Bolsonaro über 56 Prozent der Stimmen brasilianischer Wähler in Lissabon - einen so starken Zuspruch unter brasilianischen Migranten hat der rechtsextreme Kandidat in fast keiner anderen europäischen Stadt erhalten. Zum Teil lässt sich das damit erklären, dass sich das Profil der brasilianischen Migranten in Portugal ändert. Vor einem Jahrzehnt kamen vor allem schlecht ausgebildete Arbeiter aus den ärmlicheren Regionen Brasiliens nach Portugal, um im Niedriglohnsektor Jobs zu suchen. Heute sind es überwiegend gut ausgebildete, wohlhabendere, weiße Bürger der Mittelschicht, die sich in Lissabon und Porto niederlassen - und aus dieser Gruppe kommt laut brasilianischen Studien auch die Mehrheit der Bolsonaro-Wähler in Brasilien.

Mit Hilfe ihrer portugiesischen Mitbürger will die Aktivistin Samara Azevedo nun auf die Gefahren einer rechtsextremen Regierung in Brasilien hinweisen:

"Weltweit macht man sich Sorgen, was passiert, wenn Bolsonaro an die Macht kommt. Aber hier in Portugal spüren wir eine besondere Sensibilität für unsere Fragen. Bürgerrechtsvereine, Künstler und Politiker unterstützen unser Anliegen. Niemand kann wirklich ganz genau erklären, was gerade in Brasilien passiert. Aber wir finden hier in Portugal ein offenes Ohr für unsere politischen Fragen."

Die historischen Beziehungen zwischen Portugal und seiner ehemaligen Kolonie Brasilien sind noch heute in Kultur, Wirtschaft und Politik spürbar. Der Außenhandel mit dem südamerikanischen Land hat in keinem anderen EU-Staat einen so hohen Stellenwert wie in Portugal: Im vergangenen Jahr machten die portugiesischen Warenausfuhren nach Brasilien 6,6 Prozent der gesamten Exporte aus.

Schatten der Vergangenheit

Dennoch haben alt eingesessene portugiesische Großunternehmer teilweise ein verzerrtes Bild von der brasilianischen Zeitgeschichte. Nach der linksgerichteten Nelkenrevolution in den 1970er Jahren in Portugal waren konservative Firmenbosse geflohen - und hatten in der damaligen brasilianischen Militärdiktatur Exil gefunden - jener Diktatur also, die für den Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro ein politischer Bezugspunkt ist.

Viele rechtsgerichtete Politiker in Portugal wollten sich öffentlich nicht gegen Bolsonaro aussprechen, sagt der Gründungsvorsitzende der Linkspartei "Bloco Esquerda" Francisco Louçã. In der vergangen Woche hat Louçã einen Appell prominenter Portugiesen gegen den Rechtsruck in Brasilien mitinitiiert, den zumindest die ehemalige konservativen Politiker Francisco Balsemão oder Diogo Freitas do Amaral unterschrieben haben:

"Bolsonaros Erfolg stützt sich auf den Hass. Er zeigte eine enorme Aggressivität gegen Frauen, gegen Schwule, gegen Schwarze, gegen die Armen. So etwas hat es weder in Zeiten der brasilianischen noch der portugiesischen Diktatur gegeben. Sein Hass schürt noch mehr Hass. Und die Antwort darauf muss aus einer Demokratie kommen, die nicht schweigt, die diese Menschen beschützt und die nicht zulässt, dass sie in einem derartigen Regime auf sich alleine gestellt sind."

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